Soziologie
Im 19. Jahrhundert gab die Dampfmaschine den maßgeblichen Impuls für die Industrielle Revolution. Sie revolutionierte nicht nur die Wirtschaft, sondern auch ganze Gesellschaften sowie deren Arbeits- und Lebensgewohnheiten. Heutzutage werden Menschen in immer kürzeren Abständen mit Innovationen konfrontiert. Unser Berliner Experte geht der Frage nach, inwieweit technischer und sozialer Wandel Hand in Hand gehen und wer die Kriterien für eine erfolgreiche Innovation festlegt.
Von Dr. Cornelius Schubert, Technische Universität Berlin
Beim Thema Innovation denken viele Menschen an technische Neuerungen in Kombination mit wirtschaftlichem Erfolg. Bereits seit Jahren lanciert Innovation zu einem wichtigen Schlüsselbegriff moderner Industrienationen. Um diesen Begriff herum gruppieren sich Erwartungen auf weiteren technischen Fortschritt und gesellschaftlichen Wohlstand in der globalisierten Welt.
Mitunter stellt sich die Gesellschaft selbst unter einen permanenten Erneuerungsdruck, in dem neu mit gut und alt mit schlecht gleichgesetzt wird, in dem folglich auch neuer als besser gilt und in dem Innovation als Gegenspieler von Tradition bestehende Grenzen auflöst und neue Kombinationen aus alten Elementen erschafft.
Die Frage nach der Veränderung gesellschaftlicher Strukturen, dem sozialen Wandel, ist die Grundlage einer soziologischen Betrachtung von Innovationsprozessen. Schon bei Karl Marx finden sich die detaillierten Analysen darüber, wie der Wechsel vom Werkzeug zur Werkzeugmaschine und die damit verbundene Einführung der Dampfmaschine zur industriellen Revolution führen.
Die These des cultural lag von William Ogburn besagt, dass breite Teile der Gesellschaft zunehmend den gesellschaftlichen Feldern hinterherhinken, die die technischen Innovationen hervorbringen und sich ihnen zwangsweise anpassen müssen. Gleichzeitig werden Innovationen von Menschen gemacht, ob durch die schöpferische Zerstörung eines Unternehmers wie es Joseph Alois Schumpeter hervorhebt oder in gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen, die im Rahmen der social construction of technology und der Technikgeneseforschung beschrieben werden.
Gerne werden dabei technische, ökonomische oder soziale Variablen als mehr oder weniger unabhängig voneinander gesehen. Die These vom Technikdeterminismus geht davon aus, dass die Technik eine ihr innewohnende Logik besitzt, nach der sich die technisch beste Lösung auf Dauer durchsetzt. Sozialdeterministische Konzepte gehen davon aus, dass entweder ökonomische Rationalität oder andere soziale Größen, wie Kultur und Herrschaftsverhältnisse, die Technik prägen.
Eine ausgewogene soziologische Betrachtung der Innovation versucht, die Wechselwirkung zwischen den technischen, ökonomischen und sozialen Aspekten der Innovation zu untersuchen und geht davon aus, dass technischer und sozialer Wandel untrennbar miteinander verwoben sind. Ziel ist daher, die Vielschichtigkeit des Phänomens in der Analyse von Innovationsprozessen offen zu lassen, um nicht vorschnell einem der Aspekte Vorrang einzuräumen oder die Vielfalt der empirischen Phänomene unnötig konzeptuell zu reduzieren.
Über Innovation wird viel geredet. Initiativen der Politik, Wirtschaft und Wissenschaft bringen das Thema einer breiteren Öffentlichkeit nahe, erklären die Innovation zu einem übergreifenden Zukunftsfeld und zielen auf die Etablierung einer gesellschaftsweiten Innovationskultur.
Diese Diskurse wirken sich, mit Fördermitteln unterstützt, auf die gesellschaftliche Realität aus. Jedoch sollte man auch hier nicht vorschnell urteilen. Nicht alles, was mit dem Begriff Innovation bezeichnet wird, muss auch eine Innovation sein.
Soziologisch wird es spannend, wenn man den gesellschaftsweiten Diskurs mit den tatsächlichen Handlungen der Akteure vergleicht. Redet man nur über Innovation oder tut sich auch was? Eine Betrachtung von Innovation ohne die Mikroebene, auf der durch innovative Praktiken Neuerungen erschaffen werden, einzubeziehen, ist kaum ausreichend.
Die Analyse der Differenz zwischen Sagen und Machen liefert die soziologisch interessanten Einsichten in die komplexen Dynamiken von Innovationsprozessen. Insbesondere sollte geprüft werden, wo Innovation an Tradition anschließt und wie aus der Kombination von Althergebrachtem etwas Neues entsteht.
Hier sucht die Soziologie nach den Formen, wie Innovationen gesellschaftlich hervorgebracht werden: Sind es die einzelnen genialen Erfinder, die Chefs von Entwicklungsabteilungen oder gar Verbünde aus unterschiedlichen Akteuren?
Innovationen sollen heute möglichst eins sein: Radikal. Gefordert sind technologische Durchbrüche und gesellschaftliche Umwälzungen. Die Bedeutung, die Innovationen im gesellschaftlichen Raum einnehmen, kann man unter anderem daran ablesen, dass es eine Fülle von Angeboten gibt, die Innovationen, speziell technischer Art, vorhersagen sollen.
Teilweise steht mit der Messung der Innovationsfähigkeit Wohl und Wehe ganzer Nationen auf dem Prüfstand. Der Drang, Innovationen zu kontrollieren, speist sich aus der alten Einsicht in die enge Verknüpfung von technischem und sozialem Wandel.
Speziell die risikoreichen Hochtechnologien der letzten 50 Jahre haben in Teilen zu einem überlegteren Umgang mit möglichen Folgen geführt. Die Technikfolgenabschätzung versucht, dem cultural lag durch Vorausschauen zuvor zu kommen und die technische Entwicklung in gesellschaftlich bekömmliche Bahnen zu lenken.
Neben großen und sichtbaren Umwälzungen mit weitreichenden gesellschaftlichen Konsequenzen, wie im Falle von Elektrizität, Automobil, Telefon und Internet, geschieht Innovation aber auch weniger offensichtlich. Die Innovationen im Schatten sind die vielen inkrementellen Verbesserungen, die sich oft unbemerkt von den großen Diskursen entfalten und wirksam werden.
Auch können die Innovationen durch die Nutzer entstehen, die zunehmend kreative Umgangsweisen mit Technik entwickeln und sich neue Technologien außerhalb der Betriebsanleitungen aneignen. Kurzmitteilungen per SMS sind ein gutes Beispiel, wie eine Killerapplikation von Nutzern geschaffen wurde. Das Interessante dabei ist, dass die technische Plattform schon bestand und nur durch eine Nutzungsweise zur Innovation wurde, die von den Mobilfunkfirmen so nicht vorgesehen war.
Die Erfolgskriterien und Entwicklungspfade von Innovationen im Vorhinein zu bestimmen bleibt ein äußerst schwieriges Unterfangen. Daher gehen moderne Innovationskonzepte nicht von linear aufeinander folgenden Phasen der Diffusion - von der Forschung über Entwicklung zur Vermarktung - aus, sondern beziehen sich auf Wandlungsphänomene, wie sie ähnlich für die biologische Evolution beschrieben werden.
Anders als in der Biologie passiert die Variation allerdings nur selten zufällig und die Selektion noch weit weniger. Welche Interessen und welche Konstellationen von Akteuren dabei eine Rolle spielen, wie mit inhärenten Unsicherheiten umgegangen wird, wie soziale Normen in technische Artefakte eingeschrieben werden und wie subversive Techniknutzung Innovationen im Gebrauch hervorbringt, sind wichtige Fragen einer soziologischen Betrachtung der Innovation.
Durch die enge Verknüpfung von technischem und sozialem Wandel lernen wir aus den Analysen der Technik etwas über die Gesellschaft und umgekehrt. Insbesondere ist es interessant zu schauen, wer die Kriterien für eine erfolgreiche Innovation festlegt. Geht es um ökonomischen Gewinn oder um technische Finesse? Um den Erhalt der sozialen Ordnung oder einen Wandel der althergebrachten Strukturen?
Hier gibt es keine einfache Antwort und der soziologische Blick muss in die Gesellschaft schweifen, um die unterschiedlichen Phänomene des radikalen und inkrementellen Wandels, der Innovation im Rampenlicht und der im Schatten, der Verknüpfung von Diskursen und Praktiken, empirisch nachzuspüren. Dann zeigen sich sowohl die Vielfalt der Innovationsprozesse als auch der analytische und gesellschaftliche Gehalt ihrer Untersuchung.
Dr. Cornelius Schubert forscht und lehrt an der Technischen Universität Berlin im Fachgebiet Techniksoziologie. Seit Oktober 2008 ist er zudem Redakteur der Soziologischen Revue.