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Titelbild zum Beitrag: Aus den Fugen
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Aus den Fugen

Ethik und Moral in der Wirtschaft

Die Wirtschaft verliert an Vertrauen, Unternehmen bespitzeln ihre Mitarbeiter und die Gehälter der Manager steigen in immer sagenhaftere Höhen. Viele stellen sich in Zeiten wie diesen die Frage nach der Ethik und der Moral in unserem Wirtschaftssystem. Unser Finanzmarktexperte beleuchtet unter dem Blickwinkel nicht nur die aktuelle Lage, sondern wagt auch einen Erklärungs- und Lösungsversuch.

Von Michael Bloss, Europäisches Institut für Financial Engineering und Derivateforschung (EIFD), Frankfurt am Main

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Ethik und Moral scheinen heutzutage weltweit in den Chefetagen der Unternehmen nur noch eine untergeordnete Rolle zu spielen. Im Vordergrund steht das Streben nach Macht und Reichtum. Fehlentwicklungen mit teils fatalen Folgen werden von den Lenkern und Denkern der Wirtschaft in Kauf genommen - so scheint es.

Besonders der Blick auf die Ursachen der aktuellen Finanzkrise führt schmerzhaft vor Augen, wie viele Akteure im Wirtschaftssystem den schnöden Mammon über Ethik und Moral stellen und wie schnell das auf diesem Fundament erbaute Kartenhaus in sich zusammenfallen kann. Auch unter Berücksichtigung der Tragweite der aktuellen Krise darf allerdings nicht grundsätzlich bei jedem unternehmerischen Handeln der moralische Zeigefinger der Gesellschaft und Politik mahnend erhoben werden.

Der moralische Zeigefinger allein hilft nicht

Unternehmer suchen Tag für Tag nach lukrativen Geschäftsmodellen. Im Rahmen dessen bringen sie Menschen in Lohn und Arbeit und gehen unternehmerische Risiken ein. Für diese Risiken erwarten sie legitimer Weise eine Kompensation. Auf diese Weise funktioniert unser Wirtschaftssystem. Zweifelsohne ist wichtig, dass das Geschäftsmodell sowie der Umgang mit den Mitarbeiten und Kunden ethischen und moralischen Gesichtspunkten entsprechen.

Auch Unternehmen haben sich in einer Gesellschaft zu benehmen. Dies greift bereits die seit vielen Jahren in Wissenschaft und Praxis diskutierte Corporate Governance auf. Darin sind für Unternehmen die jeweiligen Spielregeln verankert, die in hohem Maße von Gesetzgeber, Eigentümer, Mitarbeitern oder anderer Interessengruppen beeinflusst sind.

Diese Regeln lassen sich sowohl verbindlich als auch unverbindlich fixieren und stellen für Unternehmen, oder besser deren Manager, eine wichtige Richtschnur dar. Die Details zum Deutschen Corporate Governance Kodex sind unter www.corporate-governance-code.de/ für jedermann einzusehen.

Verlust an Image

Dennoch kam es zur aktuellen Krise und dennoch sind Fehlentwicklungen in unserem Wirtschaftssystem innerhalb und außerhalb unserer Landesgrenzen offenkundig. Die aktuelle Krise hat deutliche Spuren hinterlassen - besonders bei der Berufgruppe der Manager. Das gesellschaftliche Vertrauen in unsere wirtschaftliche Führungselite ist auf einen historischen Tiefstand gesunken.

Das gilt in hohem Maße für die Banken, diese Branche wurde durch die Finanzkrise komplett entzaubert. Dort haften das negative Image und der Vertrauensverlust nicht nur den Top-Managern an, sondern auch den Kundenberatern in den einzelnen Filialen.

Persönlich haften schafft Vertrauen

Damals, als man Banker noch Bankiers nannte, war das Ansehen dieses Berufsbilds sehr hoch. Der Grund: Bankiers hafteten persönlich für die Einlagen ihrer Kunden und agierten deswegen vertrauens- und verantwortungsvoll. Heute sind solche Bankiers aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden.

Dennoch gibt es sie. Sie konzentrieren sich allerdings auf das Geschäft mit solventen Privatkunden, auf das Wealth Management. Das klassische Retailgeschäft wird von multinationalen, börsennotierten Konzernen abgewickelt, bei denen der Shareholder-Value Ansatz[1], die latente Steigerung des Eigenkapitalwerts, im Mittelpunkt des Handelns steht.

Verbindung zu Mitarbeitern und Kunden verloren

Eine ähnliche Entwicklung ist auch in der Industrie zu verzeichnen. Persönlich haftende Unternehmer gibt es meist nur noch im Mittelstand, die großen Konzerne sowie deren Manager sind multinational aufgestellt und zudem stark am Kapitalmarkt orientiert.

Die Verbindung zum Kunden, den Mitarbeitern und den Produktionsstandorten ist bei vielen schwach. Vielmehr geraten diese Unternehmen - oder besser deren Manager - immer wieder durch Bestechungsskandale und Datenaffären in die Schlagzeilen. Bezeichnend ist, dass viele dieser Unternehmen Corporate Governance-Vorschriften durchaus einhalten und sogar nach außen kommunizieren.

Auf alte Werte besinnen

Doch wo liegt dann der Grund für den Mangel an Ethik und Moral im Wirtschaftsleben?

Manager sind Getriebene. Sie stehen in der Verantwortung Planzahlen zu erfüllen und in immer kürzeren Abständen dem Kapitalmarkt und in der Folge den Kapitalgebern Bericht zu erstatten. Die daraus resultierenden Probleme und gegebenenfalls sogar der Imageverlust ihrer eigenen Person und des eigenen Unternehmens überschreiten häufig die durch diese Vorgehensweise erzielten Erträge.

Es wäre geboten, dass sich Manager auf die Praktiken des vorsichtigen und umsichtigen Kaufmanns  oder des alten Bankiers zurückbesinnen. Denn nur ein Kapitalismus, der auf Ethik und Moral fußt, kann ein langfristiges Zukunftsmodell sein. Ein solches System muss auch weiterhin eine Leistungsgesellschaft sein, in der Leistung belohnt und die Leistung aus Leidenschaft und mit Freude von allen erbracht wird.

 

Autor

Michael Bloss ist Abteilungsdirektor im Wealth Management der Commerzbank AG und Direktor des Europäischen Instituts für Financial Engineering und Derivateforschung (EIFD). Er lehrt als Associate Professor und Director for Derivatives am Lehrstuhl für "International Finance" der European School of Finance der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) in Nürtingen und unterrichtet als Lehrbeauftragter an namhaften Universitäten und Hochschulen. Herr Bloss ist Mitglied des Management Board der European School of Finance der HfWU.

 

 


 

 

[1] Aktionärswert; entwickelt von Alfred Rappaport

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