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Allgegenwärtig

Religion und Medien

Nachrichtensendungen oder politische Debatten in Fernsehen und Radio, Talkshows, Internetforen, Bibelcomics und selbst moderne Musicals wie Jesus Christ Superstar - Religion wird längst nicht mehr nur in theologischen Schriften oder religiösen Begegnungsstätten thematisiert, diskutiert und interpretiert. Unsere Münsteraner Expertin beleuchtet das Medienphänomen aus dem soziologischen Blickwinkel.

Von Dr. habil. Christel Gärtner, Universität Münster

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Auf dem Rückzug?

In der Religionssoziologie hat sich seit den 1970er Jahren des 20. Jahrhunderts außerhalb der quantitativen Religionsforschung die zuerst von Thomas Luckmann (1967, 1991) formulierte These der Privatisierung der Religion in modernen Gesellschaften weithin durchgesetzt. Entgegen den Annahmen der gängigen soziologischen Säkularisierungstheorien verschwindet die Religion in dieser Perspektive nicht aus der modernen Gesellschaft. Lediglich die moderne Sozialstruktur mit ihren rationalen Institutionen von Wirtschaft, Politik, Recht und Wissenschaft etc. wird säkular.

Privat oder öffentlich

Demzufolge verlagert sich die Religion aus dem öffentlichen Raum in die Privatsphäre, verändert damit ihre Sozialform und wird zunehmend unsichtbar (vgl. Luckmann 1991). Um Ort und Sozialform der modernen Religion erkennen zu können, muss sich für Luckmann die Religionsforschung allerdings von einem Religionsbegriff verabschieden, der ihn an eine kirchlich-institutionelle Verfassung bindet. Die Diagnose der Privatisierung der Religion wurde seit den 1980er Jahren um die These der religiösen Individualisierung in fragmentierten modernen Gesellschaften ergänzt (vgl. Gabriel 1996).

Dieser Ansatz findet seit Mitte der 1990er Jahre zunehmend Kritik und Widerspruch. So betrachtet José Casanova (1994) die Privatisierung der Religion als nur eine von drei Dimensionen, die in der Säkularisierungsthese zu einem einheitlichen Konstrukt zusammengebunden seien. Casanovas These von Tendenzen der Entprivatisierung der Religion hat ihren primären Bezugspunkt in Phänomenen der Rückkehr der Religion in die politische Öffentlichkeit.[1]

Ein weites Feld

In der neueren Forschung werden diese Überlegungen ergänzt durch Hinweise auf die Rolle der Medien bei der Entprivatisierung der Religion. Dieses Öffentlich-Werden von Religion stellt, sowohl für die säkulare Gesellschaft als auch für die wissenschaftliche Deutung dieser Entwicklung und der Auseinandersetzung mit lieb gewonnen Thesen wie die der Säkularisierung, eine Herausforderung dar (vgl. Gabriel 2003b; Eder 2002; Gärtner 2008a, Gärtner 2009).

Die religionssoziologische Thematisierung des Verhältnisses von Religion und Medien umfasst das Spektrum Religion in den Medien, Religion der Medien bis zu Medien der Religion (vgl. Janowski 1987; Benedict 1987; Albrecht 1993; Thomas 2000; Malik 2007) und bewegt sich zwischen den beiden Polen der Deutung der modernen Religionsentwicklung: der These der Säkularisierung auf der einen und der der Rückkehr der Religion(en) auf der anderen Seite.

Aus den Augen, aus dem Sinn?

In den 1980er Jahren wurde über die christliche Religion aufgrund ihrer polarisierenden Wirkung kaum noch berichtet, so dass die (institutionalisierte) Religion immer weniger Raum in den Medien einnahm und damit aus dem Blick der Öffentlichkeit geriet. Während die einen diese Entwicklung als Zeichen fortschreitender Säkularisierung deuteten, entdeckten andere die Rückkehr der Religion als Medienreligion (vgl. Albrecht 1993, 126).

Andererseits kehrte die Religion auch über esoterische Themen und fernöstliche Religionen wieder. Zudem drang vor allem in den privaten Fernsehprogrammen zunehmend das Private in die Medien und damit auch Religion und religiöse Praxis, die auf diesem Wege wieder öffentlich gemacht wurde (vgl. Eder 2002; Gabriel 2003b).

Kruzifixurteil und Kopftuchstreit

Seit den 1990er Jahren nehmen die öffentlichen Auseinandersetzungen über Religion wieder zu, wodurch religiöse Themen eine erhöhte Aufmerksamkeit erhalten (vgl. von Soosten 2003). Die Medien tragen durch ihre Berichterstattung mit dazu bei, dass Religion - gerade auch die institutionalisierte - wieder stärker als sichtbarer Faktor in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird.

Einerseits erhöhte sich die Präsenz der Religion in den Medien aufgrund ihrer Rolle, die sie in politischen Umbrüchen spielte (vgl. Casanova 1994). Doch auch Konfliktthemen im politischen Raum wie das Kruzifix-Urteil, die Auseinandersetzung um das Schulfach Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde oder religiös motivierte Gewalt und die Mobilisierung religiöser Differenzen, wie sie im Kopftuchstreit muslimischer Lehrerinnen oder dem Bau von Moscheen zum Ausdruck kommen, verschafften den Religionen gesteigerte Aufmerksamkeit. Zudem haben die Anschläge vom 11. September 2001 das politische Interesse am Islam gesteigert.

In der Diskussion

Andererseits wurde Religion gelegentlich auch selbst wieder zum Thema: So gab die Jahrtausendwende Anlass, über die christlichen Wurzeln der westlichen Kultur zu reflektieren. Überdies wurde der öffentliche Tod von Papst Johannes Paul II. als durchaus provozierendes oder irritierendes religiöses Ereignis und Erlösungsbotschaft wahrgenommen, zumal Leiden und Sterben in modernen Gesellschaften aus der Öffentlichkeit verdrängt werden (vgl. Pilters 2006).

Aber auch der Islam, der im Gegensatz zu den christlichen Kirchen einen Zuwachs in Europa verzeichnet, wird mitunter im Hinblick auf seine religiöse Sinndeutung thematisiert, die einer säkularen Gesellschaft nicht mehr zur Verfügung steht.

Gegner, Missionare, Aktivisten

Nicht nur die Berichterstattung in den Medien hat sich gewandelt, sondern auch die Haltung der Journalisten. In den 1980er Jahren haben die Medienschaffenden Religion und kirchliche Ereignisse vielfach aus ideologischen Positionen heraus bewertet und es hing stark vom jeweiligen Engagement einzelner Redakteure ab, ob religiöse Themen aufgegriffen wurden und den Weg in Zeitungen, Magazine oder auf den heimischen Fernsehbildschirm fanden.

Michaela Pilters macht im Wesentlichen drei Typen von Journalisten aus, deren Positionen sie eine Entsprechung in der religions- und kirchenkritischen Gesellschaft zuschreibt: die einen (1) lehnten religiöse Themen aufgrund ihrer kirchlichen Sozialisation radikal ab. Diesen standen (2) die so genannten Missionare gegenüber, die eher undifferenziert und dogmatisch mit religiösen Fragen umgingen. Dazwischen hätte (3) ein dritter Typus versucht, religiöse Themen zwar zu platzieren, aber so zu verkleiden, dass sie als solche kaum noch erkennbar waren: „Religion verkam zu sozialen Themen, auch im Wort zum Sonntag kam das Wort Gott kaum noch vor" (Pilters 2006, 69).

Religion wird als Soziales thematisiert

Stattdessen seien soziale und sozialethische Themen wie das Miteinander von Menschen im Alltag, der Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden in der Welt, die Bewahrung der Schöpfung, Entwicklungshilfe und Menschenrechte ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Diese  Themen interessierten sowohl Gläubige als auch Säkularisierte gleichermaßen. Hier konnten sich beide Gruppen in ihrem Engagement treffen. Die Kehrseite war, dass Religion als solche kaum noch erkennbar war.

Mit den jüngeren nicht mehr gottesvergifteten Generationen änderte sich die Haltung der Journalisten. Es finden sich vor allem zwei gegenläufige Positionen: Während in der jüngeren Journalistengeneration, die keine einengende kirchliche Sozialisationserfahrung mehr haben, kirchen- und religionskritische Positionen einem eher interessiert indifferenten Verhältnis wichen (vgl. Gärtner 2001), gibt es weiterhin eine Reserviertheit gegenüber dem Thema Religion (vgl. König 1996).

Sollen Journalisten Atheisten sein?

Ausgesprochen atheistische Positionen finden sich zwar bis heute, aber eher vereinzelt, wie ein Zitat von Burkhard Schröder, dem ehemaligen Chefredakteur des Magazins Berliner Journalisten belegt.

Im Editorial zu dem Heft „Religion und Medien" fragt und antwortet er: „Dürfen Journalisten höhere Wesen verehren oder gar Mitglied einer Religionsgemeinschaft sein? Nein, natürlich nicht. Respektlosigkeit und Mut zur Aufklärung gelten als journalistische Tugenden. In Deutschland herrscht jedoch finsteres Mittelalter, wenn Religion zum Thema wird" (Schröder 2006).

In die Pflicht genommen

Die politische Rolle der Religion für das Jahr 1989 hat aber durchaus auch bei älteren Journalisten zu einem neuen Nachdenken über Religion geführt. So zeigt die gerade abgeschlossene Studie zur „Religion bei Meinungsmachern" (vgl. Gärtner 2008b; 2009), dass Journalisten des Kommentariats die gesellschaftliche Entwicklung - Stichwort: Verunsicherung durch Globalisierung, radikalisierter Islam - als tiefgreifenden Wandel und Krise deuten. Das verweist darauf, dass sie sich in ihrer professionellen Verantwortung als Meinungsmacher in die Pflicht genommen fühlen, Antworten auf die Zeitentwicklung zu generieren.

Die Antworten, die wir finden, reichen  in Ermangelung neuer Lösungen vom positiven Rückgriff auf christliche Antworten, der Verteidigung eines säkularen Kulturchristentums - auch von Religionslosen - bis hin zu einem höchst erklärungsbedürftigen Atheismus.

 

Autorin

Dr. habil. Christel Gärtner lehrt im Bereich Religionssoziologie und ist Nachwuchsgruppenleiterin im Exzellenzcluster Religion und Politik der Kulturen der Vormoderne und Moderne der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

 

Literatur

Albrecht, Horst (1993), Die Religion der Massenmedien. Stuttgart/Berlin/Köln.

Benedict, Hans-Jürgen (1987), „Fernsehen als Sinnsystem?", in: Fischer, Wolfram/Wolfgang Marhold (Hg.), Religionssoziologie als Wissenssoziologie. Stuttgart/Berlin/Köln/Mainz, S. 117-148.

Casanova, José (1994), Public Religions in the Modern World. Chicago/London.

Eder, Klaus (2002), „Europäische Säkularisierung - ein Sonderweg in die postsäkulare Gesellschaft? Eine theoretische Anmerkung", Berliner Journal für Soziologie, Jg. 3, H. Ein Postsäkulares Europa?, S. 331-343.

Gabriel, Karl (Hg.) (1996): Religiöse Individualisierung oder Säkularisierung: Biographie und Gruppe als Bezugspunkte moderner Religiosität. Gütersloh.

Gabriel, Karl (2003a), Jahrbuch für Christliche Sozialwissenschaften, Jg. 44, Religionen im öffentlichen Raum: Perspektiven in Europa.

Gabriel, Karl (2003b), „Säkularisierung und öffentliche Religion. Religionssoziologische Anmerkungen mit Blick auf den europäischen Kontext", Jahrbuch für Christliche Sozialwissenschaften, Jg. 44, Religionen im öffentlichen Raum: Perspektiven in Europa, S. 13-36.

Gärtner, Christel (2001), „Medien als Multiplikator von Massenwirksamkeit und als Produzenten des Medienintellektuellen: das Phänomen Drewermann", in: Franzmann, Andreas/Sascha Liebermann/Jörg Tykwer (Hg.), Die Macht des Geistes. Soziologische Fallanalysen zur Strukturlogik des Intellektuellen. Frankfurt a.M., S. 451-490.

Gärtner, Christel (2008a), „Die Rückkehr der Religion in der politischen und medialen Öffentlichkeit", in: Gabriel, Karl / Hans-Joachim Höhn (Hg.), Religion heute - öffentlich und politisch. Provokationen, Kontroversen, Perspektiven. Paderborn, S. 93-108.

Gärtner, Christel (2008b), „Religion bei Meinungsmachern. Zum religiösen Habitus von Elitejournalisten", tv diskurs, 2, 12. Jg., Fremde oder Freunde? Religion, Kirchen und die Medien, S. 36-41.

Gärtner, Christel (2009), „Die Rolle der Medien bei der Rückkehr der Religion: Die habituellen Voraussetzungen für die Wahrnehmung und Deutung religiöser Ereignisse bei journalistischen ‚Meinungsmachern', in: Sieprath, M. (Hg.): Religion und Massenmedien. Reihe: Religionen in Kultur und Gesellschaft, Bd. 2, S. 67-97

Janowski, Hans Norbert (Hg.) (1987), Die kanalisierte Botschaft. Religion in den Medien - Medienreligion, Zeitzeichen. Initiativen zur religiösen Kultur der Gegenwart. Bd. 2, Gütersloh.

König, Matthias (1996), „‚Ich hab' auch an diesen Zipziap geglaubt'. Kirche und Religion im redaktionellen Handeln einer Trendzeitschrift", in: Friedrichs, Lutz / Michael Vogt (Hg.), Sichtbares und Unsichtbares: Facetten von Religion in deutschen Zeitschriften. Würzburg, S. 99-121.

Luckmann, Thomas (1963), Das Problem der Religion in der modernen Gesellschaft, Freiburg

Luckmann, Thomas (1991), Die unsichtbare Religion, Frankfurt am Main.

Malik, Jamal (2007), „Religion in den Medien - Medien der Religion: Diaspora, Medien und Muslime", in: Malik, Jamal/Jörg Rüpke/Theresa Wobbe (Hg.), Religion und Medien. Vom Kultbild zum Internetritual. Vorlesungen des Interdisziplinären Forums Religion der Universität Erfurt, Bd. 4, Münster, S. 43-57.

Pilters, Michaela (2006), „Der ‚Gebrauchswert' einer Religion", in: Felsmann, Hans-Dieter (Hg.), Buckower Mediengespräche. Die Medien und die Gretchenfrage. München, S. 67-72.

Schröder, Burkhard (2006), „Ohne Gott - eine Frage der Berufsehre", Berliner Journalisten, 4, Medien und Religion, S. 8f.

Thomas, Günter (Hg.) (2000), Religiöse Funktionen des Fernsehens? Medien-, kultur- und religionswissenschaftliche Perspektiven. Wiesbaden.

von Soosten, Joachim (2003), „Öffentlichkeit und Evidenz - Evangelische Kirchen im öffentlichen Wettbewerb. Ein Bericht zur Lage in Deutschland.", Jahrbuch für Christliche Sozialwissenschaften, Jg. 44, Religionen im öffentlichen Raum: Perspektiven in Europa, S. 37-51.

 


 

[1]     Mit Blick auf die deutsche Gesellschaft wie die übrigen Gesellschaften Westeuropas sind die Thesen einer neuerlichen Entprivatisierung der Religion in ihrem empirischen Gehalt wie in ihrem theoretischen Status jedoch umstritten (vgl. Gabriel 2003a).

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