Volkswirtschaftslehre
Jedes Jahr im Winter und Sommer beginnt wieder die schönste Zeit des Jahres. Sie nimmt ihren Anfang mit Drängeln und Staus auf dem Weg zum Zielgebiet und setzt sich dort genau so fort. Diese Stau- und Übernutzungs-Phänomene kommen daher, dass im Tourismus sehr häufig Allmendegüter im Mittelpunkt stehen. Für die Lösung dieser Allmendetragödie gibt es jedoch Alternativen zur klassischen Privatisierungsforderung.
Von Professor Dr. Volker Letzner, Hochschule München
Allmenden sind ursprünglich Weiden und Wälder, die von allen Dorfbewohnern gemeinsam genutzt werden. Heute werden als Allmendegüter jene Güter bezeichnet, für die Rivalität[1] und Nicht-Ausschließbarkeit gelten. Seit Jahrhunderten ist dies als Allmendetragödie bekannt, denn durch den freien Zugang besteht die Gefahr der Übernutzung und Zerstörung. Im Tourismus finden sich eine Vielzahl von Allmendeproblemen - zum Beispiel beim Flug auf die ersehnte Ferieninsel und bei besichtigten Baudenkmälern.
Die großen Verkehrsströme haben ihre einfache Ursache in den dramatisch gesunkenen Transportkosten: In den letzten 50 Jahren sind der Benzinpreis real um 60 Prozent und der Preis für Lufttransport pro Passagier und Meile um 80 Prozent gesunken. Technik, Liberalisierung, sinkende reale Importpreise und die kostenlose Nutzung von (Umwelt-)Allmenderessourcen sind hierfür ursächlich.
Attraktoren bilden die touristischen Zugpferde einer Destination und sind - abgesehen von (re-) produzierbaren Örtlichkeiten wie Freizeitparks oder Casinos - geerbt. Das Great Barrier Reef, der Angkor Wat oder die afrikanische Musiktradition sind Beispiele für Natur-, Kultur- und immaterielles Erbe, das weltweit von der Tourismusindustrie genutzt wird - und zwar in der Regel kostenlos. Denn tradierte Attraktoren sind meist Allmendegüter, deren Nutzung nicht oder nur gering zu entschädigen ist.
Die Tourismusindustrie stellt die touristische Infrastruktur, also Hotels, Lifte, Yachthäfen bereit, die als privatwirtschaftliche Güter hergestellt und bepreist werden. Die touristische Infrastruktur erschließt die Attraktoren, aber die Nachfrager bezahlen für letztere nur marginal - jedenfalls im Vergleich zu den Ausgaben für Transport und Infrastruktur. Am Riff wird für die Tauchinfrastruktur bezahlt, nicht aber für die Störung des ökologischen Gleichgewichts. Eintrittspreise sind eher gering und so bröseln Angkor Wat oder die Akropolis langsam unter den Tritten der Besucher dahin oder müssen wie die Wieskirche laufend restauriert werden. Auch beim immateriellen Erbe werden die Menschen selten adäquat entlohnt, wenn man ihrer Musik zuhört oder ihren Darbietungen beiwohnt. Und auch die im Tourismus so wichtige Kulturlandschaft als Kuppelprodukt einer traditionellen Landwirtschaft wird den Landwirten nicht vergütet und verschwindet immer mehr.
Die klassische Antwort auf die Allmendetragödie lautet seit 200 Jahren fast unverändert: Privatisierung, um Ausschließbarkeit zu etablieren und so die Übernutzung durch alle zu vermeiden. Diese Forderung auf die touristischen Allmende-Attraktoren anzuwenden, scheitert aber schnell an einem freiheitlichen Mobilitätsverständnis, das den weitgehend ungehinderten Zugang zu Natur- und Kulturressourcen verfassungsrechtlich garantiert. Manche Seen und Küsten bieten das Negativbeispiel eines Ausschlusses der Öffentlichkeit, den sich diese jedoch nicht bieten lassen sollte.
Elinor Ostrom hat 2009 den Nobelpreis für ihren Nachweis bekommen, dass Allmenden Jahrhunderte lang auch unter demografischem Druck stabil bleiben können, wenn (a) ein Bewusstsein für die Komplexität der natürlichen Umwelt und (b) auf Selbstverpflichtung beruhende Gruppenbeziehungen mit strikten Exklusivitätsregeln vorliegen. Entgegen den unkritischen Privatisierungsforderungen sind Allmendetragödien also vermeidbar, wenn sich die Menschen angesichts einer als launisch und unkontrollierbar empfunden Natur nicht profitmaximierend, sondern risikominimierend verhalten.
Heute hat ein gefährlicher Glaube an Beherrschbarkeit überhand genommen, der vom traditionellen Effizienzpostulat der Ökonomen ergänzt wird. Dem steht die hier aufgestellte scheinbar paradoxe Forderung nach effizienter Ineffizienz entgegen. In komplexen Situationen kann es langfristig effizient sein, jetzige Ineffizienz zu ertragen. Wer die Wirkungen seiner Handlungen nicht komplett überschauen kann (und das kann niemand), soll mit Umwälzungen, die einer vordergründigen Effizienzverbesserung dienen, vorsichtig sein! Dies gilt allgemein und konkretisiert sich für die Tourismuswirtschaft wie folgt:
Die Stärkung bewusster und selbstverantwortlicher lokaler Eigentümergemeinschaften, denen die touristischen Ressourcen gehören, könnte zu einer funktionierenden unterproduktiven Allmendebewirtschaftung der Attraktoren führen und vermeiden, dass die Zinsen des Welterbes Vielen, nur nicht den Erben vor Ort zukommen.
Prof. Dr. Volker Letzner ist Professor und Prodekan der Fakultät für Tourismus der Hochschule München und lehrt Volkswirtschaftslehre und Tourismusökonomie.
[1] Rivalität bedeutet, dass die Nutzung des Gutes dessen Qualität ganz oder teilweise verringert und dass außerdem keiner von dieser konkurrierenden Nutzung ausgeschlossen werden kann.