Auf eine Tasse mit Michael Bloss
Die mittel- und osteuropäischen Volkswirtschaften sind in der Krise besonders unter Druck geraten. Schließlich versiegen neben den Direktinvestitionen nun auch die Exporte. Die Situation ist umso heikler, da dort nun Zentralbanken Zinsen senken, Währungen in der Folge abwerten und private Haushalte unter der Last ihrer Schulden zusammenzubrechen drohen. Unser Finanzmarktexperte stellt die aktuelle Situation dar. Er geht zudem der Frage nach, welche Auswirkungen ein Staatsbankrott eines mittel- oder osteuropäischen Landes auf Europa haben könnte.
Von Michael Bloss, Europäisches Institut für Financial Engineering und Derivateforschung (EIFD), Frankfurt am Main
Die weltweite Wirtschaftskrise hat den Osten Europas erfasst. Nachdem in Mittel- und Osteuropa (Ungarn, Polen, Tschechien etc.) die Wirtschaft im Durchschnitt der letzten drei Jahre um 5,5 Prozent gewachsen ist, schätzen Experten, dass sie 2009 deutlich schrumpfen wird.
Denn diese Länder verbuchen derzeit hohe Leistungsbilanzdefizite. Auch einige osteuropäische Währungen werten stark ab und vereinzelt ist die Zahlungsfähigkeit einiger Länder bedroht. Das Kreditvolumen in Mittel- und Osteuropa liegt derzeit rund 10-mal so hoch wie im Jahr 2000.[1] Die Angst vor Kreditausfällen bei den ohnehin angeschlagenen Banken ist folglich sehr hoch.
Der Nobelpreisträger und renommierte Princetonprofessor Paul Krugmann sorgte mit seiner Aussage, dass Österreich aufgrund seines großen Engagements in Osteuropa kurz vor dem Staatsbankrott steht, in der Alpenrepublik für Unmut. Fakt ist, dass Österreich bei den 5y-CDS-Rates[2] bei 150 BP angekommen ist. Vor der Krise lag dieser Wert in Österreich bei unter 50 BP. Im Vergleich: Deutschland 54 BP, Frankreich 58 BP, USA 57 BP, Griechenland 163 BP und Italien 142 BP.[3]
Vor wenigen Jahren galten unter anderem Tschechien, Polen und Ungarn als boomende Wachstumsregionen. Sie profitierten nach dem EU-Beitritt von einem hohen Zufluss an Direktinvestitionen und einer hohen Nachfrage aus dem Ausland. Mit dem Einbruch der Weltkonjunktur entfielen allerdings diese gesamtwirtschaftlichen Effekte und es zeigte sich, wie abhängig die mittel- und osteuropäischen Staaten von ihren westeuropäischen Nachbarn sind.
Es ist davon auszugehen, dass das Bruttoinlandsprodukt in Mittel- und Osteuropa 2009 erstmals seit 1992 wieder schrumpfen wird. Besonders groß dürfte das Minus in Ungarn und den baltischen Staaten ausfallen. Ein leichtes Plus könnte hingegen allenfalls Polen ausweisen, da es aufgrund seiner geographischen Größe und dem daraus resultierenden Binnenmarkt nicht so extrem vom Außenhandel abhängig ist wie die kleineren osteuropäischen Staaten.[4]
Aufgrund der dargestellten Probleme und der anhaltenden Finanzkrise haben die Zentralbanken der mittel- und osteuropäischen Volkswirtschaften begonnen, ihre Zinsen zu senken. Mit diesem Schritt möchten sie die Exporte wieder stimulieren. Doch damit öffnet sich die Büchse der Pandora: Für Unternehmen verschlechtert sich dadurch die Situation. Auch Banken stehen vor einem Refinanzierungsproblem. Zudem geraten immer mehr private Haushalte unter Druck.

Denn beim Kauf von Immobilien oder langlebiger Güter wie Autos verschuldeten sich zum Beispiel die Ungarn in der Vergangenheit in hohem Maße in fremder Währung, zum Beispiel in Schweizer Franken. Im Zuge der relativ höheren Abwertung der eigenen Landeswährungen im Vergleich zu den Fremdwährungen steigt folglich die Schuldenlast der privaten Haushalte drastisch an. Zudem stehen die Banken selbst vor einem Refinanzierungsproblem.[5]

Die Lage ist durchaus dramatisch: Nur durch eilig geschnürte Hilfspakete der Europäischen Union, des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank konnte im vergangenen Herbst etwa in Ungarn der Staatsbankrott verhindert werden.
Fraglich ist, ob solche direkten Interventionen die einzelnen Währungen dauerhaft stützen können oder ob diese nicht mittelfristig effektlos verpuffen. Denn solche Maßnahmen müssen von anderen, die Wirtschaft stabilisierenden und fördernden politischen Schritten begleitet werden.

Wie geht es weiter? Die Zentralbanken in Mittel- und Osteuropa sollten ihre Zinsen wieder anheben und damit ihre Währungen stützen - auch wenn dies die eigene Konjunktur belastet. Sollte sich die Lage an den Weltmärkten stabilisieren oder gar verbessern, so dürfte auch Osteuropa davon profitieren. Denn an dem langfristigen Trend eines Aufholens dieser Länder gegenüber Westeuropa hat sich nichts geändert.
Schließlich hat auch Südostasien nach der Krise Ende der 1990er Jahre, die durchaus Parallelen zu der aktuellen Situation in Osteuropa aufweist, sehr schnell auf seinen steilen Wachstumspfad zurückgefunden. Wenn die aktuelle Krise überwunden ist, wird auch wieder Liquidität in diese Regionen fließen. Sollten allerdings die osteuropäischen Regierungen und Zentralbanken mittel- bis langfristig keine adäquaten Antworten auf die Schwächen ihrer Währungen finden, dürften diese über kurz oder lang erneut unter Druck geraten.
Sollte sich die Abwertungsspirale weiter drehen, wird die Kreditqualität der Haushalte und Unternehmen weiter sinken. Der Bankensektor könnte kollabieren. Dann würden die Staaten bei stützenden Maßnahmen für ihre Banken schnell an ihre Finanzierbarkeitsgrenzen stoßen und ihre eigene Zahlungsfähigkeit gefährden. Staatsbankrotte wären dann nicht mehr ausgeschlossen.
Ein solcher Staatsbankrott wäre sicher kein rein regionales Phänomen, sondern würde sich wie ein Flächenbrand ausbreiten und auch die westeuropäischen Banken, die sich stark im osteuropäischen Markt engagieren, in Mitleidenschaft ziehen.
Daher gilt es, als ein vorrangiges Ziel, die Zahlungsfähigkeit der osteuropäischen Länder und deren Banken zu sichern um ein deutliches Abgleiten zu verhindern. Eine Maßnahme gegen ein solches Abgleiten ist ein Hilfspaket der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE) und der Europäischen Investitionsbank (EIB) über 25 Milliarden Euro, welches Ende Februar verabschiedet wurde.
Das Paket stellt Eigenkapitalhilfen wie Kredite zur Verfügung. Ein Teil des Kapitals soll zudem an kleine und mittlere Unternehmen als Direktinvestition fließen. Nach Schätzungen des EIB Präsidenten könnte es in Osteuropa zu einem Finanzbedarf von über 350 Milliarden US-Dollar (277 Milliarden Euro) kommen.[6]
Sollten sich die Spekulationen über einen möglichen Staatsbankrott beispielsweise in Ungarn konkretisieren, dann müssten hier schnell Gelder fließen. Welche Folgen ein solcher „GAU" in und außerhalb von Europa mit sich bringen würde, ist heute noch nicht absehbar.
Michael Bloss ist Abteilungsdirektor im Wealth Management der Commerzbank AG und Direktor des Europäischen Instituts für Financial Engineering und Derivateforschung (EIFD).
Er lehrt als Associate Professor und Director for Derivatives am Lehrstuhl für "International Finance" der European School of Finance der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) in Nürtingen und unterrichtet als Lehrbeauftragter an namhaften Universitäten und Hochschulen.
Herr Bloss ist Mitglied des Management Board der European School of Finance der HfWU.
[1] Quelle: Bank Sarasin
[2] 5-jährige Credit Default Swaps
[3] Quelle: Bloomberg, UBS
[4] Commerzbank AG ZCM Reserach
[5] Dresdner Kleinwort
[6] Quelle: Die Welt online v. 28.02.09 „25 Mrd. für Osteuropas angeschlagene Banken"