Auf eine Tasse mit Michael Bloss
Seit den Skandalen der 1970er Jahren ist es ruhig um die Vatikanbank geworden. Mit langfristigem Anlagehorizont und einem Fokus auf aus katholischer Sicht ethisch vertretbare Investments erwirtschaft sie heutzutage hohe Gewinne - und das auch in Krisenzeiten. Unser Branchenkenner wirft einen Blick hinter die dicken Mauern des Vatikans und verrät Wissenswertes und Spannendes über die Bank des Papstes.
Von Michael Bloss, Europäisches Institut für Financial Engineering und Derivateforschung (EIFD), Frankfurt am Main
Viele Mythen ranken sind um das Sagen umwobene Vermögen des Vatikans. Dicke Steinmauern und eine verschwiegene Gesellschaft dahinter tragen allerdings Sorge, dass niemand zu viel über das Vermögen und die finanziellen Geschäfte des Heiligen Stuhls erfährt.
Genau genommen gibt es im Vatikan zwei Banken: Zum einen die Staatsbank des Vatikans, die Banco di Vaticano, die auf eine rund 900-jährige Geschichte zurückblicken kann. Dieses Institut verwaltet die Staatsgelder des Zwergenstaats und gibt beispielsweise auch Münzen heraus. Über das Vermögen, das dort verwaltet und vermehrt wird, ist offiziell nichts bekannt. Die zweite und weit aus wichtigere Bank im Kirchenstaat ist das Istituto per le Opere di Religione (IOR). Dieses Institut für religiöse Werke ist im Besitz des Vatikans - fungiert aber nicht wie oft fälschlicherweise behauptet als Staatsbank.
In einer päpstlichen Konstitution aus dem Jahre 1887 ordnete Papst Leo XIII an, dass letztgenannte Bank gegründet werden soll. Zu Beginn war sie unter dem Namen Amministrazione delle Opere di Religione (AOR), also die Verwaltung der Religiösen Werke, bekannt. Ihre Aufgabe bestand darin, das Restvermögen zu verwalten, welches zum Teil aus der Zerschlagung des Kirchenstaates[1] stammte. Papst Pius XII benannte den AOR 1942 in den IRO um und gestaltete das Institut zu einer funktionsfähigen Bank um. Der IOR erhielt durch die Zahlungen aus den Latteran-Verträgen[2] ein beträchtliches Vermögen übertragen, welches sich in den Folgejahren, vor allem dank eines sehr guten Managements, deutlich vermehrte.
In den 1970er Jahren kam es zu einer Reihe von Skandalen, in die das IOR verwickelt zu sein schien. Im Kreuzfeuer der Kritik stand das Institut beispielsweise, als es in ein Pharmaunternehmen investierte, das unter anderem die Anti-Baby-Pille[3] herstellte. Des Weiteren wurden dem Institut dubiose Geschäfte im Zusammenhang mit der Mafia angelastet. Aufgrund dieser Gerüchte richtete Papst Johannes Paul II einen Wächterrat aus fünf Kardinälen ein, welche seither das IOR kontrollieren.
Heute abreitet das IOR mit seinem eigenen Vermögen auf Rechnung des jeweiligen Papstes, welcher juristisch gesehen, der Alleineigentümer ist. Die Bilanzen werden nicht offen gelegt, so dass über die Höhe des Vermögens nur spekuliert werden kann. Das IOR fungiert immer mehr als eine Art Girozentrale der römisch-katholischen Weltkirche. Viele Diözesen, Orden und Einrichtungen unterhalten dort Konten und wickeln über diese ihre finanziellen Transaktionen ab. Zum Kerngeschäft gehören Bankgeschäfte aller Art - mit Ausnahme des Kreditgeschäfts. Auch Scheckbücher werden nicht ausgegeben. Gelder müssen folglich überwiesen oder in bar transferiert werden.
Wenn der Vatikan Geld anlegt, dann unterscheidet sich seine Anlageentscheidung von der eines klassischen Investors. Zum einen blickt er in der Regel auf einen längeren Anlagehorizont. Er rechnet nicht in Jahren, sondern in Jahrzehnten und in den Amtszeiten der Päpste.[4] Zum anderen müssen die Anlagen aus katholischer Sicht ethisch korrekt sein. Investitionen in Rüstungsunternehmen sind beispielsweise nicht gestattet. Der Bank des Heiligen Stuhls sind dadurch durchaus enge Grenzen gesetzt.
Durch eine hoch professionelle Research-Abteilung und ein sehr gutes Management war es der IOR bisher auch in schweren Zeiten möglich, gute Renditen zu erwirtschaften: So munkeln Branchenkenner, dass das IOR früher als andere Banken das Risiko der aktuellen Finanzmarktkrise erkannte und sich schon frühzeitig gegen Kurseinbrüche absicherte und riskante Anlagen abstieß.
Unter diesen Voraussetzungen wird es dem IOR auch künftig möglich sein, erfolgreich als Bank zu arbeiten und Krisen und Moden des Finanzmarkts und der Welt zu überdauern wie schon seit vielen hundert Jahren.
Michael Bloss ist Abteilungsdirektor im Wealth Management der Commerzbank AG und Direktor des Europäischen Instituts für Financial Engineering und Derivateforschung (EIFD).
Er lehrt als Associate Professor und Director for Derivatives am Lehrstuhl für "International Finance" der European School of Finance der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) in Nürtingen und unterrichtet als Lehrbeauftragter an namhaften Universitäten und Hochschulen. Herr Bloss ist Mitglied des Management Board der European School of Finance der HfWU.
[1] Der Kirchenstaat war das weltlich-politische Herrschaftsgebiet des Papstes, das seit 756 durch die pippinische Schenkung aus den Ländereien des Bischhofs von Rom (Patrimonium Petri) entstand und bis zur Risorgimento (1815-1870) bestand.
[2] Klärung der römischen Frage betreffend dem Status der Vatikanstadt und der Auflösung des Kirchenstaates. Benannt nach dem Unterzeichnungsort, dem Lateranpalast. Die Finanzkonvention - des Vertrages, regelt Entschädigungsleistungen des italienischen Staates gegenüber dem Heiligen Stuhl bezüglich der Eigentumsverluste des Jahres 1870. Unter anderem wurde dem Heiligen Stuhl eine Entschädigung in der Höhe von 1,75 Milliarden Lire zugesprochen.
[3] Problematik im Verhältnis zur Lehrmeinung des Papstes, welche in der Enzyklika „Humanae Vitae" - „ÜBER DIE RECHTE ORDNUNG DER WEITERGABE MENSCHLICHEN LEBENS" von Papst Paul VI (25. Juli 1968) nochmals zum Ausdruck kam
[4] Wäre der Vatikan eine Firma, so wäre sie der älteste Traditionsbetrieb der Welt, mit einem prachtvollen Firmensitz, den meisten Mitarbeitern und Kunden und einem unverwechselbaren Markenzeichen.