Titelthema
Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Für einen Kommunikationssoziologen macht dieser Volksmund sicher Sinn, bereitet ihm jedoch wenig Freude: Selbst ein Zwinkerer, Versprecher oder das Gähnen des Gegenübers ist aus soziologischer Perspektive einer näheren Betrachtung wert. Unsere Leipziger Kommunikationsspezialistin stellt das spannende Forschungsfeld vor.
Von Dr. habil. Stefanie Averbeck-Lietz, Universität Leipzig
Ein alltagssprachlicher Begriff ist Kommunikationssoziologie nun gerade nicht, selbst wissenschaftlich ist er nicht leicht zu fassen. Im Grunde handelt es sich um einen Metabegriff, der beschreibt, wie man Kommunikation betrachten möchte: nämlich soziologisch. Es geht also um die gesellschaftliche Relevanz der Kommunikation, beispielsweise der politischen Kommunikation und/oder der interkulturellen, um Vergesellschaftung durch Kommunikation. Damit befassen sich verschiedene Wissenschaftsdisziplinen, im engeren Sinne die Kommunikationswissenschaft und die Soziologie.
Nun ist die Kommunikationswissenschaft eine Art jüngere Schwester der Soziologie, die sich seit 1918 an deutschen Universitäten gründete und zunächst einmal Zeitungskunde im Sinne von Pressegeschichte und -theorie betrieb. Mit gesellschaftlicher Kommunikation hat das zwar elementar zu tun, lieferte aber wenige Basistheorien - hier waren die Soziologen gefragt. So können Max Weber mit seinem Vorschlag zu einer Presse-Enquête (1910) und nicht zu vergessen Ferdinand Tönnies mit seiner Theorie der Öffentlichkeit (1922) heute als Klassiker beider Wissenschaften gelten.[1] Ist die Systemtheorie vor allem fähig, Makroprozesse gesellschaftlicher Kommunikation abzubilden, so geht es in der handlungstheoretischen Ausprägung der Kommunikationstheorie - in Anlehnung an die verstehende Soziologie Max Webers - um Kommunikation als inneres Handeln mit subjektiv gemeintem Sinn, das zugleich von außen beobachtbar und bewertbar ist.
Kommunikationssoziologen beobachten gesellschaftlichen und kulturellen Wandel und die Rolle, die menschliche Kommunikation darin spielt - als Ursache wie als Folge. Soziologen und Kommunikationswissenschaftler befassen sich dabei vor allem mit mediatisierter öffentlicher Kommunikation, aber nicht nur. Nicht zuletzt als mediatisierte interpersonale Kommunikation gerät seit den 2000er Jahren die zwischenmenschliche Kommunikation stärker in den Blick. Gerade die Kommunikationswissenschaft hat sich lange Zeit um die Untersuchung massenmedialer Kommunikation zentriert, was jedoch in Zeiten der Mediatisierung unserer Alltagswelt[2] längst nicht mehr reicht, um gesellschaftliche Kommunikation, ihren Wandel und ihre Bedeutung zu erklären. Wenn wir von Wandel sprechen, impliziert dies eine historische Perspektive. Diese kann technik- oder medienhistorisch sein sowie auch kommunikationshistorisch, also auf die Geschichte der gesellschaftlichen und sozialen Kommunikation bezogen (vgl. Jahrbuch für Kommunikationsgeschichte 1999ff.).
Wie hat sich Kommunikation verändert? Aktuell ist es nicht nur die computervermittelte Kommunikation vom Mailing bis zum Blogging oder die mobile Telefonie, die im Zentrum kommunikations- und mediensoziologischer Betrachtungen steht - beispielsweise: Ist Blogging Journalismus oder doch nicht? Was für ein Typus öffentlicher Kommunikation ist es dann? Wie verändert es transnationale und transkulturelle Kommunikation?
Mit der Globalisierung, aber auch der Digitalisierung geraten Informations- und Verständigungsprozesse über gesellschaftliche Grenzen hinweg in den Blick (vgl. Hepp 2006, Wessler/Peters et. al. 2008). Transnationale Vergesellschaftung findet elementar über kommunikative Prozesse statt. Gut untersucht ist das auf einer Mikro-/Mesoebene etwa für die Kommunikation von Migranten, auf einer Makroebene für transnationale Öffentlichkeiten. Transnational ist dabei immer auch transkulturell. Dies schließt Untersuchungen zur Ausbildung hybrider Kommunikationsstile ein, die zugleich kulturell gebunden bleiben, sich aber auch transformieren (vgl. etwa Bolten 2007). Schon in den 1990er Jahren haben Elihu Katz und Tamar Liebes mit ihrer Studie The export of meaning gezeigt, dass eine Fernsehserie wie Dallas innerhalb spezifischer kultureller Kontexte decodiert wird und nicht einfach die Rezeptionsweisen vereinheitlicht oder gar verflacht (amerikanisiert).
Überhaupt: die Medienrezeption - sie gilt heute als aktiv seitens der Rezipienten, die Leser, Hörer, Seher oder auch alles zugleich sein können. Aber was heißt aktiv? Kann der oder die Rezipientin einen Medientext beliebig verstehen und auslegen? Eher muss hier wohl symbolisch-interaktionistisch argumentiert werden (vgl. Göttlich 2006): Symbolische Umwelten prägen uns, wir sind in sie hineinsozialisiert, aber sie determinieren uns nicht. Wir verändern sie ständig und zwar miteinander - auch für- und gegeneinander - um wieder mit Weber zu sprechen. Wir handeln mit symbolischen Zeichen und damit immer (auch) kommunikativ. Das ist eine handlungstheoretische Argumentation (vgl. auch Knoblauch 1995).
Begreift man Kommunikationssoziologie als Soziologie der Humankommunikation, einschließlich der interpersonalen, kommt man ohne den Blick auf handelnde Akteure und deren subjektiven Sinn nicht aus - Luhmann trennt bekanntlich Handeln und Kommunikation, letztere als Operation nur sozialer Systeme, voneinander. Dabei kann man es mit Berger und Luckmann (1966) halten, die in Anlehnung an Max Weber und George Herbert Mead die Face-to-Face Situation als Prototyp jeder sozialen Situation entwickelt haben und von da aus zu Problemen der Institutionalisierung und sozialen Ordnung fortgeschritten sind.
Sich der Definition von Kommunikation von Klaus Beck anzuschließen, macht Sinn: „Menschliche Kommunikation ist [...] weder ein Reiz-Reaktionsprozess, noch eine Informationsübertragung, sondern die wechselseitige, absichtsvolle (intentionale) Verständigung über Sinn mithilfe symbolischer Zeichen, an der mindestens zwei Menschen mit ihrer artspezifischen kognitiven Autonomie, aber auch in ihrer sozialen und kulturellen Bedingtheit beteiligt sind" (Beck 2007: 51).Wir finden in dieser Definition sowohl handlungstheoretische als auch sozialkonstruktivistische Momente. Kommunikation handelt mit Bedeutungen und erzeugt dabei zugleich neue. „Zeichen ist, was als Zeichen wirkt" schrieb schon Ferdinand Tönnies 1931 (Tönnies 1981: 176).
Das verweist auf zwei miteinander verbundene Paradigmata auch der aktuellen Kommunikationssoziologie: 1. Wirkungen finden bei den Empfängern statt, die das oder die Zeichen decodieren. 2. Medientexte haben keine universelle Bedeutung. Insbesondere transnationale, transkulturelle Kommunikation ist darauf verwiesen, dass Kommunikate innerhalb differenter historischer und kultureller Kontexte produziert und rezipiert werden. Kommunikation ist mehrdeutig und sie entsteht aus wechselseitigen Bedeutungszuweisungen, ob in einem Gespräch unter Fremden oder unter Freunden, ob face-to-face oder virtuell, ob über Massenmedien vermittelt oder über Online Social Networks. Sie führt zu Missverständnissen und zu Verständigungen, die sich wiederum gegenseitig beeinflussen.
Kommunikationssoziologen hüten sich meistens davor, alles als Kommunikation zu bezeichnen. „Man kann nicht nicht kommunizieren" hatten die Interaktionspsychologen Watzlawick/Beavin und Jackson (1967) formuliert. Dagegen ist aus soziologischer Perspektive zu entgegnen: Doch, man kann nicht kommunizieren, Kommunikation verweigern, verschlafen oder abbrechen lassen. Nämlich dann, wenn man - mit dem Klassiker Max Weber - zwischen Verhalten (als bloße Reaktion auf etwas), Handeln (als Tätigkeit mit und gegenüber Dingen) und sozialem Handeln (orientiert am Handlungssinn und der Beobachtung anderer Handelnder) unterscheidet und nur soziales Handeln, das in seinem subjektiven Sinn auf das Handeln anderer bezogen ist, als kommunikatives begreift. Dann macht es einen Unterschied, ob ich gähne, weil ich müde bin - also mich verhalte - oder meinem Gegenüber vortäusche, ich sei müde und damit das Ziel verfolge, demnächst ohne große Widerrede den Raum verlassen zu können. Hier wird Kommunikationssoziologie alltagspraktisch: soziale Beziehungen vollziehen sich durch Kommunikation.
Im akademischen Rahmen spannt die Komplexität dieses Phänomens Kommunikation, das man auf der Mikro-, Meso und Makroebene betrachten kann (am besten: alles zugleich, vgl. Quandt/Scheufele 2010) einen hochtheoretischen Rahmen zwischen Handlungs- und Systemtheorie auf. Und das bereits seit einem Jahrhundert, seit sich die Klassiker der Soziologie für den medialen und kommunikativen Wandel ihrer Zeit interessierten. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts versuchen Soziologen gesellschaftliche Ausdifferenzierung auch und gerade über die Analyse kommunikativer Prozesse zu verstehen und zu erklären.
In der Fachgeschichte markiert hier sicherlich die amerikanische Kommunikationssoziologie seit Paul Felix Lazarsfeld und deren „Re-Import" (Reimann 1990) nach Europa eine Wende: Die empirische Soziologie wendet sich dem Phänomen, vor allem der öffentlichen Medienkommunikation, aber auch der face-to-face Kommunikation in Gruppen, später sozialen Netzwerken, quantitativ zu (vgl. Jäckel 2005, 2008, Schenk 2007). Die amerikanische Kommunikationssoziologie, deren milestones gut bekannt sind (vgl. Lowery/DeFleur 1995), kann dabei sehr gewinnbringend mit der älteren europäischen Tradition verbunden werden. Die verbindende Fragestellung ist hierbei die nach der Vergesellschaftung durch Mitteilung (Manheim 1933: 17).
Ein Emigrant aus Deutschland, Ernest Manheim (1900-2002), Schüler von Ferndinand Tönnies, 1933 aus sogenannten Rassegründen von der Universität Leipzig vertrieben (vgl. Welzig 1997), hat Lazarsfelds Befund, dass massenmediale Inhalte durch die Kommunikation in Primärgruppen gefiltert und gewichtet werden, 1939 auf einem Soziologenkongress in Dallas vorweg genommen (vgl. Manheim 2005a). Später hat er mit Lazarsfeld fachlich korrespondiert, wie Manheims Nachlass im Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich zeigt. Manheims Basis war Ende der 1930er Jahre die Kommunikationssoziologie aus der Zeit der Weimarer Republik in Deutschland, außerdem seine seit 1933 geäußerte Kritik an der Wissenssoziologie seines Vetters Karl Mannheim. Eben jener könne nicht erklären, wie sich Wissen wandele, wie es diffundiere und sich transformiere, nämlich: durch Kommunikation (vgl. Mannheim 2005b). Ernest Manheim suchte seit 1933 die Wissens- und die Kommunikationssoziologie zusammenzuführen. Er ging damit Alfred Schütz, Thomas Luckmann (vgl. Schütz/Luckmann 2002) und deren Schülern voraus - so ist auch Wissenschaftskommunikation transnational und verbindet verschiedene Epochen.
Dr. habil. Stefanie Averbeck-Lietz ist Hochschuldozentin für Theorie und Soziologie der öffentlichen Kommunikation sowie Medienethik am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig. Im kommenden Wintersemester vertritt sie eine Professur am Institut für Kommunikationswissenschaft der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.
Beck, Klaus (2007): Kommunikationswissenschaft. Konstanz: UVK (UTB).
Bolten, Jürgen (2007): Einführung in die interkulturelle Wirtschaftskommunikation. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
Berger, Peter L./Luckmann Thomas (1966): The social construction of reality. Garden City, New York: Doubleday.
Göttlich, Udo (2006): Die Kreativität des Handelns in der Medienaneignung. Zur handlungstheoretischen Kritik der Wirkungs- und Rezeptionsforschung. Konstanz: UVK.
Habermas, Jürgen (1981): Theorie des kommunikativen Handelns. 2 Bde. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
Hepp, Andreas (2006): Transkultuelle Kommunikation. Konstanz: UVK (UTB).
Hartmann, Maren/Hepp, Andreas (2010): Die Mediatisierung der Alltagswelt. Festschrift für Friedrich Krotz. Wiesbaden: VS.
Jäckl, Michael (2005): Mediensoziologie. Grundfragen und Problemfelder. Wiesbaden: VS.
Jäckel, Michael (2008): Medienwirkungen. Ein Studienbuch zur Einführung. 4. überarb. und erw. Auflage. Wiesbaden: VS.
Jahrbuch für Kommunikationsgeschichte (1999ff.), hrsg. von Holger Böning/Arnulf Kutsch/Rudolf Stöber. München: Franz Steiner.
Knoblauch, Hubert (1995): Kommunikationskultur. Die kommunikative Konstruktion der Wirklichkeit. Berlin, New York: Walter de Gruyter.
Liebes, Tamar/Katz, Elihu (1990): The export of meaning. Cross cultural readings of Dallas. Oxford: Oxford University Press.
Lowery, Shearon A./DeFleur, Melvin L. (1995): Milestones in Mass Communication Research: Media Effects. White Plains, New York: Longman.
Luhmann, Niklas (1984): Soziale Systeme. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
Manheim, Ernst (1933): Die Träger der öffentlichen Meinung. Studien zur Soziologie der Öffentlichkeit. Brünn (Brno), Prag, Wien: Rudolph M. Rohrer.
Manheim, Ernest (2005a): The Role of Small Groups in the Formation of Public Opinion. In: Baron, Frank/Smith, David Norman/Reitz, Charles (Hrsg.): Authority, Culture and Communication. The Sociology of Ernest Manheim. München: Synchron, S. 175-180 [zuerst 1939].
Manheim, Ernest (2005b): The Sociology of Knowledge reconsidered. In: Baron, Frank/Smith, David Norman/Reitz, Charles (Hrsg.): Authority, Culture and Communication. The Sociology of Ernest Manheim. München: Synchron, S. 255-260 [zuerst 1972].
Quandt, Thorsten/Scheufele Bertram (Hrsg.) (2010): Ebenen der Kommunikation. Mikro-Meso-Makro-Links in der Kommunikationswissenschaft. Wiesbaden: VS.
Reimann, Horst (1990): Paul Lazarsfeld und die Entstehung der Massenkommunikationsforschung als Verbindung amerikanischer und europäischer Forschungstraditionen. In: Wolfgang R. Langenbucher (Hrsg.): Paul Lazarsfeld. Die Wiener Tradition der empirischen Sozial- und Kommunikationsforschung. München: Ölschläger, S. 112-130.
Schenk, Michael (2007): Medienwirkungsforschung. 3. vollst. überarb. Aufl. Tübingen: Mohr Siebeck.
Schütz, Alfred/Luckmann Thomas (2002): Strukturen der Lebenswelt. Konstanz: UVK (UTB).
Tönnies, Ferdinand (1922): Kritik der öffentlichen Meinung. Berlin: Julius Springer.
Tönnies, Ferdinand (1981): Einführung in die Soziologie. 2. Aufl. Stuttgart: Ferdinand Enke [zuerst 1931].
Watzlawick, Paul/Bavelas, Janet Beavin/Jackson, Don D. (1967): Pragmatics of Human Communication. A Study of interactional patterns, pathologies and paradoxes. New York: Norton.
Weber Max (1911): Geschäftsbericht. In: Verhandlungen des Ersten Deutschen Soziologentages vom 19.-22. Oktober 1910 in Frankfurt am Main. Reden und Vorträge. Tübingen: Mohr (Siebeck) (= Schriften der DGS, 1. Folge), S. 39-62.
Welzig, Elisabeth (1997): Die Bewältigung der Mitte. Ernest Manheim: Soziologe und Anthropologe. Wien, Köln: Böhlau.
Wessler, Hartmut/Peters, Bernhard et. al. (2008): Transnationalizing of Public Spheres. Basingstoke: Palgrave Macmillan.
[1] Noch vor Jürgen Habermas (1981), der Webers Handlungs- zur Kommunikationstheorie erweiterte und auch
vor Niklas Luhmann (1984), der die Perspektive von der Handlung zum System verschob.
[2] Den Begriff hat Friedrich Krotz, vgl. Hartmann/Hepp 2010.