Zum Oldenbourg Wissenschaftsverlag

Titelbild zum Beitrag: Arbeit, die krank macht
.

Arbeit, die krank macht

Arbeit und Leben in der gegenwärtigen Wirtschaftsgesellschaft

Einen Beruf auszuüben ist ein unverzichtbarer Bestandteil unseres Lebens und für die meisten Menschen mehr als nur reiner Gelderwerb. Die Möglichkeit etwas Nützliches zu leisten, die Anerkennung für erbrachte Leistungen und nicht zuletzt der Kontakt zu den Kollegen befriedigen auch persönliche und soziale Bedürfnisse. Dem gegenüber stehen heute jedoch mehr und mehr Belastungen. Angst um den Job, steigender Leistungs- und Konkurrenzdruck sowie Erfolgszwang nehmen entscheidenden Einfluss auf den Berufs- und Lebenslauf.

Von Professor Dr. Gertraude Mikl-Horke, Wirtschaftsuniversität Wien

 

.

PDFDiesen Beitrag als PDF.

.

Der deutsche Verleger und Schriftsteller Emil Oesch brachte es seinerzeit auf den Punkt:
"Arbeit sei dir dreierlei: Nährer, Freudenbringer und Arznei."

 

Die Arbeit im Sinne der Erwerbsarbeit vermittelt sozialen Status und verschafft Einkommen für den Lebensunterhalt, ist aber auch von großer Bedeutung für die personale Entwicklung und Identität, für Wohlbefinden und Lebensbewältigung der Menschen. Dabei ist Berufsarbeit auch in der modernen Wirtschaftswelt mit Belastungen für die Gesundheit verbunden und von großer Bedeutung für die Lebenszufriedenheit. Darüber hinaus verursachen arbeitsbedingte Erkrankungen und fehlende Arbeitsmotivation volkswirtschaftliche und betriebswirtschaftliche Kosten.

Druck zur Arbeit

In Zeiten steigender Arbeitslosigkeit scheint es primär diese zu sein, die psychosomatische Probleme verursacht. Doch auch jene, die in Beschäftigung stehen, sind momentan vor allem durch die Wirtschaftskrise wachsendem Druck ausgesetzt. Allerdings hat dieser durch die besonderen Belastungen in Zeiten raschen technologisch-organisatorischen Wandels und der Veränderung der Unternehmensstrategien und Beschäftigungsbedingungen bereits lange davor eingesetzt.

Hinterfragen: Arbeitsbedingungen

Im Rahmen der Arbeitssoziologie, -psychologie und -medizin wurden seit langem die typischen Bedingungen der industriellen Arbeit, wie sie durch Mechanisierung, Rationalisierung und Taylorisierung geschaffen worden waren, im Hinblick auf ihre sozialen, psychischen und gesundheitlichen Auswirkungen untersucht.

Monotonie durch repetitive Arbeiten, Stress durch kurze Taktzeiten, Entfremdung durch unfinished jobs, Sinnverlust und soziale Isolation, Folgen von Unterforderung und Überqualifizierung etc. wurden als mit Arbeitsinhalt und Arbeitsorganisation verbundene Effekte erkannt. Man begriff, dass Belastungen, die über lange Zeit andauern, zu Krankheit und Fehlzeiten bis hin zur Arbeitsunfähigkeit führen können.

Die Psyche unter Beschuss

Die Frage, ob Arbeit krank macht, erfährt in der Gegenwart wieder eine verstärkte Relevanz durch die neuen Technologien und ihren raschen Wandel, die Restrukturierung der Betriebe und die Effizienz- und Rentabilitätsstrategien der Unternehmen.

Dabei erweisen sich auf Grund der Veränderung der technischen Grundlagen der Arbeit, der Verschiebung der Beschäftigung zu Verwaltungs- und Dienstleistungsberufen und der bereits erfolgten institutionellen Regelung von Arbeits- und Berufskrankheiten nicht mehr so sehr die körperlichen Schädigungen als direkte Folge der Belastung in Arbeit und Beruf als Problem, sondern vielmehr nervlich-psychische Störungen wie Burn-out, Depressionen, Angstneurosen.

Diese durch Stress, Konflikte und Verunsicherung bedingten Störungen zeigen einen starken Anstieg und sie können sich auch wieder ihrerseits mit körperlichen Erkrankungen verbinden.

Jeder Mensch empfindet anders

Nicht jeder reagiert gleich auf Belastungen, denn die tatsächliche Beanspruchung des Individuums ist durch seine physisch-psychischen Gegebenheiten sowie durch individuelle Eigenschaften, Bedürfnisse und Kompetenzen bestimmt (Belastungs-Beanspruchungs-Konzept). Auch die Dauer der als unerträglich empfundenen Arbeitsbelastung und die privaten Lebensumstände sind maßgebend für die tatsächliche Beanspruchung.

Für die Arbeitssoziologie ist diese Zunahme nervlich-psychischer Störungen insofern von Interesse, weil hier gesellschaftliche, organisatorische und soziale Gründe als Kausalfaktoren angenommen werden können. Aber auch wenn sich die Arbeits- und Beschäftigungssituationen nicht in manifesten Erkrankungen niederschlagen, so haben sie doch Konsequenzen für die Lebensführung und die Arbeitszufriedenheit der Menschen. Daher sind die Bedingungen der gegenwärtigen Arbeitswelt von großer Bedeutung und erfordern einen genaueren Blick.

Üble Wurzeln

Als Ursachen für arbeitsbedingte psychische Erkrankungen werden meist die Intensivierung der Arbeit durch Stellenabbau, sozialpathologische Erscheinungen wie latente Konflikte, Mobbing und sexuelle Belästigung und die existentielle Unsicherheit durch die Angst vor Arbeitsplatzverlust sowie durch prekäre Beschäftigungsbedingungen genannt.

Die Bedrohung durch den Verlust des Arbeitsplatzes und der zunehmende Leistungsdruck sind nicht erst durch die gegenwärtige Wirtschafts- und Finanzkrise ausgelöst worden, sondern sie sind zum einen ein Grundkennzeichen der Lohnarbeit im Kapitalismus, zum anderen aber durch die starke Orientierung der Unternehmen am Kapitalmarkt in den letzten Jahrzehnten verschärft worden.

Qualifizierung statt Motivierung

Die früher geführten Diskussionen über die Motivierung der Arbeitskräfte und die Humanisierung der Arbeit wurden ersetzt durch Erwartungen von Selbstmotivierung und Selbstverantwortung der Mitarbeiter. Die Vorsorge für die Erhaltung der Beschäftigungsfähigkeit wurde zur Quasi-Verpflichtung permanenter Qualifizierung der Arbeitenden, obwohl gleichzeitig die Abhängigkeit des Humankapitals der Menschen von seiner Eignung als Human Resources der Betriebe gestiegen ist. Dies betrifft nicht nur die formalen funktionalen Kompetenzen, sondern die Unternehmen suchen auch das informelle, persönliche Wissen ihrer Mitarbeiter zu nutzen.

Mitarbeiterautonomie versus Erfolgszwang

Die Restrukturierung der Unternehmen hatte die Veränderung der Kontrolle weg von der hierarchischen Überwachung hin zu Erfolgskontrolle zur Folge. Dadurch haben sich die Gestaltungsmöglichkeiten der Arbeitenden erweitert und die oftmals entwürdigende Disziplinierungspraxis wurde zurückgedrängt.

Gleichzeitig kam es jedoch unter den Bedingungen des downsizing zu einer Intensivierung der Arbeit für die verbliebenen Mitarbeiter und durch Konkurrenz- und Erfolgsdruck im Betrieb zur Neigung zu Selbstausbeutung.

Die flexibleren Arbeitsorganisationen und die Kontrolle am Erfolg können auch einen Widerspruch zwischen Anspruch und Realität auslösen, denn einerseits wird von Autonomie, Selbstbestimmung und der hohen Bedeutung des impliziten Wissens gesprochen, andererseits aber die berufliche Existenz und die Aufstiegshoffnungen der Menschen beinhart an Zahlen von Rentabilität und Erfolgsmessung geknüpft.

In die Sackgasse

Leistungs- und Konkurrenzdruck begünstigen Informationszurückhaltung, Kommunikationsdefizite, Misstrauen und Opportunismus und erhöhen die Konfliktinzidenz in den Unternehmen. Konflikte werden häufig nicht offen ausgetragen, sondern bleiben latent und können sich in psychischen oder physischen Symptomen niederschlagen.

Oft kommt es zur Umleitung der Konflikthandlungen auf andere Personen oder Belange, zu sozialpathologischen Verhaltensweisen wie Aggressionen, Mobbing und sexueller Belästigung, die für die einzelnen Betroffenen gravierende gesundheitliche Probleme mit sich bringen können.

Für und wider Flexibilität

Durch die Tendenz der Unternehmen zur Restrukturierung, Konzentration auf das Kerngeschäft, Outsourcing und Kostenflexibilisierung nahmen die „flexiblen" Arbeits- und Beschäftigungsformen zu. Sie können Vorteile für die Arbeitenden darstellen, wenn sie eine bessere Verbindung der Arbeits- und Lebenssphären der Menschen ermöglichen.

Jedoch werden sie in der Gegenwart nicht aus diesen Gründen, sondern im Zuge der leichteren und schnelleren Anpassung der Betriebe an Auftragsschwankungen oder der Rationalisierung der Arbeit im Interesse der Kosten- und Gewinnsituation der Unternehmen eingeführt.

Hart und nicht immer fair

Die flexiblen Beschäftigungsformen wie Leiharbeit/Zeitarbeit, Teilzeitarbeit, Teleheimarbeit und abhängige Selbständigkeit schaffen daher trotz der individuellen Vorteile für die Menschen in bestimmten Lebenssituationen auf längere Sicht ein Heer von Beschäftigten, deren Existenzbedingungen durch erhöhte Unsicherheit charakterisiert ist.

In Zeiten wirtschaftlicher Krisen führt dies zu sozialen Problemen. Vollzeitarbeit nimmt ab, Arbeitsplätze werden rar, immer mehr Menschen müssen sich ihren Lebensunterhalt mit befristeter Beschäftigung, Teilzeitarbeit, Zeitarbeit, geringfügiger Beschäftigung und Mehrfachjobs erwerben.

Zunehmend werden Beschäftigungssituationen daher durch Prekarisierung bestimmt, das heißt. sie ermöglichen den Menschen kaum mehr einen angemessenen Lebensunterhalt, zwingen sie zudem zu ständig neuer Jobsuche.

Vom Kollektiv zum Alleinkämpfer

Der Leistungs- und Konkurrenzdruck in den Betrieben und die Heterogenität der Beschäftigungsformen haben auch eine Individualisierung der Arbeitenden zur Folge, denn die Solidarisierung durch den Rückhalt in der Gruppe der Arbeitenden, die Stärke der kollektiven Interessenvertretungen und die soziale Verantwortung der Unternehmer haben abgenommen.

Die richtige Balance

Zwischen der Zufriedenheit mit der Arbeit und der Lebenszufriedenheit gibt es eine enge wechselseitige Beeinflussung, die zur Erkenntnis der Bedeutung der „Work-Life-Balance" geführt hat. Dies ist nicht nur eine Frage der Arbeitszeitregulierung und ihrer flexiblen Gestaltung, sondern betrifft auch die Problematik von Lebenswelt und Arbeitswelt als zwei im Hinblick auf Sinn und Werte strikt getrennte Sphären. Diese Trennung widerspricht der alltäglichen Erfahrung ihrer tatsächlichen Wechselwirkungen, und sie lässt auch die Hybridformen informeller Arbeit außer Betracht.

Familie oder Karriere?

Für die Menschen stellt sich die Vereinbarkeit von Arbeit und persönlichem Leben je nach der Phase im Lebenszyklus und der jeweiligen Lebenssituation unterschiedlich dar. Meist ist die Zeit der Familiengründung auch gleichzeitig die Periode, in der sich die berufliche Karriere entscheidet. Das bewirkt einen hohen Druck in dieser Lebensphase, vor allem und noch immer für Frauen. Kommen dann auch noch betriebliche Konflikte, Leistungs- und Erfolgsdruck, Arbeitsplatzunsicherheit hinzu, entstehen für die Menschen schwer zu bewältigende Probleme.

Über den Beruf hinaus

Die Erfordernisse erhöhter geographischer Mobilität, der permanenten Weiterbildung und der Anpassung an organisatorischen Wandel haben für die Menschen über ihr berufliches Schicksal hinaus soziale und persönliche Bedeutung. Sie bewirken einschneidende Veränderungen in Lebenssituation und sozialen Netzwerken sowie Anforderungen an Einstellungen und Motivation. Berufslaufbahn und Lebenslauf sowie die Bedeutung derselben für die Menschen und ihre Biographie müssen zusammen betrachtet werden. Dabei gewinnen auch die Probleme, vor die sich insbesondere junge Erwerbstätige, aber auch ältere Arbeitnehmer gestellt sehen, zunehmend an Gewicht.

Für den Schritt nach vorn

Die Arbeitssoziologie steht damit vor großen Herausforderungen, denn sie muss sowohl die Gegebenheiten und Entwicklungen der Arbeits- und Beschäftigungsstrukturen erforschen als auch die Situationen, subjektiven Einstellungen und Deutungen der Menschen in Bezug auf ihre Arbeit und deren Verhältnis zu ihren Lebenshoffnungen.

 

Autorin

Universitätsprofessor Dr. Gertraude Mikl-Horke lehrt an der Wirtschaftsuniversität Wien.

.
.