Titelthema
Unternehmen sind heute mehr denn je auf die Kreativität ihrer Mitarbeiter angewiesen. Nur durch das kreative Potenzial jedes Einzelnen lassen sich Wettbewerbsvorteile in hart umkämpften Märkten sichern. Voraussetzung hierfür ist ein gutes Betriebsklima, das besonders auf Vertrauen zwischen Chef und Mitarbeiter sowie der fairen Würdigung erbrachter Mitarbeiterleistung basiert. Unser Personalexperte aus der Lausitz geht dem Phänomen Betriebsklima auf den Grund. Er erläutert zudem, warum Mitarbeiter, die innerlich gekündigt haben, Gift für jedes Unternehmen sind.
Von Professor Dr. Hans Jung, Hochschule Lausitz
Die Stimmung, die in einem Unternehmen herrscht, spiegelt sich im Betriebsklima wieder. Jeder einzelne Mitarbeiter trägt seinen Anteil im negativen sowie im positiven Sinn zum Betriebsklima bei. Entscheidend ist, dass es in hohem Maße die Motivation und damit auch das Leistungsvermögen der Mitarbeiter stark beeinflusst.
Ein gutes Betriebsklima ist in Unternehmen zu finden, in denen Teamgeist herrscht, jeder Mitarbeiter selbstständig arbeitet und der Vorgesetzte individuelle Leistungen gebührend anerkennt. Ebenso wirken Kooperationen unter den Kollegen und eine gerechte Arbeitsaufteilung positiv. Als negative Faktoren lassen sich hingehen Intrigen, Kollegenneid, Mobbing sowie ein oft missgelaunter Chef, der erbrachte Leistungen nicht anerkennt, identifizieren.
Diese Beispiele zeigen, dass die Arbeitswelt nicht nur von objektiv fassbaren Elementen beeinflusst wird, sondern dass auch soziale Beziehungen in der Arbeitswelt eine sehr große Rolle spielen. Diese Beziehungen sind bei der Arbeit letztendlich zwischenmenschlich. Sie kommen in den Einstellungen und Verhaltensweisen der Mitarbeiter sowie in der Form ihrer Zusammenarbeit untereinander zum Ausdruck.
Wie sich ein negatives Betriebsklima entwickelt und welche Konflikte sich daraus zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern ergeben können, hat Reinhard Sprenger bereits im Jahre 2002 beschrieben: Demnach entwickelt sich ein nachteiliges Betriebsklima gerade auch dann, wenn die Unternehmensführung zu drastisch die Reduzierung von Kosten oder die Erhöhung von Gewinn- und Rentabilitätskennzahlen in den Vordergrund und in Verbindung mit der Sicherheit um die Arbeitsplätze stellt. Angst um den eigenen Arbeitsplatz wird gerade durch einen enormen Erfolgsdruck geschürt, dem der Mitarbeiter weder durch individuelle Leistungssteigerung, durch die Gewinnung besserer Arbeitsmittel und Ressourcen noch durch die Mitteilung seiner individuellen Probleme ausweichen kann. Als Lösung bietet Sprenger den Tempel des Vertrauens an.[1]
Die Basis ist die gerechte Ressourcenverteilung im Arbeitsprozess, ein kooperativer Führungsstil, die gegenseitige Information und ein Konsens über die Ziele der Arbeit. Nur der Einklang dieser Faktoren schafft das notwendige Vertrauen zwischen Führung und Mitarbeiter, was nicht zuletzt die Basis für ein gutes Betriebsklima ist.
Besonders zwischenmenschliche Beziehungen haben für die Zufriedenheit der Mitarbeiter eine zentrale Bedeutung. Es kann zwischen vertikalen und horizontalen sozialen Beziehungen unterschieden werden:
In vielen Unternehmen ist bisher durch die Weisungen von oben nach unten zuviel unnötige, nicht mehr notwendige, nicht mehr gerechtfertigte und nicht mehr zumutbare Herrschaft ausgeübt worden. Die Folge: Disziplinierung und Einschränkung der Arbeitnehmer im Beruf. Durch die bisherigen Anweisungen, Betriebsordnungen oder Handbücher sieht sich der Arbeitnehmer nur als Faktor Arbeit. Demotivation, Misstrauen und Distanz zum Arbeitgeber sind für den Arbeitnehmer die Folge. Im Extrem kündigt er innerlich und macht nur Dienst nach Vorschrift.
Die demokratische Kultur wird im Arbeitsleben immer wichtiger. Es gilt, den Mitarbeitern Freiräume einzuräumen, damit sie sich kreativ entfalten können. Hierzu ist eine Vertrauensbasis zwischen Mitarbeitern und Führungspersonen notwendig. Der Vorgesetzte muss in der Lage sein, dem Mitarbeiter Handlungsspielräume einzuräumen. Er muss auf ständige Weisungen verzichten und dem Mitarbeiter die Selbstkontrolle erlauben. Nur so kann ein Mitarbeiter Engagement bei der Arbeit entwickeln und sich mit ihr identifizieren.
Denn das Kreativitätspotenzial ist bei Mitarbeitern vorhanden. Jeder zweite Arbeitnehmer ist in seiner Freizeit aktiv und hat Freude daran etwas zu bewegen. Damit dieses Kreativitätspotenzial aus der Hobby- und Freizeitkultur in die Unternehmen zurückfließen kann, ist eine Umstrukturierung des Betriebsklimas im Unternehmen erforderlich.
In den Betrieben müssen neue Werte und damit soziale Beziehungen entwickelt und gelebt werden. Das Vertrauen gehört zur Würde des Menschen. Mit dem Vertrauen der Vorgesetzten kann der Mitarbeiter seine eigenen Möglichkeiten entdecken. Die Verantwortungsbereitschaft des Mitarbeiters, das gegenseitige Lernen und die Anerkennung von Kompetenz wird durch das gegenseitige Vertrauen gefördert.
Die Selbstabsicherung und das Weiterreichen von Schuld entfallen durch das gegenseitige Vertrauen. Bescheidenheit und Demut sind gefragt - als Mitarbeiter und Vorgesetzter sollte man auch andere Lösungen akzeptieren. Wer nur seine eigenen Ideen durchsetzt, begrenzt sich selbst. Die Andersartigkeit muss dem anderen eingeräumt werden. Einen Menschen manipulieren zu wollen, kann die Vertrauensbasis zerstören. Dies bedeutet auch, dass die Ausübung von Toleranz sehr wichtig ist. Die Schwächen und Stärken des anderen müssen so angenommen werden, wie sie sind.
Die Entwicklung des Selbstbewusstseins jedes einzelnen Mitarbeiters ist zu fördern. So kann jeder Mitarbeiter ein Selbstwertgefühl erlangen, so dass er zu einem sehenden, hörenden, offenen, einsatzfreudigen und mit seiner Umwelt vertrauten Menschen wird. Eine Teilung der Macht im Unternehmen ist sinnvoll. Wer viel Macht hat, verteilt schnell Befehle, ohne nachzudenken. Dies kann katastrophale Auswirkungen für einen Unternehmen haben.
Wichtig ist auch das Informieren, Kommunizieren und Zuhören im Unternehmen. Nur wer gut zuhört und versucht den anderen zu verstehen, erhält das Vertrauen des anderen. Die Bereitschaft zur Selbsterfahrung durch Rückkoppelung ist für die Mitglieder eines Unternehmens erstrebenswert. Durch das Feedback mit dem Dialogpartner erkennt man seine Stärken und Schwächen schneller und wesentlich deutlicher. Die intellektuellen Fähigkeiten jedes einzelnen können so besser erkannt werden und die menschlichen Qualitäten der Mitarbeiter können das Ergebnis des gesamten Unternehmens verbessern.
Zu guter Letzt ist im Umgang mit dem Mitarbeiter zu berücksichtigen, dass man die Transparenz der Interessen ermöglicht. Der Mitarbeiter muss seine eigenen Ziele mit den Zielen der Unternehmung in Einklang bringen können. So wird die Arbeitsaufgabe des Einzelnen seine persönliche Angelegenheit. Er wird alle Mittel, über die er verfügt, einsetzen. Ein Produktivitätssprung für die Unternehmung ist die Folge.
Professor Dr. rer. pol. Hans Jung lehrt an der Hochschule Lausitz Betriebswirtschaftslehre und Personalmanagement.
[1] Vgl. Sprenger, R.K.: Vertrauen führt, Frankfurt/Main 2002.