Soziologie
Ausgefeilte Verfahren der Stichprobenziehung spielen in statistischen Analysen im Bereich der Naturwissenschaften wie auch in der quantitativen Sozialforschung eine große Rolle. Auch in der qualitativen Forschung wurde bereits früh über geeignete Modelle des Sampling diskutiert. Oft wurden sie aber in der Forschungspraxis nicht gebührend berücksichtigt. Dass dies zu Unrecht der Fall ist, erklären unsere Expertinnen. An der Auswahl der Probe und der Beantwortung der Frage, wofür diese Probe steht, hängt auch hier die Möglichkeit der Verallgemeinerung der Befunde.
Von Dr. Aglaja Przyborski, Universität Wien und Professor Dr. Monika Wohlrab-Sahr, Universität Leipzig
Wo in den Sozialwissenschaften mit standardisierten Verfahren gearbeitet wird, ist die sorgfältige Auswahl der Stichprobe selbstverständlich. Mit der Genauigkeit der Stichprobenbestimmung steht und fällt dort die Frage, ob eine Untersuchung verallgemeinerbare Ergebnisse zutage fördert oder nicht.
Da Studien aus dem Bereich der qualitativen Sozialforschung per definitionem nicht auf statistische Verallgemeinerung abzielen können, wurden Fragen der Generalisierbarkeit der Ergebnisse in der Methodenliteratur lange vernachlässigt. Bisweilen war ihre Thematisierung auch dem Verdacht ausgesetzt, in unangemessener Weise die Kriterien standardisierter Forschung auf die qualitative Forschung zu übertragen.
Diese Vernachlässigung der Generalisierungsfrage zog nicht selten auch eine Vernachlässigung der Frage nach sich, wie die Untersuchungsgruppe zusammengesetzt sein sollte. Unterstützt wurde dies durch eine postmoderne Methodenkritik, die in qualitativen Studien vor allem einen Ort für die Vielschichtigkeit von Einzelfällen, das Herausarbeiten subjektiver Perspektiven und Sensibilität für die Standortgebundenheit jeder Forschung beheimatet sah. Dies war wiederum Wasser auf die Mühlen der Repräsentanten standardisierter Verfahren, die den qualitativen Verfahren das „Methodische" nicht selten gänzlich absprechen wollten.
Auch wenn diese Konfliktlinien nach wie vor bestehen, finden mittlerweile auch in der Methodenliteratur zu qualitativer Forschung Fragen der Generalisierung wie auch des Samplings zunehmende Aufmerksamkeit. Anschließen lässt sich dabei an Barney Glaser und Anselm Strauss, die zu den Klassikern im Bereich der qualitativen Methoden gerechnet werden können: In ihrem Verfahren der Grounded Theory kam dem Sampling von Anfang an eine Schlüsselposition zu.
Nur selten wird man in der Lage sein, alle Einheiten, die in einen bestimmten Sachverhalt involviert sind, in die Untersuchung einzubeziehen. In der Regel muss man also eine Auswahl treffen. Wenn aber der ausgewählte Fall nicht nur für sich selbst stehen, sondern etwas repräsentieren soll, stellt sich die Frage nach der adäquaten Fallauswahl. Es wäre eine allzu bequeme Rückzugsposition, wenn qualitative Sozialforscherinnen Fragen nach der Reichweite ihrer Aussagen einfach damit beantworteten, sie verbänden mit ihrer Untersuchung keinen Anspruch auf Repräsentativität.
Der Einzelfall - so faszinierend er auch sein mag - wird für die Sozialwissenschaften erst dadurch interessant, dass er für etwas steht, das heißt etwas repräsentiert. Quantitative Methodologie löst dieses Problem mit mathematisch-statistisch begründeten Stichprobentechniken und darauf aufbauenden Verfahren (zum Beispiel dem Mittelwertsvergleich), das heißt durch die Bildung von Durchschnittstypen. Qualititative Methodologie setzt ebenfalls auf methodisch begründete Typenbildung, die sich jedoch in der Regel am Prinzip des Idealtypus orientieren. Voraussetzung dafür ist ein systematisches Sampling.
Der Begriff des Samplings beschreibt in der empirischen Sozialforschung die Auswahl einer Untergruppe von Fällen, das heißt von Personen, Gruppen, Interaktionen oder Ereignissen, die an bestimmten Orten und zu bestimmten Zeiten untersucht werden sollen und die für eine bestimmte Population, Grundgesamtheit oder einen bestimmten Sachverhalt stehen. Davon zu unterscheiden ist die besondere Prozedur, nach der diese Fälle ausgewählt werden. Gesondert zu behandeln sind die Prinzipien, nach denen die mit Hilfe bestimmter Techniken des Samplings gewonnenen Ergebnisse verallgemeinert werden können.
Zunächst scheint es wichtig, sich klarzumachen, dass wir auch im Alltagsleben immer wieder Sampling praktizieren: Wir probieren zum Beispiel einen Schluck Wein, um die Qualität der ganzen Flasche zu prüfen. Im Bereich der Wissenschaften kamen Methoden des Samplings zunächst in der Biologie zur Anwendung. Hier leuchtet das Verfahren der Untersuchung von Stichproben - aufgrund der Homogenität vieler untersuchter Stoffe - unmittelbar ein.
In den Sozialwissenschaften verhält sich das in verschiedener Hinsicht anders. Der Schluss von der Probe aufs Ganze ist hier insofern schwieriger, als wir es nicht mit einer homogenen Masse zu tun haben. Je nachdem, welche „Probe" man nimmt, wird man zu einem anderen Resultat kommen (vgl. Gobo 2004). Aus forschungsökonomischen Gründen allerdings kann man kaum die ganze Population und auch nicht jede Variante eines Sachverhalts untersuchen. Dennoch sollten möglichst die relevanten Ausprägungen eines Problems untersucht und in ihrem Verhältnis zueinander bestimmt werden. Dies zu erreichen ist die Aufgabe der Samplingverfahren.
Nicht immer sind die Einheiten, aus denen sich das Sample zusammenfügt, identisch mit den Beobachtungseinheiten. So setzt sich etwa in Untersuchungen, die sich mit Kontinuität und Wandel in ostdeutschen Familien befassen, das Sample aus Familien zusammen. Damit ist jedoch noch nicht die Frage beantwortet, wie die Beobachtungseinheiten zu bestimmen sind. Man kann Familien entweder gemeinsam, deren Mitglieder einzeln oder auch ausgewählte Familienangehörige stellvertretend für die Familie befragen. Auch Tandems aus zwei Generationen zu bilden, die dann einzeln befragt werden, und vieles andere mehr ist möglich. Dabei sollte genau überlegt werden, in welchem Verhältnis diese Beobachtungseinheiten zu den Samplingeinheiten stehen. Was etwa bedeutet es, wenn ich mich für eine kollektive Größe (wie die Familie) interessiere, die Beobachtungseinheit aber individuell auswähle? Gibt es Beobachtungseinheiten, die dem Interesse an kollektiven Prozessen besser entsprechen würden? Und wie wären diese zu bestimmen? Notwendig als Familieninterview? Oder vielleicht als Beobachtung von Interaktionsprozessen, zum Beispiel der gemeinsamen Mahlzeiten der Familie? Oder können gar Familienfotos für die Familie stehen?
Nicht immer also sind die Untersuchungseinheiten ganze Personen oder Gruppen, die man in Form von Einzel- oder Gruppeninterviews zu beobachten sucht. Auch Sequenzen aus natürlichen sozialen Interaktionen, bestimmte Ereignisse oder Dokumente können als Beobachtungseinheiten dienen.
Es gibt im Rahmen qualitativer Untersuchungen unterschiedliche Formen des Samplings, deren Bedingungen und Konsequenzen, Vorteile und Nachteile man vor ihrem Einsatz reflektieren sollte.
Theoretical Sampling: Das Verfahren des Theoretical Samplings stammt ursprünglich von Glaser und Strauss (1967) und wurde in engem Zusammenhang mit dem Verfahren der Grounded Theory entwickelt. Der Grundgedanke ist, dass ein Sample nicht - wie es häufig der Fall ist - gleich zu Beginn der Untersuchung festgelegt wird. Es wird vielmehr nach theoretischen Gesichtspunkten, die sich zum Teil antizipieren lassen, zum Teil aber erst im Verlauf der empirischen Analyse herauskristallisieren, nach und nach zusammengestellt. Diesem Konzept zufolge wechseln sich die Auswahl erster Fälle aufgrund einer relativ offenen Fragestellung, Interpretation und erster Hypothesenbildung, erneuter Fallauswahl und fortschreitender Theorieentwicklung ab. Im Lauf des Forschungsprozesses werden theoretische Kategorien entwickelt, die dann die Auswahl der nächsten Untersuchungseinheiten leiten. Dabei werden in einem Prozess der Minimierung und Maximierung von Unterschieden die gewonnenen theoretischen Kategorien überprüft und elaboriert, sowie die Varianz des Feldes ausgelotet, bis allmählich eine theoretische Sättigung erreicht ist. Die Fallauswahl ist hier also streng auf die Theoriebildung bezogen.
Sampling nach bestimmten, vorab festgelegten Kriterien: Ein Sampling nach bestimmten, vorab festgelegten Kriterien erfolgt zum Beispiel, wenn vorliegende Befunde aus standardisierten Erhebungen in einer qualitativen Untersuchung im Hinblick auf die ihnen zugrunde liegenden Mechanismen näher erforscht werden sollen. Dabei wird das Wissen über die Verteilung sozialstruktureller und kultureller Merkmale in einer bestimmten Population für die Zusammensetzung des Samples genutzt. Das Kriterium der Repräsentativität im Hinblick auf die Strukturelemente der jeweiligen Population - nicht aber deren Verteilung - bildet also bei der Zusammensetzung des Samples den Ausgangspunkt.
Snowball Sampling: Während die beiden genannten Samplingverfahren auf Fragen der Theorieentwicklung oder der Repräsentanz einer bestimmten Population ausgerichtet sind, orientiert sich das Schneeballverfahren an den Beziehungen, die im Feld vorhanden sind: Interviewpartner empfehlen andere Personen im Feld, mit denen sie in Kontakt stehen. Dieses Verfahren ist hilfreich, wenn man sich in einem unbekannten Kontext einen ersten Zugang verschaffen will oder wenn es darum geht zu erfahren, wer die relevanten Akteure sind, die zum Feld gehören. Zudem dienen Empfehlungen oft als Türöffner. Allerdings birgt diese Technik die Gefahr, bestimmten Netzwerkstrukturen verhaftet zu bleiben und das Feld lediglich aus deren Perspektive zu erfassen. Wenn es gelingt, dieser Gefahr gegenzusteuern, kann das Snowball Sampling jedoch einen fruchtbaren Zugang zur inneren Strukturierung des Feldes bieten.
Die drei Methoden schließen einander keinesfalls aus: So kann bspw. das Snowball Sampling am Anfang eines Forschungsprozesses stehen, dann aber dem Verfahren des Theoretical Samplings weichen. Das Theoretical Sampling wiederum kann mit einer Fallauswahl aufgrund vorab definierter Kriterien - etwa des Alters, des Geschlechts oder der Religionszugehörigkeit - durchaus kombiniert werden, usw.
Eine empirische Arbeit erscheint - so eine verbreitete Annahme - umso solider, je mehr Fälle in ihr berücksichtigt wurden. Wenn man das Verfahren des Theoretical Samplings jedoch ernst nimmt, ist nicht in erster Linie die Zahl ausschlaggebend für die adäquate Erfassung eines Gegenstandsbereiches, sondern die theoretische Sättigung (Strauss), die im Zuge der Materialerhebung und -auswertung erreicht werden konnte. Es kommt also vor allem darauf an, dass die relevanten Differenzen im Feld auch tatsächlich im erhobenen Material repräsentiert sind und auf dieser Grundlage die Theoriebildung erfolgt. So sind auch in qualitativen Studien Formen der Generalisierung möglich, ohne dass dabei die forschungslogischen Unterschiede gegenüber den standardisierten Verfahren verwischt würden.
Aglaja Przyborski lehrt am Institut für Psychologie der Sigmund-Freud-Privatuniversität sowie am Institut für Soziologie und Empirische Sozialforschung der Wirtschaftsuniversität Wien und ist Psychotherapeutin in freier Praxis.
Monika Wohlrab-Sahr ist seit 2006 Professorin für Kultursoziologie an der Universität Leipzig.
Glaser, Barney/Strauss, Anselm 1967. The Discovery of Grounded Theory. Strategies for Qualitative Research. New York: Aldine
Gobo, Giampietro 2004. Sampling, Representativeness and Generalizability. In: Seale, C./Gobo, G./Gubrium, J .F./Silverman, D. (Hg.): Qualitative Research Practice. Thousand Oaks, CA: Sage: 435-456
Przyborski, Aglaja/Wohlrab-Sahr, Monika 2009. Qualitative Sozialforschung. Ein Arbeitsbuch. München: Oldenbourg
Strauss, Anselm 1991. Grundlagen qualitativer Sozialforschung. Datenanalyse und Theoriebildung in der empirischen soziologischen Forschung. München: Wilhelm Fink Verlag