Auf eine Tasse mit Michael Bloss
Gold bewegt die Welt: Das galt bereits in der Antike. Auch heute spielt Gold noch immer eine fundamentale Rolle: In vielen Industriezweigen stellt es einen unersetzlichen Rohstoff dar und im globalen Weltwährungssystem gewinnt Gold wieder zunehmend an Gewicht. Das edle Metall wird von unserem Finanzmarktexperten aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet.
Von Michael Bloss, Europäisches Institut für Financial Engineering und Derivateforschung (EIFD), Frankfurt am Main
Gold fasziniert die Menschen seit jeher. Sagenumwogen sind die Mythen, die sich um das edle Metall ranken: König Midas soll der Erzählung nach alles was er berührte in Gold verwandelt haben. Tutanchamun[1] ließ nach seinem Tot seine Gesichtszüge in Gold fassen - diese Totenmaske ist bis weltweit legendär. Aber auch in unserem Zeitalter fasziniert Gold. Selbst James Bond jagte in einem seiner bekanntesten Leinwandabenteuer Goldfinger[2] einem skrupellosen Goldschmuggler nach, der mit seinen Machenschaften ganze Währungssysteme ins Wanken brachte.
Doch worin liegt nun die Faszination? Sicherlich an der langen Geschichte: Gold zählte zu den ersten Metallen, die Menschen überhaupt verarbeiteten. Bereits vor weit über 2.000 Jahren schlugen die Römer detaillierte Goldmünzen. Der Reiz lag damals besonders in der warmen Farbe und dem beständigen Glanz des Metalls. So verwundert es nicht, dass selbst in den biblischen Überlieferungen Gold zum Thema wurde. Zum Beispiel in Form des Goldenen Kalbs, das die Israeliten als Götzenbild anbeteten, während Moses auf dem Berg Sinai die zehn Gebote empfing.
Es ist folglich nicht verwunderlich, dass wir dem Gold bis heute einen hohen Wert zusprechen. Dieser ergibt sich selbstverständlich nicht ausschließlich aus dem Mythos, sondern auch aus der Knappheit, schließlich sind Goldvorkommen auf der Welt äußerst selten und die Nachfrage hoch. Aufgrund des hohen Dichtegrades wäre es möglich, alles gewonnene Gold der Erde in einen Quader zu pressen, der 19 Meter breit, hoch und tief ist. Ein solcher Würfel würde problemlos unter den Arkaden des Pariser Eiffelturms Platz finden.

Gold wird in verschiedenen Industriezweigen und Ländern unterschiedlich stark nachgefragt: Den größten Teil des produzierten Golds kauft - das ist nicht verwunderlich - die Schmuckindustrie. Aber auch in der Elektro- sowie Computerindustrie und im Gesundheitswesen ist Gold ein wichtiger Rohstoff. Daneben findet Gold auch in der Finanzindustrie Verwendung, etwa bei Gold-ETF's.[3] Sie sind mit physischem Gold unterlegt. Bei steigendem Anlagevolumen müssen die Fondsmanager folglich Gold zukaufen.
Eine sehr hohe Goldnachfrage besteht in Indien. Der Grund liegt in den dort vorherrschenden Heiratsbräuchen. Pro Braut werden in der Regel zwei bist drei so genannte Goldsets (á 6 bis 10 Gramm) verkauft - bei reichen Bräuten fallen diese Sets deutlich üppiger aus. So verwundert es nicht, dass 60 Prozent der indischen Goldverarbeitung auf Brautschmuck entfällt. Daraus resultiert letztendlich die Gesamtgoldnachfrage Indiens, die sich auf 20 Prozent der weltweiten Gesamtgoldnachfrage beläuft.
Doch warum wird Gold nicht einfach synthetisch produziert oder in höherem Maße abgebaut? Eine synthetische Produktion ist nicht möglich. Der klassische Goldabbau sehr kostenintensiv und erst ab einem Grenzkostenansatz von mindestens 750 US-Dollar[4] pro Feinunze lohnenswert. Und: Von den bestehenden Goldvorkommen der Erde werden heute bereits zwei Drittel ausgebeutet und dies unter erheblichen Anstrengungen. Eine deutliche Steigerung des Goldangebots ist folglich nicht leicht zu realisieren. Vor allem die Minenbesitzer werden erst bei einem deutlich gestiegenen Goldpreis ihre Produktion verstärkt ausweiten, dass dauert und kostet!

Die Hüter des goldenen Schatzes sind die Zentralbanken. Allen voran die US-amerikanische FED, die Bank of England und die Deutsche Bundesbank. Hier wird das Gold der Nationen verwaltet und sogar noch teilweise verwahrt. Teilweise? Ein Großteil des Goldes der Deutschen Bundesbank lagert zum Beispiel nicht in Deutschland, sondern in den USA. Dies ergab sich unter anderem aus speziellen Rückzahlungsmodalitäten der amerikanischen Exportzahlungen. Die tatsächliche Verlagerung des Goldes wurde nie vorgenommen und ist auch im Zwei-Plus-Vier-Vertrag[5] festgeschrieben. Viele Zentralbanken stocken durch Goldkäufe ihre Vorräte auf - so etwa China seit 2003 um 454 auf 1054 Tonnen.[6]

Nach der Aufhebung des Goldstandards und des Bretton-Woods-Systems[7] sicherte Gold Währungen immer seltener real ab. Sowohl der Wert des US-Dollars als auch der des Euro ist nicht mehr an die vorhandenen US-amerikanischen oder europäischen Goldreserven gebunden, beide Währungen floaten frei. Rückgriff auf die Goldreserven würde nur im Krisenfall genommen, da der Wert von Gold auch bei Inflationen und Deflationen nicht sinkt, sondern sogar steigt. Gold soll folglich im schlimmsten aller Fälle das wirtschaftliche Fortbestehen einer Volkswirtschaft gewährleisten. Angesichts der durchlebten Finanzkrise kommen Experten zu dem Schluss, dass die Welt aufgrund des instabilen Dollars eine neue Weltleitwährung benötigt. Gold spielt auch bei diesen Überlegungen eine Rolle.[8]

Gold und Dollar - diese Beziehung gleicht einer Ehe. Fällt der US-Dollar, so steigt das Gold und umgekehrt - denn Gold wird in der Regel in US-Dollar abgerechnet und notiert. Doch dem US-Dollar kommt noch eine andere sehr wichtige Rolle zu, die der Weltleitwährung. Aufgrund der wirtschaftlichen Probleme und des Wertverfalls wird derzeit diskutiert, ob anstatt dem USD eine neue Weltleitwährung herangezogen werden soll.
Denkbar wäre ein Währungskorb[9], der neben Währungen auch Gold berücksichtigt. Diese Diskussion wird derzeit vor allem von China und Russland angeheizt. Beide Volkswirtschaften hegen große Sorge, da sie ihre Devisenreserven in USD halten. Um jedoch selbst in diesen Währungskorb aufgenommen zu werden, müssten die eignen Währungen Yuan und Rubel freigegeben werden und uneingeschränkt gegen andere Devisen umtauschbar sein. Hiervon sind Russland und China noch deutlich entfernt.
Das glänzende Edelmetall wird auch in Zukunft das stabilste Wertaufbewahrungsmittel der Welt bleiben. Dabei kommt den Goldreserven der einzelnen Notenbanken eine Schlüsselrolle zu. Nur wer über ausreichend Goldreserven verfügt, wird ein Stimmrecht haben, sollte es Entscheidungen über ein neues Währungssystem geben. Nur wer seine eigene Bilanz in Gold (zumindest teilweise) aufwiegen kann, wird als Gewinner oder nicht als Verlierer aus dieser Diskussion herausgehen.
Michael Bloss ist Abteilungsdirektor im Wealth Management der Commerzbank AG und Direktor des Europäischen Instituts für Financial Engineering und Derivateforschung (EIFD).
Er lehrt als Associate Professor und Director for Derivatives am Lehrstuhl für "International Finance" der European School of Finance der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) in Nürtingen und unterrichtet als Lehrbeauftragter an namhaften Universitäten und Hochschulen. Herr Bloss ist Mitglied des Management Board der European School of Finance der HfWU.
[1] Tutanchamun 18. Dynastie; Grab wurde 1922 von Howard Carter im Tal der Könige, Ägypten entdeckt
[2] nach Ian Fleming; 1964 mit Gert Fröbe und Sean Connery verfilmt
[3] ETF = Exchange-traded-Funds
[4] Quelle: BlackRock Investment Manager
[5] Vertrag über die abschließende Regelung im Bezug auf Deutschland; auch als Souveränitätsvertrag bezeichnet
[6] Quelle: WIWO Nr. 26, 22.06.2009
[7] das von 1944 bis 1973 geltende globale Währungssystem
[8] Vgl. Wirtschaftswoche vom 22.06.2009.
[9] Sonderziehungsrechte