Politikwissenschaft
Die Geschichte der Russen ist bewegt: Allein im letzten Jahrhundert durchlebten sie das Ende eines Zarenreichs, folgenschwere Revolutionen und blutige Kriege. Schließlich fanden sie sich im Sozialismus wieder, der nicht nur für Andersdenkende unzählige Entbehrungen verlangte. Diese Vergangenheit hat Spuren in der russischen Seele hinterlassen. Zwei Russlandexpertinnen berichten über ein rätselhaftes Volk, das sich auch nach der Öffnung mit zahlreichen politischen Machtspielen und wirtschaftlichen Krisen auseinandersetzen muss.
Von Dr. Annette Baumgart-Wendt, Humboldt-Universität zu Berlin und Dr. Bianca Jänecke, ITMO Berlin
Von alters her gilt die russische Kultur als rätselhaft. Berichte von Russlandreisenden aus Westeuropa bestätigen seit Jahrhunderten die gängigen Stereotypen, nach denen Russen anders strukturiert sind: Sie haben ein spezifisches Zeit- und Raumempfinden, sind eher vergangenheitsorientiert. Die traditionelle Erziehung orientiert sie weniger auf Eigenverantwortung und Erfolg, sondern auf ein Ideal.
Im Mittelpunkt ihres geistigen Lebens steht die Seele. Hauptantrieb für gesellschaftliche Aktivität ist seit jeher das Streben nach Reinheit der Seele. Auf diese Weise war und ist ein subversiver Zugang zur Seele und damit die Möglichkeit zur massiven Einmischung in das private Leben der russischen Menschen durch die orthodoxe Kirche und den Staat geschaffen worden.
Interessanterweise preisen russische Dichter und Denker voller Stolz die Rätselhaftigkeit der russischen Seele - ein Konzept, das an sich zu einem wahren „Exportartikel" geworden ist und ohne welches kaum eine Abhandlung über Russland, seine Menschen und seine Kultur auszukommen scheint.
Im Gespräch mit Ausländern verweisen die Russen selbst jedoch eher selten auf die Rätselhaftigkeit ihrer Seele, obwohl es in ihrem Verständnis durchaus als Bonus gilt, bei anderen als rätselhaft, unergründlich und undurchschaubar zu gelten. Von Ausländern nach dem Besonderen oder Typischen ihrer Mentalität befragt, nennen Russen zumeist Attribute, wie
Die russische Gesellschaft befindet sich seit Ende der 1980er Jahre in einem permanenten und radikalen Transformationsprozess. Das traditionelle Wertesystem war zusammengebrochen, neue post-sowjetische Werte bildeten sich nur langsam heraus.
Gleichzeitig ist in den letzten Jahren eine verstärkte Rückbesinnung auf althergebrachte (vor-sowjetische) Werte und Traditionen zu beobachten. Dazu gehört eine starke Hinwendung zum Glauben und ein wieder erstarkendes Nationalgefühl ebenso wie neoimperiale, minderheitenfeindliche und nationalistische Tendenzen.
Anders als in stabilen Gesellschaften, basiert der gemeinsame Wertekonsens der russischen Gesellschaft auf einem sehr viel schmaleren Fundament.
Umbruch- und Krisensituationen wirken immer auch als Katalysatoren auf Mentalität und Kultur. In Krisensituationen, wie sie auch Russland gegenwärtig massiv durchlebt, verändert sich die Mentalität seiner Bürger. Neue Lebensentwürfe entstehen.
Auch wenn der Unfassbarkeitsmythos der russischen Seele manchem Wissenschaftler sehr entgegen kommt - vieles lässt sich leichter vermitteln und befreit von der lästigen Pflicht, Probleme tiefgründig zu hinterfragen und das eigene Tun kritisch zu reflektieren - ist es gerade im Umgang Russlands mit der Krise faszinierend nachzuvollziehen, wie die veränderte Mentalität zum Tragen kommt.
Typische Eigenschaften, wie Gastfreundschaft und Kollektivgeist, haben ihre Selbstverständlichkeit verloren. Als Folge von Globalisierung und Polarisierung der Gesellschaft wächst besonders in den Städten die Zahl derer, die individuellen Erfolg als Folge persönlicher Anstrengung und Leistungsorientierung des Einzelnen sehen.
Verschärft hat sich auch das von jeher ambivalente Verhalten der Russen zur Macht. Sie missbilligen Machthaber mit außerordentlichen Privilegien und hierarchischen Machtstrukturen, sind aber im Grunde genommen dankbar, dass sie selbst nicht politisch aktiv werden müssen.
Das erklärt die Initiativlosigkeit der Bürger im Streben nach politischer Freiheit und Achtung der Bürgerrechte. Politischer Protest mündet nicht in Demonstrationen oder Bürgerinitiativen, sondern reduziert sich auf Küchengespräche mit Freunden.
Ein neuer Konformismus macht sich breit. Der Pluralismus von zugelassenen Parteien und Organisationen eröffnet den Bürgern unzählige Möglichkeiten, ihre Überzeugungen einzubringen.
Wer aber ernsthaft Karriere machen will - ob als Politiker, Gewerkschafter, Anwalt, Fernsehstar oder Sportler - sollte Mitglied der „richtigen" Partei oder Jugendorganisation sein. Zielführend erweist sich in diesem Zusammenhang nur die Mitgliedschaft in der führenden Partei Jedinaja Rossija (Einiges Russland) oder der Jugendorganisation Naschi (Unsere).
Diese Bezeichnung charakterisiert übrigens sehr deutlich einen weiteren Wesenszug russischer Mentalität: die klare Unterscheidung zwischen Bündnispartnern (die Eigenen) und Gegnern (die Fremden); mit anderen Worten, es gilt noch immer die alte Regel „Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns!".
Das Auf und Ab in der russischen Geschichte führte zu ständigen gesellschaftlichen Dramen und Krisen. Vielleicht gerade weil die Krise nahezu ein Dauerzustand in der jüngeren Geschichte Russlands ist, haben die Russen im Laufe der Jahrhunderte eigene Instrumente - wenn schon nicht zur Krisenprävention, so doch wenigstens zum Umgang mit diesem Phänomen - entwickelt.
Anders als ihre westeuropäischen Nachbarn lassen ihre unerschütterliche Ruhe, ihre Gelassenheit, ihr Hang zum Fatalismus sie Krisen als naturgegeben erleben. Ohne große Hysterie passen sich die Menschen an. Selbst das Erscheinungsbild der Krise ist in Russland ein anderes: die Krise kommt moderater und zugleich abstrakter daher.
Gleichzeitig werden Krisen auch als Chance zur Veränderung wahrgenommen. So zwingt die gegenwärtige wirtschaftliche Lage die Unternehmen zum verantwortlichen Umgang mit Ressourcen, aber auch zur Rationalisierung: Betriebe trennen sich von unrentablen Geschäftsbereichen, überflüssigen Mitarbeitern im Management sowie von unqualifizierten Kräften. Nach wie vor hoch im Kurs stehen dagegen gut qualifizierte Fachleute.
Die Russen besinnen sich auf ihre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erworbenen „Überlebensstrategien" - die Pflege privater Netzwerke und Beziehungen, die Aufnahme mehrerer paralleler Arbeitsverhältnisse, das Ausweichen in Schattenwirtschaft und Selbständigkeit.
Besonders hart trifft die jetzige Wirtschaftskrise die nach der Bankenkrise von 1998 gerade im Entstehen begriffene Mittelschicht, jene also, die es durch harte Arbeit geschafft haben, sich einen bescheidenen Wohlstand aufzubauen. Ihnen droht die Krise den gerade geschafften sozialen Aufstieg zunichte zu machen.
Die Mehrheit der russischen Bevölkerung erlebt die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise vor allem in Form einer steigenden Inflation und einer Verknappung des noch immer zu einem Großteil auf Importen basierenden Warenangebotes in den Geschäften. Nicht Wenige fürchten außerdem ihren Arbeitsplatz zu verlieren.
Insgesamt schaut die Mehrzahl der Menschen jedoch optimistisch in die Zukunft. Dieser Optimismus fußt in dem unerschütterlichen Glauben, dass jede Krise endlich ist und sich bisher noch immer ein Ausweg gefunden hat.
Gerade diese Zukunftsgewissheit und Unerschütterlichkeit seiner Menschen macht Russland noch immer zu einem lohnenswerten Kooperationspartner und zu einem Markt mit beträchtlichem Entwicklungspotenzial.
Dr. Annette Baumgart-Wendt lehrt am Institut für Slawistik an der Humboldt-Universität zu Berlin.
Dr. Bianca Jänecke ist Leiterin des Geschäftsbereichs Osteuropa von ITMO Berlin (Interkulturelles Training und Managemenberatung für Osteuropa).