Betriebswirtschaftslehre
Gibt es einen Zusammenhang zwischen Korruption und Armut? Auf den ersten Blick lässt sich dies vermuten. Auf den zweiten Blick zeigt sich aber, dass Korruption ein kulturelles Problem ist, das in letzter Konsequenz ganze Staaten politisch und wirtschaftlich lähmen kann. Unser Experte aus München skizziert das Korruptionsrisiko genau. Er beschreibt zudem, warum besonders der internationale Wettbewerb ein idealer Nährboden für korruptes Verhalten ist.
Von Dr. Simon Martin Neumair, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Im Rahmen internationaler Geschäftstätigkeiten sind Unternehmen neben den allgemeinen betriebswirtschaftlichen Risiken zusätzlich von Risiken betroffen, die sich aus dem grenzüberschreitenden Charakter von Unternehmensaktivitäten generell oder durch spezifische Bedingungen in bestimmten Zielmärkten ergeben.
Allgemein ist das Risiko der Grad der Wahrscheinlichkeit, dass aufgrund eines bestimmten Verhaltens ein Nachteil eintritt oder ein zu erwartender Vorteil ausbleibt. Zwar ist der Umgang mit Risiken per se keine Besonderheit einer internationalen Unternehmensaktivität. Jedoch birgt diese stets mehr Risiken als eine rein auf den inländischen Markt beschränkte Geschäftstätigkeit.
Die auf ausländischen Märkten gegebenen Risiken treten auf dem Heimatmarkt meist gar nicht oder allenfalls in abgeschwächter Form auf oder sind mit wesentlich geringeren Eintrittswahrscheinlichkeiten behaftet (vgl. Strunz/Dorsch 2001: 285; Altmann 2001: 282).
Für die Internationalisierung unternehmerischer Strukturen und Prozesse von besonderer Bedeutung ist das so genante Länderrisiko (vgl. Neumair/Rehner 2009: 32ff.). Dabei handelt es sich um Risiken, die bei wirtschaftlichen Transaktionen mit dem Ausland auftreten und ohne konkreten Projektbezug stehen. Umfassend können sie definiert werden als die
„mit der unternehmerischen Tätigkeit verbundenen und aus dem Gastland resultierenden Gefahren des Nichterreichens unternehmerischer Zielsetzungen, die aus der gesamtwirtschaftlichen, politischen und soziokulturellen Situation eines Landes resultieren" (Berndt/Cansier, 2003: 329).
Zu den Länderrisiken werden vor allem Währungsrisiken und politische Risiken gerechnet. Währungsrisiken ergeben sich aus den schwankenden Wechselkursen zwischen dem Zeitpunkt der Leistungserstellung und der Begleichung ausstehender Zahlungen. Politische Risiken resultieren aus der Gefahr der unvorhersehbaren Änderung politischer Strukturen, Ideologien und rechtlicher Gegebenheiten in einem Land. Zu ihnen gehören (vgl. Neumair/Rehner 2009: 32ff.; Haas et al. 2009: 105f.):
Eine auffallende Variante des Länderrisikos stellt das Risiko durch Korruption dar, da es gleichsam von den politischen Rahmenbedingungen (vor allem der Stabilität des politischen Systems) wie sozialen Einflussfaktoren (insbesondere der Einkommensverteilung innerhalb der Gesellschaft eines Landes) abhängt, gleichzeitig aber auch ein kulturelles Phänomen darstellt.
Eine einheitlich anerkannte Definition für den Begriff Korruption existiert bisweilen nicht. Die Bandbreite reicht von ethisch-moralisch verwerflichen bis zu mit Strafe bedrohten Handlungen und umfasst folgende Merkmale (vgl. Vahlenkamp/Knauss 1995: 20):
Damit bezeichnet Korruption jegliches verwerfliche Handeln unter Ausnutzung von Machtpositionen. Dies geschieht durch marktähnliche Transaktionen, das heißt den Tausch von Gütern und Vorteilen, die strafbar oder zumindest gesellschaftlich sanktioniert sind (vgl. Neumair/Rehner 2009: 45). Gerade bei einer internationalen Unternehmensaktivität besteht die Gefahr, dass von Vertretern öffentlicher Organisationen Forderungen nach illegitimen, teilweise illegalen Zahlungen an das Unternehmen herangetragen werden.
Diese Möglichkeit ergibt sich insbesondere bei der Erteilung nötiger Lizenzen, der Abwicklung von Zulassungsverfahren und Importen, aber auch bei der Zusammenarbeit mit öffentlichen Einrichtungen als Kunden. Folglich gelten insbesondere jene Branchen als verletzlich, in welchen öffentliche Institutionen in hohem Ausmaß als Genehmigungsinstanzen oder Kunden auftreten, wie beispielsweise bei Gesundheitsdiensten oder in der Pharmaindustrie (vgl. Bale 2006; Vian 2006; Savedoff/Hussmann 2006; Clare Cohen 2006).
Bei Korruption lässt sich zwischen einem Hell- und einem Dunkelfeld unterscheiden (vgl. Bannenberg 2002: 45ff.). Das Hellfeld umfasst die folgenden drei Strukturen:
Zum Dunkelfeld zählt dann das Zusammenwirken von Korruption und organisierter Kriminalität im Sinne einer systematischen Einflussnahme auf politische Entscheidungen, Investitionsprojekte bis hin zur Strafverfolgung und Justiz.
Einen Nährboden für Korruption bildet vor allem ein verschärfter internationaler Unternehmenswettbewerb. Unter dem Druck zunehmender Konkurrenz verflüchtigt sich im internationalen Geschäftsverkehr die Moral. Korruption erscheint verlockend, um Probleme zu lösen. Sie schafft künstliche Wettbewerbsvorteile, weshalb sie für nicht begünstigte Unternehmen wie ein Handelshemmnis wirkt.
Gefördert wird Korruption vor allem durch die Intransparenz administrativer Entscheidungsprozesse im Ausland. Auch zunehmende Ermessensspielräume von Amtsträgern, die Komplexität von Verwaltungsprozeduren und eine steigende Regulierungsdichte, welche das eigennutzorientierte Verhalten von Funktionsträgern verdeckt, begünstigen in vielen Ländern die Anfälligkeit für Korruption. Ferner öffnen niedrige Gehälter innerhalb der Kontrollbehörden und des Justizapparates der Bestechlichkeit Tür und Tor (vgl. Müller/Kornmeier 2001: 141f.).
Im Kontext einer internationalen Unternehmensaktivität ist allerdings stets zu beachten, dass Korruption ein kulturelles Phänomen ist. Von Kultur zu Kultur stößt sie verschiedentlich auf Akzeptanz oder Ablehnung. Während sie in bestimmten Ländern den kollektiven Unmut der Gesellschaft provoziert, ist Korruption in anderen Ländern ein alltägliches Phänomen. Gerade in kollektivistischen Gesellschaften (vor allem Ostasien), die stärker Netzwerke als Basis ökonomischer Zusammenarbeit nutzen, werden bestimmte Transaktionen als normal angesehen, die in individualistischeren Gesellschaften oft als korrupt gelten (vgl. Schramm/Taube 2003: 271ff.).
Auch wenn kulturspezifisch zum Teil völlig unterschiedlich gehandhabt, sind die Folgewirkungen der Korruption unstrittig (vgl. Haas/Neumair 2006: 729). Korruption erschüttert das Vertrauen in den Staat. In vielen Ländern stellt sie die größte Hürde bei der Etablierung eines funktionierenden demokratischen Systems dar und kann zum wirtschaftlichen und politischen Kollaps führen. Einschlägige Beispiele sind Russland zum Ende der 1990er Jahre oder Nigeria, wo die Korruption den gesamten Demokratisierungsprozess zeitweise zum Erliegen gebracht hat.
Als Länderrisiko erhöht die Korruption die Marktzutrittskosten und wirkt damit wie eine Investitionsbarriere. Auf Korruption basierende Geschäftsverträge lassen sich mit rechtsstaatlichen Mitteln kaum durchsetzen, da sie aus Furcht vor rechtlichen, aber auch moralischen Konsequenzen geheim gehalten werden müssen. Drohungen, die Gegenseite anzuzeigen, wirken unglaubwürdig. Investoren bevorzugen daher grundsätzlich korruptionsfreie Länder (vgl. Lambsdorff 2002: 546).
Zwar vermag Korruption kurzfristig Gewinne zu maximieren, langfristig schadet sie einem Unternehmen aber, da bei Kunden, Lieferanten und Mitarbeitern ein Vertrauensverlust droht. Korrupte Unternehmen geraten in Abhängigkeiten, machen sich erpressbar und büßen an Glaubwürdigkeit ein.
Korruption macht die Wirtschaftlichkeit von Entscheidungen zunichte, indem, zum Beispiel bei Ausschreibungen, nicht Leistung und Gegenwert, sondern die Höhe der Bestechungszahlung ausschlaggebend ist. Da sie künstliche Wettbewerbsvorteile generiert, lähmt Korruption die Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit und zerstört die Qualität erworbenen Humankapitals.
Eine weitere Gefahr liegt im Zustandekommen suboptimaler Entscheidungen, indem - insbesondere in Entwicklungsländern - die falschen Projekte (zum Beispiel überdimensionierte Staudämme, riesige Verkehrsanlagen, überflüssige Pipelines etc.) gefördert werden, und Investitionen in anderen wichtigen Bereichen (zum Beispiel Bildungswesen, Gesundheitsvorsorge) unterbleiben (vgl. Müller/Kornmeier 2001: 165; Eigen 2005: 261).
Zur Messung und zum internationalen Vergleich von Korruption dient der von der unabhängigen Nicht-Regierungsorganisation Transparency International seit 1995 jährlich veröffentliche Corruption Perception Index (CPI). Er ist der weltweit führende Korruptionsindikator und findet mittlerweile in vielen wissenschaftlichen Abhandlungen als Korruptionsmaß Verwendung. Er misst nicht das Korruptionsniveau selbst, sondern deren Wahrnehmung durch Geschäftsleute, Beamte, Politiker, Risikoanalysten und die Öffentlichkeit (vgl. Lambsdorff 2006). Dabei wird jedes Land auf einer Skala von 10 bis 0 eingestuft (10 = nicht korrupt, 0 = äußerst korrupt). Karte 1 zeigt den CPI für das Jahr 2009.

In weiten Teilen der Welt besteht ein alarmierend hohes Maß an Korruption. Dies gilt vor allem für Transformationsländer (vor allem Russland und ehemalige Staaten der GUS), insbesondere aber auch für Entwicklungsländer in Schwarzafrika, Südasien und Südamerika.
Doch scheint Armut nicht ausnahmslos mit Korruption zu korrelieren. Auffallend ist das relativ gute Abscheiden von Botsuana (Punktwert 5,6), das mit der dort vorherrschenden Kultur dezentraler Entscheidungsprozesse unter starker Einbindung der Bevölkerung begründet wird.
Einen ähnlich guten Ruf genießt auch das mit einem Wert von 6,7 sogar vor Spanien, Portugal und Italien liegende Chile. Die Spitzenplätze belegen neben Neuseeland vor allem die skandinavischen Länder, die Schweiz und Singapur. Zurückzuführen ist dies auch auf die hohe Transparenz behördlicher Vorgänge.
Zusammen mit dem CPI veröffentlicht Transparency International zusätzlich den Bribe Payers Index. Dieser gibt die Wahrscheinlichkeit an, mit der Unternehmen aus einzelnen Ländern im Ausland Bestechungsgelder zahlen. Der Wert reicht von 0 bis 10. Je höher er ausfällt, desto niedriger liegt die Wahrscheinlichkeit, dass Unternehmen aus diesen Ländern im Ausland bestechen (vgl. Tab. 1).

Der Index Bribery of Public Officials by Sectors gibt das Ausmaß der Korruption in einzelnen Wirtschaftsbranchen an (0 = „sehr korruptionsanfällig", 10 = „gänzlich unanfällig für Korruption") (vgl. Tab. 2).

Auffallend ist vor allem die Stellung der Bauwirtschaft und des öffentlichen Infrastrukturbereichs, die für Korruption am anfälligsten sind. Zurückzuführen ist dies auf eine durchgängige staatliche Regulierung, die Intransparenz des öffentlichen Ausschreibungswesens sowie auf den Umstand, dass Bau- und Infrastrukturprojekte häufig einzigartig sind, was Kostenvergleiche praktisch unmöglich macht. Von Korruption besonders betroffen ist der Wiederaufbau nach kriegerischen Auseinandersetzungen (etwa im Irak) oder Naturkatastrophen (zum Beispiel in Haiti nach dem verheerenden Erdbeben vom Januar 2010).
Dr. Simon Neumair, Departament für Geographie an der Ludwig-Maximilians-Universität zu München.
Altmann, J. (2001): Außenwirtschaft für Unternehmen. 2. Aufl. Stuttgart.
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