Soziologie
So umstritten sein Andenken auch sein mag, genauso unumstritten scheint seine Anziehungskraft. Karl Marx ist zweifellos einer der bekanntesten Denker unter den Sozialtheoretikern. Seine Weltanschauung und Programme werden auch heute noch kontrovers diskutiert. Und das zu Recht? Unser Soziologie-Experte aus Innsbruck nimmt die Aktualität des Klassikers unter die Lupe.
Von Dr. Heinz-Jürgen Niedenzu, Universität Innsbruck
Wie kaum eine andere wissenschaftliche Disziplin ist die Soziologie durch eine multiparadigmatische Situation gekennzeichnet, wo je nach theoretischem Standort und verfolgter Fragestellung unterschiedliche Ansätze um geeignete Erklärungen humangesellschaftlicher Phänomene auf der mikro-, meso- und makrosozialen Ebene miteinander konkurrieren.
Anders als in den Naturwissenschaften, wo sich beispielsweise die Evolutionstheorie in der Biologie oder seinerzeit die Einsteinsche Relativitätstheorie in der Physik als unbestrittene Rahmen- und Leitmodelle wissenschaftlicher Erkenntnisbemühungen innerdisziplinär durchsetzen konnten, ist dies in der Soziologie bisher nicht der Fall. Weder kam es zur Entwicklung eines allumfassenden Superparadigmas noch hat sich ein einzelnes Paradigma als Leitparadigma durchsetzen können. Nach wie vor wird, um nur einige gängige Abgrenzungen anzuführen, zwischen handlungstheoretischen, interaktionistischen, konflikttheoretischen sowie struktur- und systemtheoretischen Modellen unterschieden.
In aller Regel knüpfen obige Etikettierungen direkt oder indirekt an die Klassiker des Faches an. Ihrem Bemühen um die analytische Erfassung und Aufarbeitung der gesellschaftlichen Situation ihrer jeweiligen Zeit und/oder in Auseinandersetzung mit zeitgenössischen wissenschaftlichen Diskursen ist es zu verdanken, dass wir heute auf unterschiedliche sozial- und gesellschaftstheoretische Modelle wie auch methodologische Prinzipien zurückgreifen können. Der Klassikerstatus leitet sich nun gerade aus dieser Leistung ab, zeitübergreifende Grundkategorien und Problemsichten in die sozialwissenschaftliche Diskussion eingebracht zu haben, hinter die keine zeitgenössische Theoriearbeit mehr zurückfallen kann. Das gilt auch für die historisch-materialistische Gesellschaftstheorie von Karl Marx (1818-1883).
Wie bei kaum einem anderen Klassiker ist es bei Karl Marx allerdings notwendig, den soziologischen Kern seiner Interpretation der kapitalistischen Gesellschaft, ihrer Strukturen und Prozesse sowie ihrer gattungsgeschichtlichen Einbindung von den politischen Interessen des Autors sowie seinen auf die zeitgenössischen sozialutopischen Gesellschaftsmodelle und philosophischen Diskurse bezogenen Aussagen zu trennen. Denn in seiner Theorie schließen sich diese zu einem Konglomerat von empirisch belegbaren Fakten, sozialwissenschaftlich-analytischer Begriffsbildung und geschichtsphilosophisch-teleologischen Interpretationen, Begründungen und Prognosen zusammen.
Von zeitübergreifender Bedeutung ist sein Versuch, soziale und gesellschaftliche Phänomene einer strukturorientierten Analyse zu unterziehen und diese mit einer konflikttheoretischen Perspektive (Klassentheorie) zu verknüpfen, die den Wandel dieser Muster thematisiert. Konzentrieren wir uns im Folgenden auf seine strukturtheoretischen Überlegungen. Auf der Ebene der Individuen finden diese ihren Ausdruck in der bekannten These, dass das Wesen des Menschen kein ihm innewohnendes Abstraktum ist, sondern das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse. Damit wird der Mensch in seinen Wesenszügen als Produkt von organischer Konstitution und historisch-gesellschaftlichen Bedingungslagen bestimmt. Es gibt für Marx also kein ahistorisch zu verstehendes Wesen des Menschen.
Des Weiteren findet das Bestreben nach strukturbezogenen gesellschaftstheoretischen Erklärungen seinen Ausdruck im Basis-Überbau-Theorem. In diesem wird behauptet, dass dem ökonomischen Bereich, in konstitutionslogischer Hinsicht, das Primat für die Ausgestaltung nicht nur der im engeren Sinne ökonomischen, sondern der gesellschaftlichen Verhältnisse insgesamt zukommt. Der Basisbereich umfasst zum einen die Produktivkräfte, zum anderen die Produktionsverhältnisse. Der erste Begriff repräsentiert sowohl die für den Produktionsprozess notwendigen Produktionsmittel (Rohstoffe, Arbeitsgeräte, Energie etc.), als auch das erforderliche Produktionswissen (also berufliche Qualifikationen der Arbeitskräfte, die Gestaltung der Arbeitsteilung etc.).
Mit dem Begriff der Produktionsverhältnisse bezeichnet Marx die Ausgestaltung der sozialen Strukturen, innerhalb deren der Produktions- und Aneignungsprozess stattfindet. Zentral für diesen Bereich sind die Eigentumsverhältnisse, also die Frage, wer über die Produktionsmittel, die Arbeitsprodukte sowie die Arbeitsergebnisse verfügt; gleichzeitig werden in den Produktionsverhältnissen aber auch die arbeitsteiligen Strukturen und die sozialen Beziehungen (Klassenverhältnisse) manifest.
Zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen besteht für Marx ein Verhältnis der prinzipiell gerichteten Korrespondenz im Sinne einer notwendigen Entsprechung, das heißt einem gegebenen Stand der Produktivkräfte entspricht ein gegebener Stand der Produktionsverhältnisse. Die Dynamik im geschichtlichen Prozess mit ihren unterschiedlichen Produktionsweisen (= Oberbegriff für das dialektische Verhältnis zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen) geht dabei von der Produktivkräfteentwicklung aus.
In einem zweiten Schritt subsumiert er nun sonstige Phänomene gesellschaftlichen Zusammenlebens unter den Begriff Überbau, der gesellschaftliche Institutionen, Weltbilder, Bewusstseinsformen und sonstige kulturelle Erscheinungen umfasst. Hier hat also der politische Bereich, das Rechtssystem, das Erziehungssystem genauso seinen Platz wie Philosophie, Religion, Wissenschaft oder auch ästhetische Konstrukte.
Der Überbau als ganzer steht in seiner Ausgestaltung in einer Abhängigkeitsbeziehung zur Basis. Das bedeutet für Marx, dass sich die im Basisbereich gegebenen sozioökonomischen Machtverhältnisse in bestimmbarer Weise in den konkreten Formen, Strukturen und Inhalten des Überbaus niederschlagen. Dabei konzediert er, dass die Überbauphänomene sehr wohl auch eine Eigenlogik und Feedbackqualität aufweisen können, das heißt die Verhältnisse im Basisbereich determinieren nicht eineindeutig den Überbau, aber sie bilden einen Rahmen, der dafür sorgt, dass der Überbau nicht in dauerhaften Widerspruch zur Produktionsweise gerät.
Auf der Akteursebene entsprechen soziale Orientierungen (zum Beispiel Ideologien) und politisch-gesellschaftliche Aktivitäten (zum Beispiel Wahlverhalten) der Akteure nicht kausal, aber tendenziell ihrer sozialen Positionierung im ökonomischen Basisbereich. Machttheoretisch gesehen heißt das nun für Marx aber auch, dass diejenigen, die eine herrschende Stellung in den Produktionsverhältnissen haben (zum Beispiel Produktionsmittelbesitzer oder mittelbar auch Manager) tendenziell eher in der Lage sind, ihre Interessen im Überbaubereich durchzubringen. Sie nehmen also größeren Einfluss auf die Ausgestaltung politischer, rechtlicher, bildungsmäßiger und ideologischer Rahmendingungen entsprechend ihrer Interessenlage, als es der Lohnarbeiterschaft möglich ist.
Zweifelsohne wird das Marxsche Konzept den so stark arbeitsteilig ausdifferenzierten und globalisierten Gesellschaften der Gegenwart im Detail nicht gerecht. Und trotzdem können uns seine Überlegungen als Warnungen vor allzu simplifizierenden Welterklärungen dienen. Nehmen wir als aktuelles Beispiel die Finanzkrise. Ein immer wieder vorgebrachtes Erklärungsmuster für die von Finanzdienstleistern, Bankern und Managern verfolgten, dem Laien in aller Regel völlig undurchsichtigen, Strategien der personalen wie auch institutionalen Gewinnmaximierung ist die Bezugnahme auf die Gier der handelnden Personen. Diese Psychologisierung menschlichen Verhaltens entspricht wohl gängigen individualisierenden Interpretationsmustern, sind Interpretamente des gesunden Menschenverstandes, gehen aber in mehrfacher Hinsicht am Kern der Sache vorbei.
Die Motivstrukturen der handelnden Personen sind sozial erworbene Motive (Wesen des Menschen), die in Bildungsinstitutionen als systemadäquate Handlungsmuster vermittelt werden und die ihrer sozialen Positionierung in kapitalistischen Produktionsverhältnissen korrespondieren (Basis-Überbau-Theorem). Das Bewusstsein der Handelnden ist für Marx ein gesellschaftliches Produkt, ist das bewusste Sein. Individuelle Eigenschaften spielen keine ausschlaggebende Rolle, sondern Menschen treten sich primär in ökonomischen Charaktermasken gegenüber: als Kapitalist oder als Börsenjobber. Dies sind keine einfach ablegbaren Rollen, sondern Personifikationen ökonomischer Verhältnisse und insofern deren Logik verpflichtet.
Konsequenterweise läuft damit der Vorwurf mangelnden ethischen Verhaltens ins Leere, denn der Markt an sich kennt keine Moral. Die Höhe von Managergehältern, Bonizahlungen, Renditeerwartungen etc. unterliegen damit auch nicht moraldeduzierten Gerechtigkeits- oder Angemessenheitsstandards, sondern der Marktlogik und gruppeninternen Prozessen. Das Referenzsystem ist eben nicht ein wie auch immer bestimmbarer Durchschnittslohn, von dem man in x-facher Höhe abweichen darf. Die Bezugsgruppe ist die Eigengruppe, also andere Manager, Vorständler, Aufsichtsräte etc
Dass die Wirtschaftselite, zumindest in Deutschland, eine weitgehend geschlossene Gruppe darstellt, die sich vorwiegend aus den eigenen Reihen reproduziert, verschärft nur den Eindruck eines sich eigenlogisch hochschraubenden Systems von Geben und Nehmen vor dem Hintergrund genereller Marktgesetze, globaler Vergleiche und systemisch gegebener Möglichkeiten. Die Eigenlogik des Marktes erscheint weder kulturell noch politisch als hinreichend kontrollierbar.
Die strukturbezogene Sichtweise von Marx sensibilisiert aber auch für die kritische Hinterfragung derzeit laufender Bemühungen, dass Bildungssystem sowohl in Bezug auf die Bildungsinhalte als auch kostenmäßig mit Blick auf den Kapitalverwertungsprozess zu optimieren. Der so genannte Bolognaprozess steht auch für das Modell eines Retortenstudierenden, der in verkürzter Studienzeit unter verschärften Arbeitsbedingungen ein weitgehend standardisiertes Wissen erlernt, so dass er als umstandsloser und kostengünstiger in den Wirtschaftsprozess eingliederbar erscheint als seine Vorgängergenerationen.
Nach der Disziplinierung des Körpers in den Anfängen der Industrialisierung (Fließband) und dem anschließend erfolgten systematischen Zugriff auf die Kreativität der Arbeitsnehmer (Gruppenarbeit, Erreichen von Zielvorgaben ohne festgelegte Wege) erfährt damit auch der universitäre Wissenserwerb eine Effizienzsteigerung im Sinne höherer Berechenbarkeit und direkterer Verwertbarkeit.
Was also hat Karl Marx uns heute noch zu sagen? Vielleicht kann man es so formulieren: Lasst Euch nicht von Oberflächenphänomenen blenden, greift nicht zu scheinbar naheliegenden Erklärungen, sondern geht dem Phänomen im wortwörtlichen Sinne auf den Grund, das heißt thematisiert die Bedingtheit durch gesellschaftliche Strukturen!
Heinz-Jürgen Niedenzu ist Assistenzprofessor am Institut für Soziologie der Universität Innsbruck.