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Titelbild zum Beitrag: Digital Natives
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Digital Natives

Effekte der Digitalisierung auf unseren Alltag

Im digitalen Fotorahmen flimmern die Schnappschüsse der letzten Urlaubsreise, die gesamte CD-Sammlung befindet sich auf einem westentaschengroßen MP3-Player und die Tageszeitung wird auch unterwegs am Laptop gelesen. Das ist keine Zukunftsmusik, sondern der Alltag der Digital Natives. Unser Informatikprofi gibt Auskunft über die zunehmende Digitalisierungswelle im Internetzeitalter und wagt einen Ausblick.

Von Professor Dr. Thomas Kessel, Duale Hochschule Stuttgart

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Eine Frau mit ihren beiden kleinen Kindern steht vor einem trostlosen Gebäude, dessen Fenster vergittert und dessen Mauern mit Stacheldraht abgesichert sind. Die Kinder beginnen ein Geburtstagslied zu singen, das offensichtlich für ihren Vater bestimmt ist und der sich anscheinend hinter schwedischen Gardinen befindet. Eines der Kinder wendet sich zum Abschluss an seine anwesende Mutter und erkundigt sich, wie oft man hier denn noch für Papa singen werde.

Dieser Werbespot lenkt die Aufmerksamkeit des Zuschauers auf die Gefahren der Verbreitung und Nutzung von illegalen Kopien von Filmen, Musik und Spielen. Der Kampf gegen die Raubkopien aus dem Internet wurde besonders seitens der Film- und Medienindustrie geführt, da einerseits die Zahl der verbreiteten Kopien dramatisch anstieg und andererseits die Umsätze stagnierten oder sich gar reduzierten. Seit dem Aufkommen des Internets und vor allem seit der deutlichen Erhöhung der Netzkapazität durch DSL-Leitungen für den Privatkunden, hat die Verbreitung illegaler Dateien durch Tauschbörsen noch zugenommen.

Digital Natives - eine neue Generation wächst heran

Die Mediatisierung und die Fokussierung auf den Kampf gegen Raubkopien verdeckt jedoch ein sich änderndes Konsumverhalten der digitalen Medien durch Bevölkerungsgruppen, die sich als Trendsetter verstehen. Es handelt sich hierbei nicht um computeraffine Nerds und Geeks, für die immer primär die Computertechnologie im Zentrum der Aufmerksamkeit steht, sondern es geht um die Generation der Digital Natives. Obwohl sich letztgenannte Personengruppe nur schwierig einheitlich beschreiben lässt, so soll doch versucht werden, das unterschiedliche Verhalten bei der Nutzung digitaler Medien, wie zum Beispiel bei Photos, Musik, Filmen, und der elektronischen Kommunikation zu verdeutlichen, indem es den traditionellen Ansätzen gegenüber gestellt wird.


Gut zu wissen!

Der Begriff Digital Natives wurde von Marc Prensky für die Bevölkerungsgruppe geprägt, die mit dem Gebrauch des Internets und der digitalen Medien aufgewachsen ist. Diese Personen sind deshalb so wichtig, weil sie uns einen ersten Blick auf die zukünftige Integration digitaler Medien- und Kommunikationskanäle in unser Alltagsleben erlauben.


Photos - nahezu kostenlos und leicht zu speichern

Lassen Sie uns bei dem Medium Photo beginnen. Im digitalen Zeitalter werden deutlich mehr Photos über Handys oder Kameras aufgenommen als zu Zeiten analoger Kameras, denn ein Photo kostet, abgesehen vom Speicherplatz, a priori nichts. Dies ist ein wichtiger Unterschied zu den analogen Photos, deren Entwicklung und Ausdruck zum Betrachten notwendig war und somit einen erheblichen Kostenfaktor darstellte. Viel wichtiger ist aber, dass ein digitales Photo letztlich nichts anderes als eine elektronische Datei ist und somit per E-Mail oder als MMS (per Handy) versendet, auf Webseiten platziert und auf Festplatten oder USB-Speichern abgelegt werden kann.

Der digitale Lebensstil ermöglicht es also überall und jederzeit seine persönlichen Medien (Photos, Musik, Filme usw.) entweder bei sich zu speichern oder über das Netz jederzeit darauf zuzugreifen. Mobile Geräte, die über diese Speicherfähigkeiten und -kapazitäten verfügen, sind mittlerweile allgegenwärtig und erschwinglich für jeden geworden: Notebooks, Handys, PDAs (Personal Digital Assistants) oder sogar Multimedia-Player. Weiterhin bieten sie oft über WLAN oder den Mobilfunk einen zuverlässigen Zugang zum Internet. Ein wesentlicher Unterschied zum analogen Zeitalter ist nicht technologischer, sondern sozialer Natur, denn Photos werden zunehmend mittels virtueller Photogalerien, zum Beispiel im Rahmen sozialer Netzwerke oder Portale, auch Familie, Freunden, Bekannten oder der Öffentlichkeit verfügbar gemacht.

Musik - die komplette Musiksammlung immer und jederzeit verfügbar

Seit der Einführung der Audio-CD liegt Musik auch in digitaler Form vor, aber erst durch die Erfindung des MP3-Formats konnte der Umfang der Musikdatei auf einen geringen Teil des ursprünglichen Volumens reduziert werden. Dieser geringe Speicherbedarf und die stetige Erhöhung der Kapazität von Speicherkarten oder Festplatten waren die technologischen Voraussetzungen für die Entwicklung von mobilen MP3- und Multimedia-Playern, von denen der iPod sicherlich der prominenteste Vertreter ist. Das Faszinierende solcher Geräte ist, dass sie eine komplette CD-Sammlung mit Tausenden Musikstücken enthalten können und diese überall verfügbar machen. Während in einem Haushalt üblicherweise die Stereoanlage die Wiedergabe der Musik übernimmt, so ändert sich beim digitalen Lebensstil die Rollenverteilung. Die Musikdateien können im Netz, auf einem Computer, einer Festplatte oder einem MP3-Player liegen und werden dann an die Stereoanlage weitergeleitet, die sich auf die Musikwiedergabe konzentriert. Der Vorteil ist zum einen der Zugriff auf eine deutlich größere Musiksammlung und zum anderen kann die Wiedergabe über definierte Playlisten oder die Suche nach einzelnen Titeln, Alben, Interpreten oder Genres deutlich zielgerichteter oder stimmungsabhängiger erfolgen. Die Tyrannei der durch die CD vorgegebenen Abspielreihenfolge ist damit beendet. Apropos CD, seitdem Musikshops MP3-Downloads ohne Digitales Rechte Management (DRM) anbieten, sind diese zu einer echten Alternative zum CD-Kauf geworden. Interessanterweise brechen diese Musikshops die klassische Albumstruktur auf und verkaufen in der Regel jeden Musiktitel auch einzeln. Anstatt also auf die frühere klassische Single-Auskopplung zu warten, kann sich so jeder seine eigene Best-Of-Sammlung zusammenstellen.

Filme - auch über Smartphones anzuschauen

Für Filme stellt sich die Situation vergleichbar zu der Musik dar. Filme können ebenso wie Musik in Form von elektronischen Dateien abgelegt werden. Das DivX Format erfüllt dieselbe Aufgabe wie MP3, Filme können per Festplattenrekorder aus dem Fernsehen aufgenommen werden. Analog zu den Musikshops gibt es mittlerweile ein beträchtliches Angebot an legalen Quellen, um entweder Filme anzuschauen, zu mieten oder zu kaufen. Ein wichtiger Punkt ist dabei die wachsende Bedeutung von Video-Portalen, wie zum Beispiel YouTube, die eine Vielzahl von selbst gedrehten Videos anbieten und damit eine große Anzahl von Zuschauern anziehen. Ein besonderes Kennzeichen von Digital Natives ist, dass sie neben der normalen Fernsehnutzung, auch Computer, Smartphones oder Multimedia-Player zum Betrachten von Filmen und Videos einsetzen (obwohl die beiden letzten nur über relativ kleine Bildschirme verfügen). Für das Medium Fernsehen ist hingegen wichtig, dass sich mittlerweile eine Konkurrenz etabliert hat, die über ein ähnlich weit reichendes Programmangebot verfügt und das - im Gegensatz zum Fernsehen - nach Bedarf, individuell abgerufen werden kann, ohne ein starres Programmschema, das eine bestimmte Sendung nur zu einer bestimmten Uhrzeit ausstrahlt.

Zeitungen und Zeitschriften - auch am Bildschirm zu lesen

Abschließend sei das Medium Zeitung oder Zeitschrift betrachtet, ein Bereich der besonders unter der Konkurrenz durch das Internet leidet. Die Gründe dafür sind meines Erachtens nachvollziehbar. Zum einen bietet jede Zeitung oder Zeitschrift in der Regel eine eigene Webpräsenz an, in der Artikel veröffentlicht werden. Für viele Leser dürfte diese Auswahl häufig ausreichend sein. Für die Vertiefung einer aktuellen Frage oder eines Themas bieten sich hingegen spezielle Portale oder Foren an, die häufig über eine umfangreich Sammlung von Papieren und Beiträgen verfügen, und die somit deutlich über das Ausmaß und den Gehalt eines normalen Zeitungsartikels hinausgehen. Zum anderen bieten Portale und Foren die Möglichkeit Diskussionsbeiträge einzubringen, und somit den eigenen individuellen Standpunkt auch den anderen, am Thema interessierten Teilnehmern näher zubringen. Diese Interaktion ist, neben der Vernetzung mit Gleichgesinnten, sicherlich ein wichtiger Pluspunkt des digitalen Mediums. Nicht zu vernachlässigen sind natürlich auch die Faktoren der großen Schnelligkeit und der oft geringen Kosten von Online-Medien. Aber auch die Tatsache, dass Digital Natives kein Problem haben größere Texte online, das heißt direkt am Bildschirm zu lesen, ist eine wichtige kulturelle Voraussetzung für den Erfolg dieses Mediums.

Ausblick: Teure Online-Angebote bremsen kurzfristig rasante Entwicklung

Die Veränderungen durch die zunehmende Digitalisierung der Medien- und Kommunikationsindustrie lassen sich nicht aufhalten, im Gegenteil, das Tempo wird sich eher beschleunigen. Am Beispiel der Digital Natives kann man aber beispielhaft erkennen, welche Trends und Technologien in der näheren Zukunft unsere Alltagswelt beeinflussen werden. Die Bedeutung der Online-Medien erkennt man nicht nur daran, dass dieser Artikel in einer Online-Zeitschrift veröffentlicht wird, sondern dass Privatpersonen und Unternehmen verstärkt auf Artikel und Meinungsäußerungen in Blogs, auf populären Webseiten (zum Beispiel Wikipedia), in Foren und Newsgroups achten und selbst dazu beitragen. Die zunehmende Integration und Durchlässigkeit zwischen Offline- und Online-Medien wird dabei zu einem insgesamt wachsenden Einfluss der Digital Natives führen.

Vergleicht man die Preise für den MP3-Download eines Musikalbums mit dem der entsprechenden CD, so stellt man manchmal überrascht fest, dass sich beide nicht immer wesentlich voneinander unterscheiden. Dies ist umso erstaunlicher, da die Kostenstruktur bei einem MP3-Download prinzipiell flacher ist, da der Zwischenhändler, die Fertigung der CD und des Covers sowie die Auslieferung der CD entfallen. Ähnlich unverständlich bleibt, warum ein E-Book für denselben Preis angeboten wird wie die gedruckte Version des Buches. Dem Durchbruch bei der Nutzung digitaler Medien stehen also häufig Geschäftsmodelle entgegen, die den Effizienzgewinn durch den Vertrieb übers Internet und die Reduzierung des Produkts nicht an den Endverbraucher weitergeben. Oder anders formuliert: Mehr Verbraucher würden Musik, Filme oder Zeitungen in digitaler Form nutzen, wenn sie davon auch einen stärkeren finanziellen Vorteil hätten. Eine Tageszeitung im elektronischen Abonnement, die also nicht mehr gedruckt und ausgeliefert werden muss, sondern nur übers Internet verfügbar ist, muss sich also preislich deutlich vom Originalprodukt differenzieren.

 

Autor

Professor Dr. Thomas Kessel studierte Informatik an der Universität Karlsruhe (TH) und dem Institut National des Sciences Appliquées (ehemals ENSAIS) in Straßburg. Er promovierte im Rahmen eines dt.-frz. Instituts in Straßburg und arbeitete ab 1996 bei Hewlett-Packard in den Bereichen Forschung und Entwicklung, sowie dem technischen Consulting. Er lehrt seit 2002 an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart (ehemals Berufsakademie Stuttgart) im Studiengang Wirtschaftsinformatik in den Bereichen Betriebssysteme, Systementwicklung und verteilte Systeme. Er ist Autor des Buchs „Einführung in Linux", einer leicht verständlichen Einführung in das Betriebssystem Linux, und eine Reihe weiterer Veröffentlichungen.

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