Titelthema
Was stellt eigentlich eine Denkfabrik her? Sie produziert Ideen. In den so genannten Think Tanks entwickeln Politiker gemeinsam mit Unternehmenslenkern und Wissenschaftlern politische, soziale und wirtschaftliche Konzepte und beeinflussen dadurch öffentliche Agenda und Meinung. Unser Erlanger Politologe geht auf die Aufgaben und Typen der Think Tanks näher ein und zeigt auf wie diese Denkfabriken in Deutschland und den USA funktionieren.
Von Dr. Andreas Wilhelm, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
In den verschiedensten Politikfeldern sind heute Think Tanks oder so genannte Denkfabriken anzutreffen, die als überwiegend nicht kommerzielle und unabhängige Einrichtungen versuchen, auf den politischen Entscheidungsprozess und die Entscheidungen selbst Einfluss auszuüben. Sie spielen in dieser Form als intermediäre Institutionen zwischen der Politik, der Zivilgesellschaft und dem privaten Sektor eine wichtige Kommunikationsrolle und greifen in unterschiedlicher Weise in den politischen Diskurs ein.
Ihre Analysen, Informationen und Studien, die sie als Orientierungswissen für die politischen Entscheidungsträger und die breite Öffentlichkeit, für Medien, Nichtregierungsorganisationen (NGOs) oder zivilgesellschaftliche Akteure bereitstellen, bilden einen relevanten Teil der heutigen Politikberatung. Zu diesem Zweck dient den Think Tanks ein äußerst breiter und recht unterschiedlich wahrgenommener Aufgabenkatalog, der von der
reicht (Gellner 1995: 33). Die dabei häufig als Denkfabriken, besser jedoch als Ideenagenturen (Gellner 1995) oder als Organisationen des Dritten Sektors (vgl. Braml 2004) bezeichneten Think Tanks variieren je nach ihren Merkmalseigenschaften (parteiisch-überparteilich, staatlich-privat, diversifiziert-spezialisiert, primär akademisch oder politisch orientiert) und je nach den Möglichkeiten ihrer Einflussnahme auf den politischen Entscheidungsprozess.
Eine besondere Kultur der Politikberatung, in Gestalt mächtiger, zum Teil neutraler, auftragsbasierter oder politisch-ideologisch gefärbter Think Tanks, konnte sich seit den 1970er und 1980er Jahren vor allem in den USA entwickeln. Dort etablierte sich aufgrund des politischen Systems[1] eine umfangreiche pluralistische Think Tank-Landschaft. In welchem Maße die einzelnen Einrichtungen oder Institute tatsächlich auf die Politik Einfluss nehmen oder das Meinungsklima in der Gesellschaft verändern können, ist schwierig zu messen. Jedoch haben die geringere Distanz zur Politik, die stärker ideologisierten Diskurse und der zunehmende Wettbewerb unter den Think Tanks in den USA zu einer intensiveren Politisierung der Expertisen und zu einer vermehrt auf Serviceleistungen abzielenden, just-in-time Bewertung der Politik beigetragen. Formen direkter und indirekter Kommunikation[2] sowie eine starke Medienpräsenz, die Repräsentation im institutionellen Umfeld und eine enge Verzahnung mit der Politik durch die Berufung von Think Tank-Mitarbeitern in Regierungsämter (centers of recruitment) haben in den USA in den letzten Jahren einen konkurrierenden Marktplatz der Ideen zwischen den Think Tanks entstehen lassen.
In Form von Kommentaren, Kurzberichten (policy briefs), wissenschaftlichen Abhandlungen und anderen medien- oder politikkompatiblen Inhalten drängen sich die akademischen, advokatorischen und auf Auftragsbasis forschenden Think Tanks auf diesem Marktplatz der Ideen. Sie sind stets um direkte Kontakte zum politischen Entscheidungszentrum und um den Aufbau schlanker und effektiver Organisationsstrukturen bemüht. Im Laufe des 20. Jahrhunderts entwickelten sich eine Reihe von vor allem in den USA ausgeprägten Think Tanks, die anhand spezifischer Merkmale in verschiedene Typen unterteilt werden können und die sich inzwischen zum Teil auch in Deutschland ausdifferenziert haben. Dazu zählen
Im Unterschied zur amerikanischen Think Tank-Landschaft, die exemplarisch für die in den letzten Jahrzehnten einsetzenden Veränderungen der Politikberatung und die Einflussnahme der Think Tanks auf die Politik steht, können die Think Tanks in Deutschland noch immer hauptsächlich als stark akademisch geprägte Ideenagenturen bezeichnet werden. Die Vielfalt der Wissensproduktion hat auch hier inzwischen zu einer Reihe verschiedenster Politikberatungsinstitutionen geführt, von den Wirtschaftsforschungsinstituten (DIW, IFO-Institut etc.) zu den akademischen Beratungsinstitutionen und praxisorientierten Instituten der Sozial-, Entwicklungs-, Friedens- oder Umwelt- und Technikforschung bis hin zu den nur im geringen Maß als Think Tanks tätigen parteinahen Stiftungen und den privat oder aus Stiftungsmitteln finanzierten Think Tanks (Bertelsmann-Stiftung, Robert-Bosch-Stiftung etc.).
Glaubwürdigkeit und Vertrauen der Think Tanks hängen dabei auch künftig nicht nur von der Herausforderung ihrer Finanzierung ab, sondern davon, ob gezielt politisch-ideologische Positionen vertreten, Interessengruppen unterstützt oder letztlich auch Lobbying und unternehmerisches Politikmarketing betrieben werden, die die akademische Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit angreifbar machen. Eine Politisierung des Marktplatzes der Ideen wie in den USA hat in Deutschland bisher nur wenig stattgefunden.
Dr. Andreas Wilhelm ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politische Wissenschaft der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.
Abelson, Donald E.: A Capitol Idea: Think Tanks and US Foreign Policy, McGill-Queen's University Press, 2006.
Braml, Josef: Think Tanks versus „Denkfabriken"? - U.S. and German Policy Research Institutes' Coping with and Influencing Their Environments, Baden-Baden 2004.
Böhning, Anna: Think Tanks in den USA: Die Rolle und ihre Funktionen im politischen System, Saarbrücken 2007.
Gellner, Winand: Ideenagenturen für Politik und Öffentlichkeit - Think Tanks in den USA und in Deutschland, Opladen 1995.
Rich, Andrew: Think tanks, public policy, and the politics of expertise, Cambridge: University Press, 2005.
Weaver, Kent R./McGann, James G. (Hrsg.): Think Tanks and Civil Societies - Catalysts for Ideas and Actions, New Brunswick 2000.
[1]Dies hat wesentlich zu tun mit der Gewaltenteilung zwischen Präsident und Kongress, der föderalen Struktur, der Schwäche der Parteien bei der Produktion und Kommunikation von Ideen, der Mediennähe, der besseren Fundraising-Chancen für privates Kapital und der hohen Austauschquote administrativer Eliten im Bürokratie- und Regierungsapparat nach jeder Neuwahl des Präsidenten.
[2] Zum Beispiel über Konferenzen, Seminare, Vorträge, die Bereitstellung von Arbeitsplätzen für Regierungspersonal oder Diplomaten im Institut sowie Publikationen.
[3] Mitglieder waren unter anderem Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, Vizepräsident Dick Cheney oder Paul Wolfowitz als Staatssekretär im Pentagon.