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Titelbild zum Beitrag: Ins Wanken geraten
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Ins Wanken geraten

Neue Weltwirtschaftskrise oder Rezession?

Beginnt sich die Welt von der globalen Finanz- oder Wirtschaftskrise zu erholen oder kommt die Krise nun in der Realwirtschaft an? Unser VWL-Experte vom Rhein geht dieser Frage genauer nach. Er diskutiert in diesem Zusammenhang auch das Phänomen der Kreditklemme, das vielerorts besonders von Mittelständlern derzeit beklagt wird.

Von Professor Dr. Josef Puhani Fachhochschule Ludwigshafen am Rhein

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Die meisten Ökonomen glauben, dass die große Weltwirtschaftskrise (Great Depression) von 1929 bis 1932 eine vermeidbare Tragödie war: Hätte der damalige US-Präsident Herbert Hoover weniger Haushaltsdisziplin geübt, hätte man den Banken Liquiditätshilfen zur Verfügung gestellt und hätte die US-Zentralbank eine weniger restriktive Geldpolitik betrieben, wäre es vielleicht bei einer handhabbaren Rezession geblieben, die schnell vergessen gewesen wäre. Dies ist allerdings nicht geschehen, vielmehr stürzte der Dow Jones vom Oktober 1929 bis zum Jahrestief 1932 von 400 auf 40 Punkte. Und die Erholung ließ lange auf sich warten. Erst ein knappes Vierteljahrhundert später erreichte der Dow Jones wieder seinen alten Höchststand von 400 Punkten.

Schnelles Handeln der Regierungen und Zentralbanken

Die Auswirkungen der im Jahre 2008 durch die Immobilienkrise in den USA offen zutage getretenen globalen Finanz- und Wirtschaftskrise sind zur Zeit noch nicht hinreichend absehbar. Eine Wiederholung der geld- und fiskalpolitischen Fehler, die in der großen Depression gemacht wurden, zeichnet sich in der aktuellen Krise allerdings nicht ab, denn die Zentralbanken stellen in einem noch nicht da gewesenen Umfang Liquiditätshilfen für die Kreditinstitute zur Verfügung und senken die Leitzinsen auf nahe Null. Die Regierungen versuchen durch Ausgabenprogramme, Bürgschaften, Einbringung von Eigenkapital und zum Teil auch Liquiditätshilfen für insolvenzbedrohte Großunternehmen Konjunktur- und Beschäftigungseinbrüche größeren Ausmaßes zu verhindern. Die Auswirkungen der mit diesen Maßnahmen einhergehenden Geldmengenvermehrung werden abzuwarten sein. Noch überwiegen deflationäre Effekte, das heißt Preissenkungstendenzen, und die Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes ist (bisher) nicht (wie bei Inflationserwartungen) gestiegen.

Auf Basis spekulativer Erwartungen finanziert

Entstanden ist die Immobilienkrise in den USA dadurch, dass in Zeiten niedriger Zinsen und steigender Immobilienpreise von den Banken in größerem Umfang Immobilienkredite auch an Haushalte mit niedrigem Einkommen vergeben wurden, die in der Regel kein oder kaum Eigenkapital einbringen konnten. Staatlich gefördert wurde die Bildung von Wohneigentum dieser Art auch durch die US-Regierung. Das Risiko für die Banken schien deshalb gering, da bei steigenden Immobilienpreisen auch im Pfändungs- und Versteigerungsfall überdurchschnittliche Renditen erwartet wurden. Es haben selbst solche Haushalte über Kredite Häuser in spekulativer Erwartung steigender Preise finanziert, die keinen Eigenbedarf hatten. Diese Kreditforderungen wurden schließlich in Form von handelbaren Wertpapieren gebündelt und an Banken rund um den Globus verkauft, die sich aus diesem Geschäft überdurchschnittliche Renditen versprachen. Die Zertifikate waren anonym, das heißt sie ließen nicht mehr erkennen, welche Bonität die ursprünglichen Kreditnehmer hatten und haben somit entsprechende Risikoabwägungen in den Hintergrund gedrängt, zumal alle dieses Geschäft machten, um nicht gegenüber der Konkurrenz bei der Rendite abgehängt zu werden.

Der ausgetrocknete Geldmarkt

Das System brach zusammen, als die amerikanische Zentralbank das Zinsniveau in mehreren Schritten erhöhte. In den USA ist es üblich, dass Immobilienkredite zu variablen Zinssätzen abgeschlossen werden und nicht wie in Deutschland zu in der Regel festen Zinssätzen. Durch die steigenden Zinsen wurden mehr und mehr Haushalte in den USA zahlungsunfähig. Die Preise am Immobilienmarkt sanken. Die verbrieften Forderungen verloren an Wert und waren schließlich nicht mehr handelbar. Die Banken mussten Wertberichtigungen vornehmen und wussten gar nicht in welcher Höhe, da es keinen Markt mehr für diese Papiere und damit keinen Preis gab. Das Eigenkapital der Banken, die ohnehin in der Regel nur mit einer geringen Eigenkapitalquote ausgestattet sind, schrumpfte. Die Banken wussten nicht mehr, welcher Abschreibungsbedarf und welche Probleme bei der Konkurrenz vorhanden waren. Der Geldmarkt (Handel unter Banken) trocknete aus, das heißt das Angebot auf dem Geldmarkt kam zum Erliegen.

Durch Liquiditätshilfen der Zentralbanken, durch staatliche Hilfsmaßnahmen, auch durch Übernahmen und Beteiligungen wurden bislang viele Banken vor der Insolvenz bewahrt. Nicht gerettet wurde die weltweit agierende amerikanische Investmentbank Lehman Brothers, was zu einem zusätzlichen Schock auf den Finanzmärkten führte. In Deutschland mussten vornehmlich staatlich dominierte Banken Staatshilfen in Anspruch nehmen.

Krise der Realwirtschaft

Schwierigkeiten bei der Kreditbeschaffung und der Refinanzierung auslaufender Kredite gefährden die Überlebensfähigkeit von Unternehmen, hemmen die Investitionstätigkeit, die Nachfrage nach dem Faktor Arbeit geht zurück, die gesamtwirtschaftliche Nachfrage in den Volkswirtschaften und die Produktion in der Weltwirtschaft sinken. Hinzu kommt, dass Investment- und Private Equity-Häuser sowie Hedgefonds Bestände verkaufen müssen, wenn die Kunden Anteile zurückgeben. Wie auch in der großen Depression wird im Bedarfsfall alles verkauft, was sich in Liquidität verwandeln lässt. Preise und Kurse von Rohstoffen, Immobilien, Wertpapieren fallen. Vermögensverluste verstärken die globale Kaufzurückhaltung bei Investitions- und Konsumgütern. Eine schwere Finanzkrise bedingt fast immer eine Krise der Realwirtschaft, da die Aufgabe des Finanzsystems darin besteht, mit der Ersparnis und über den Kreditschöpfungsspielraum die Generierung von Realkapital zu ermöglichen.

Basel II und die Kreditklemme

Während früher die Kreditinstitute nach der Richtlinie von 1988 (Basel I) ihre Kredite in der Regel mit acht Prozent des Eigenkapitals unterlegen mussten, das heißt maximal das 12,5-fache des Eigenkapitals an Krediten vergeben durften, gilt für die Mitgliedsstaaten der EU seit 2007 die Richtlinie von Basel II. Danach wird die einheitliche Eigenkapital-Unterlegung von acht Prozent zugunsten einer Differenzierung nach risikobezogenen Unterlegungssätzen ersetzt. Das könnte die vor allem von der mittelständischen Industrie beklagte Kreditklemme erklären: Durch zum Teil erhebliche Einbrüche bei den Auftragseingängen steigt für die Banken das Kreditausfallrisiko, damit sinkt die Bonität der Unternehmen und die erforderliche Eigenkapitalunterlegung steigt, so dass Kredite - wenn überhaupt - nur zu relativ hohen Zinsen zu erhalten sind, obwohl sich die Kreditinstitute zur Zeit extrem günstig bei der Europäischen Zentralbank refinanzieren können.

Ferner sind die Kreditinstitute auch bei der Finanzierung von Projekten von Großunternehmen sehr vorsichtig. Üblicherweise werden Großprojekte wegen des Klumpenrisikos von mehreren Banken gemeinsam finanziert. Die Zusammenarbeit von Banken ist aber noch nicht frei von gegenseitigen Vorbehalten. Im politischen Raum wurde daher bereits über staatliche Kredit-Bürgschaften diskutiert, um die Banken, die ihre Risikovorsorge in den Fokus gestellt haben, zur verstärkten Kreditvergabe zu bewegen.

Gestiegene Kreditvergabe

Eine Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) hat allerdings keinen Beleg für eine Kreditklemme in Deutschland erbracht (Schröder, M.; Haben wir eine Kreditklemme?, ZEWnews, Juli/August 2009). Demnach ist seit Anfang 2008 bis Mai 2009 das Kreditvolumen in Deutschland, ohne Kredite an den Bund und ohne Kreditvergabe der Banken untereinander, sogar geringfügig gestiegen. Im Euro-Währungsgebiet (ohne Deutschland) geht allerdings das Kreditvolumen an inländische Nichtbanken (ohne Zentralregierung) seit November 2008 und die Jahreswachstumsrate des Kreditvolumens bereits seit Ende 2007 zurück.

 

Autor

Professor Dr. Josef Puhani lehrte an der Fachhochschule Ludwigshafen am Rhein Volkswirtschaftslehre und Statistik. Zudem ist er Lehrbeauftragter an der Hochschule der Sparkassen-Finanzgruppe.

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