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Titelbild zum Beitrag: Drang in die Ferne
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Drang in die Ferne

Die Vielfalt der Reisenachfrage

Reisen bildet. Bildung ist aber nur eines von vielen Motiven, die Menschen in die Ferne treiben. Was steckt hinter dem menschlichen Drang, sich pünktlich zu Ferienbeginn mit vielen anderen Mitreisenden auf dem Flughafen zu drängeln, um schließlich an vollen Stränden wie Dosensardinen nebeneinander zu liegen? Unsere Tourismusexperten aus Dresden gehen dem Phänomen Fernweh nach und skizzieren ausgewählte Erklärungsversuche sowie ein wissenschaftliches Modell der Tourismus-Nachfrage.

Von Univ.-Professor Dr. Walter Freyer und Philipp Röder, Lehrstuhl für Tourismuswirtschaft, TU Dresden

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Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen.
Johann Wolfgang von Goethe

Die Palette der Erklärungsversuche für die touristische Nachfrage ist vielfältig. All diese Erklärungen fokussieren auf verschiedene Aspekte des menschlichen Lebens und der menschlichen Bedürfnisse und setzen sie in Bezug zum Reisen.

Doch keiner der nachfolgenden Ansätze hat sich entscheidend durchgesetzt. Das mag mit der Natur des Tourismus zusammenhängen: So vielfältig wie der Tourismus ist, so vielfältig sind folglich auch die individuellen Nachfragefaktoren oder Gründe, Motive und Motivationen des Reisens: sie sind multi-motivational.

Motive (als grundsätzliche Antriebskräfte des Urlauberverhaltens) und Motivationen (als kognitive auf konkrete Situationen und Objekte bezogene Konstrukte) sind in der Tourismuswissenschaft oder speziell in der touristischen Motivforschung häufig verwendete Begriffe, die aus unterschiedlichen Wissenschaften heraus analysiert werden (können).

(Vgl. Hanich 2007)

Einst erzwungen, heute freiwillig

Eine zentrale Frage bei den verschiedenen Erklärungsversuchen für das menschliche Reisen ist, inwieweit Reisen freiwillig oder aus Zwang erfolgt. Im historischen Kontext ergaben sich Reisen oft aus Zwängen heraus - zum Beispiel einem Krieg, der Suche nach Nahrung, der Flucht vor Krankheiten oder der Religion. Das Reisen war damals lediglich Mittel zum Zweck.

Nur selten haben sich Menschen freiwillig für diese Reiseformen entschieden. Reisen hat weder Spaß noch Freude bereitet, es war außenbestimmt und weitgehend unfreiwillig. Zudem waren Reisen oft nur einem kleinem, privilegiertem Kreis von Personen vorbehalten.

Von Tourismus als moderner Form des Reisens wird erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts gesprochen. Hier wurde das Reisen zu einer freien oder freiwilligen Beschäftigung breiter Bevölkerungskreise mit Vergnügungscharakter, für die sich ein eigener Wirtschaftsbereich, die Freizeit- und Tourismuswirtschaft, entwickelt hat.

Diese moderne Form des Tourismus ist durch Freiwilligkeit geprägt. Touristische Reisen müssen nicht zwangsläufig durchgeführt werden, auch wenn sie bestimmten Zwecken dienen oder auf psychologische und soziologische Faktoren zurückgeführt werden können.

Neben Spaß und Freude als bekannte Motive dienen Reisen allerdings auch der Erholung und Regeneration für den Arbeitsprozess, der Bildung und Kommunikation sowie dem Beruf. So gesehen sind sie nicht immer reiner Selbstzweck.

Der moderne Tourismus berücksichtigt als Reisemotive neben Spaß, Freude und Erholung auch

  • Geschäftsreisen,
  • VFR-Travel (engl. visiting friends and relatives; Besuch von Bekannten und Verwandten),
  • Gesundheits-/Genesungs- oder Wellnessreisen (Kur- und Bädertourismus),
  • Sporturlaub/Aktivurlaub,
  • Kulturreisen,
  • Sprachreisen,
  • Pilgerreisen (Spiritueller Tourismus),
  • Themenreisen,
  • Weltreisen,
  • Kreuzfahrten

und viele andere mehr. Ferner dienen Motivationen auch zur Bildung von Touristentypen und Marktsegmenten (zum Beispiel A-Typ als Abenteuerurlauber, B-Typ als Bildungsurlauber etc. (vgl. genauer Freyer 2009 (Tourismus-Marketing), S. 176 ff.)).

Genauso wie Motive von Reisenden untersucht werden können, ist es ebenso interessant zu fragen, warum Menschen eigentlich nicht reisen können, dürfen oder wollen. Die Gruppe der Nichtreisenden ist bisher nur wenig erforscht. Mögliche Gründe für (un)freiwilliges oder gezwungenes Zuhausebleiben können beispielsweise Bequemlichkeit („Home-Stayer"), Geldmangel, Verpflichtungen, aber ebenso Behinderungen oder Einschränkungen der Mobilität oder Gesundheit sein.

 

Naturgesetz oder biologisches Bedürfnis

Erklärungen für die Reisenachfrage als Naturgesetz oder biologisches Bedürfnis sind eng mit der Zwangsthese des Reisens verbunden. Letztendlich haben sie sich aber nicht durchgesetzt. Weder der Wandertrieb noch das Nomadentum sind die eigentlichen Ursachen des modernen Tourismus. Vielmehr ist Tourismus vor allem ein gesellschaftliches, soziales oder individuelles Phänomen.

Das weg-von-Reisen ist eines der am weitesten verbreiteten Erklärungsansätze für Urlaubsmotivationen und betont die Fluchtthese des Reisens. Der Mensch sieht hierbei den Alltag als ein System von Zwängen, in denen er die wahren Wünsche nicht ausreichend ausleben kann. Er ist fremdbestimmt, zum Beispiel durch den Arbeitsprozess, und eingezwängt in den alltäglichen, zumeist immer gleichen, Ablauf des Tages und der Wochen, Monate, Jahre.

Diesen Alltagsprozessen will der Tourist entfliehen. Er will Tapetenwechsel, raus aus dem Alltag, rein in den Urlaub.

Weg-von-hier, das ist mein Ziel.
Franz Kafka, Der Aufbruch

Fast zwei Drittel der Deutschen wollen im Urlaub einfach viel Zeit haben (vgl. Reiseanalyse 2008). Der Urlaub soll sich folglich vom normalen Alltag grundlegend unterscheiden. Diese Motivationen werden auch als Push-Faktoren des Reisens bezeichnet, da sie den Reisenden von etwas wegstoßen oder wegtreiben.

Doch die andere Seite des weg-von-Reisens, das vor allem negativ begründet wird, betrachtet bereits die positiven Aspekte dessen, was auf Reisen eigentlich gesucht wird: die Gegenwelt, das Neue, das Andere, das Außer-Gewöhnliche. Der Tourist verlässt mit der Reise die alltäglichen Zwänge - aber dabei ist er bereits auf der Reise hin-zu etwas.

Kritik:
Gegen diese Zwangsthesen des Weg-Fahrens spricht beispielsweise, dass die Menschen, die es am wenigsten nötig hätten - also gesellschaftlich privilegierte Gruppen - diejenigen mit der höchsten Reiseintensität und den höchsten Urlaubsreiseausgaben sind (vgl. Reiseanalyse 2010).

Die Suche nach Authentizität und Neuem

Die Motivforschung des hin-zu-Reisens beschäftigt sich vor allem mit dem, was Touristen auf Reisen anders oder neu erleben wollen. Es ist der Gegenalltag, das freie Einteilen der Zeit, das Tun-und-lassen-was-man-will, beispielsweise Kultur erleben, Sport treiben oder einfach ausschlafen und relaxen - etwa mit einem Langschläferfrühstück im Hotel. Reisen ist nach dieser Auffassung vom Erforschen, vom Interesse und der Freude an anderen Ländern und Menschen geprägt:

Die größte Sehenswürdigkeit ist die Welt - sieh sie dir an!
Kurt Tucholsky

Folglich sind neue Eindrücke, unterwegs sein und andere Länder kennen lernen auch häufig genannte Urlaubsmotive der Deutschen (vgl. Reiseanalyse 2008). Diese Motivationen werden auch als Pull-Faktoren oder Zug-/Sogfaktoren des Reisens bezeichnet, da sie Touristen anziehen oder zu etwas (zu Attraktionen oder Destinationen) hinziehen - quasi wie Magnete. Solche Anziehungsfaktoren können Klima, Flora, Fauna, aber auch die Gastfreundschaft der Menschen in den touristischen Destinationen sein.

Zentrale Triebkräfte: Tourismuswirtschaft und Globalisierung

Andere Erklärungen sehen Tourismus als Folge und Spiegelbild der gesellschaftlichen Entwicklung. Tendenzen zur

  • Konsumgesellschaft (auch Reisen sind letztendlich nur Konsumprodukte, die mittlerweile im Supermarkt gekauft werden können) und zur
  • Freizeitgesellschaft (mehr Freizeit für alle und überall)

führen zu zunehmender Reiseerfahrung der Touristen und zur Internationalisierung oder Globalisierung des Tourismus. Heute gibt es kaum noch Orte ohne Touristen, gleichzeitig wird aber auch die Konkurrenz der touristischen Destinationen untereinander global.

Gerade der Tourismus ist durch Grenzen überwindende, multinationale und interkulturelle Aktivitäten Motor und Getriebe der Globalisierung: Tourismus ist und wird immer internationaler. Aber auch der Gegentrend zum Lokalen (go global, act local) ist nicht zu vernachlässigen. Das zeigt sich zum Beispiel am wachsenden Interesse der Menschen an regionalen Produkten oder authentischen Angeboten, Attraktionen und Sehenswürdigkeiten in Destinationen.

Reisen als Ritual, Spiel oder Fest

Als Teil des zielorientierten Reisens wird Tourismus gelegentlich mit Festen oder Events, Ritualen oder mit Spielen verglichen. Auch diese werden von Menschen freiwillig (ungezwungen) veranstaltet und erlebt. Sie richten sich an die höheren Werte und Luxusbedürfnisse des menschlichen Erlebens, weniger an die Grundbedürfnisse der Menschen.

Ferner wird die Auffassung vertreten, dass Reisen als Ersatz für religiöse Rituale anzusehen sind. Touristische Ausprägungsformen können hier beispielsweise Eventtourismus, Spiritueller Tourismus oder Abenteuertourismus (mit entsprechendem Kick, wie zum Beispiel Bungeejumping oder Rafting) oder der Besuch von Freizeitattraktionen oder Freizeitparks (mit entsprechendem Spielecharakter, wie etwa Labyrinth im Maisfeld oder Garten-Großschachspiel) sein.

Eine ganzheitliche Erklärung der Tourismusnachfrage

So interessant die dargestellten Erklärungsversuche für die Reisenachfrage sind, sie zeigen stets nur einzelne Aspekte der möglichen Erklärungen für das Reisen auf. Letztlich hat sich keiner von ihnen wirklich durchgesetzt.

Reisen wird sehr eng mit individuellen Kalkülen und Bedürfnissen verbunden. Die Psyche des Menschen, seine Suche nach Werte- und Bedürfnisbefriedung, aber auch die sozialen Einflüsse des Verhaltens anderer Menschen, sind wesentliche Bestimmungsfaktoren für den modernen Tourismus.

In Anlehnung an das ganzheitliche oder modulare Modell der Tourismuslehre lässt sich für die touristische Nachfrage die Vielfalt der Einflussgrößen darstellen (vgl. Freyer 2011 (Tourismus-Einführung), S. 45ff. und Abb. 2).

Es sind vor allem sechs große Erklärungsbereiche, die das Reiseverhalten und die Reisenachfrage beeinflussen: Staat, Individuum, Gesellschaft, Umwelt, Wirtschaft (allgemein) und Tourismusbetriebe (als Anbieter).

Dabei sind ökonomische Einflussfaktoren - als Konsum- oder Investitionsnachfrage - gerade für den modernen Tourismus von besonderer Bedeutung. Wichtig für die ökonomische Tourismusanalyse ist die Betrachtung der Nachfrageseite. Daher haben sich Ökonomen auch intensiv mit dem speziellen Thema Reisenachfrage beschäftigt.

Sie versuchen analog zur allgemeinen BWL und VWL Ansätze und Modelle auf den Tourismus und die Tourismusnachfrage im Speziellen zu übertragen (siehe dazu auch Freyer 2009 (Tourismus-Marketing) oder Swarbrooke/Horner 2006).

Doch auch damit können wiederum nicht alle Erklärungs- und Einflussmöglichkeiten aufgezeigt werden. So fehlen beispielsweise die medizinischen, juristischen sowie weitere Einflussbereiche. Aber dieses ganzheitliche Modell gibt einen durchaus geeigneten Ansatzpunkt für die Annäherung an die Vielfalt der Erklärungen für die Reisenachfrage.

Ausblick: die zukünftige Entwicklung der Tourismusnachfrage

Durch stetige Veränderungen in den Eigenschaften, Motiven und Bedürfnissen der Touristen ergeben sich weiterhin große Herausforderungen für den Tourismus und das Tourismus-Marketing sowie das Destinationsmanagement.

Eine viel genauere Kenntnis der hybriden und multioptionalen Touristen wird notwendig, denn Touristen werden immer reiseerfahrener, anspruchsvoller, spontaner und undurchschaubarer. Sie erwarten stets aktivere, erlebnis- und abenteuerreichere Urlaubsformen. Es bleibt abzuwarten wie sich die Tourismusnachfrage zukünftig (weiter)entwickeln wird.

Wird die Anzahl der Reisen weiter zunehmen, wie es von der Welttourismusorganisation UNWTO bis 2020 prognostiziert wurde? Wo wird der Urlauber von morgen hinreisen? Wie wird er buchen? Mit wem wird er reisen? Wird er öfter, länger, weiter reisen? Werden die Reisemotive und Reiseanlässe in der Zukunft immer ausgefallener? Oder erfolgt eine Rückbesinnung auf nachhaltige Lebensstile, umwelt- und sozialverträgliches Reisen sowie Tourismus mit Einsicht? Ist der Massentourismus ein Auslaufmodell? Wird der Tourist von morgen auch zukünftig auf der Erde bleiben oder bald den Weltraum erobern? Wird es bei realen Reisen bleiben oder werden sich virtuelle Reisen zunehmend durchsetzen?

Doch das ist letztendlich eine andere Geschichte, mit der sich die touristische Zukunftsforschung beschäftigt (vgl. economag Nr. 2/2009 „Mit dem Raumschiff ins All? Touristische Zukunftsforschung liegt im Trend").

 

Autoren

Prof. Dr. Walter Freyer ist Inhaber des Lehrstuhls für Tourismuswirtschaft an der TU Dresden und Autor verschiedener Publikationen zu den Themen Tourismus-Marketing und Tourismus-Ökonomie. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Grundlagen und Motiven des Tourismus. Praktische Erfahrungen im Tourismus erwarb er unter anderem als Geschäftsführer eines Reisebüros und -veranstalters in Berlin und Hamburg.

Diplom-Kaufmann (FH) Philipp Röder M.A. ist seit 2007 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Tourismuswirtschaft an der TU Dresden. Er studierte Tourismuswirtschaft an der Hochschule Harz und International Tourism Management an der Hochschule Heilbronn. Praktische Erfahrungen im Tourismus erwarb er unter anderem bei Reiseveranstaltern, Reisebüros, Destinationen und Hotels.

 

Literatur

Freyer, W.: Tourismus - Einführung in die Fremdenverkehrsökonomie, 10. Aufl., München 2011

Freyer, W.: Tourismus-Marketing - Marktorientiertes Management im Mikro- und Makrobereich der Tourismuswirtschaft, 6. Aufl., München 2009

F.U.R.-Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (Hrsg.): Reiseanalyse 2010 - Die Urlaubsreisen der Deutschen, Kiel 2010

F.U.R.-Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (Hrsg.): Urlaubsmotive, Sonderauswertung Reiseanalyse 2008, Kiel 2009

Hanich, F.M.: Destinationsmarken im Special Interest Tourismus, 2007

Seitz, E./Meyer, W.: Tourismusmarktforschung - Ein praxisorientierter Leitfaden für Touristik und Fremdenverkehr, 2. Aufl., München 2006

Swarbrooke, J./Horner, S.: Consumer Behaviour in Tourism, 2. Aufl., Oxford: Butterworth Heinemann 2006

UNWTO-Welttourismusorganisation: Tourism 2020 Vision, Madrid 2003

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