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Titelbild zum Beitrag: Eine Kunst für sich
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Eine Kunst für sich

Gegenstand und Entwicklung der Kunstsoziologie

Monets Seerosen, Rodins Denker und Goethes Faust begeistern uns bis heute. Kaum einer käme auf den Gedanken, den künstlerischen Wert dieser Werke anzuzweifeln. Dagegen scheiden sich die Geister deutlich, wenn im Rahmen eines Happenings scheinbar beliebig Gegenstände zerstört oder verdreckt werden und obendrein im Publikum landen. Ob diese moderne Ausdrucksform noch Kunst ist oder dies letztlich immer im Auge des Betrachters liegt, klärt unser Wiener Kunstkenner.

Von Professor Dr. Alfred Smudits, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien

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Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.

Paul Klee (1879-1940)

Huhn oder Ei? 

Die Kunstsoziologie beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Gesellschaft und Kunst. Dabei verweist schon diese einfachste Bestimmung des Faches auf eine Reihe von Problemen, die bei der Klärung des Gegenstandsbereichs auftreten: Kunstsoziologie ist an der Schnittstelle von Gesellschaft und Kunst und dementsprechend an der Schnittstelle von sozial- und kulturwissenschaftlichen Traditionen angesiedelt. Wesentlich ist also die Frage, ob die Analyse von der Gesellschaft oder vom künstlerisch-ästhetischen Phänomen aus erfolgen soll? Tatsächlich wird Kunstsoziologie nur mit Vorkenntnissen in Bezug auf die in Frage kommenden künstlerisch-ästhetischen Phänomene möglich sein, wenngleich die sozialen Bestimmungsfaktoren im Vordergrund zu stehen haben.

Das ist doch (keine) Kunst!

Ein weiteres Problem ist mit der lapidar erscheinenden Frage verbunden, um was es sich bei Kunst handelt. Hier reicht das Spektrum von der bürgerlich-romantischen Konzeption von Kunst über einen Kunstbegriff, bei dem auch schon Phänomene der Volks- und Populärkultur eingeschlossen sind bis hin zu einem Verständnis von Kunst als einen Bereich von Phänomenen, bei denen die ästhetische Dimension im Vordergrund steht oder zumindest eine entscheidende Rolle spielt. Eine Kunstsoziologie, die sich nicht von vornherein einer umfassenden Analysemöglichkeit berauben will, wird zweifellos von einem breitestmöglichen Verständnis von Kunst ausgehen müssen, um zum Beispiel Veränderungen des gesellschaftlichen Stellenwerts von Kunst erkennen zu können. Im Folgenden soll daher Kunst als umfassender Begriff für Phänomene (Artefakte, Texte, Praktiken) verstanden werden, bei denen die ästhetische Dimension (die Dimension der unmittelbar sinnlichen Wahrnehmung) eine wesentliche Rolle spielt. Im Falle der Literatur sind es die inneren Bilder, affektiven Konnotationen, die im Vordergrund stehen.

Supermann: Künstlerisch wertvoll?

Sehr eng mit der Frage Was ist Kunst? ist die Frage verbunden, ob angesichts der Tatsache, dass es verschiedene Kunstgattungen gibt, nicht besser von einer ‚Soziologie der Künste' gesprochen werden müsse. Jedenfalls sollte sich Kunstsoziologie nicht nur mit den traditionellen, also der Bildenden Kunst, Musik, Literatur, Theater, sowie den neueren, mittlerweile etablierten Kunstgattungen wie Fotografie, Film und neuerdings Computerkunst befassen. Auch die in Bezug auf ihren künstlerischen Stellenwert umstrittenen Bereiche wie Comics, Design, Werbung und natürlich alle Varianten der Populärkultur gilt es gewissenhaft zu untersuchen. In diesem Zusammenhang ist anzumerken, dass es möglicherweise sinnvoller wäre, anstelle von Kunstsoziologie von einer Soziologie der Ästhetik zu sprechen. Hierdurch wären einige Missverständnisse von vornherein aus dem Weg geräumt. Wenn im Folgenden weiterhin der Terminus ‚Kunstsoziologie' verwendet wird, ist dieser Aspekt daher immer mit zu bedenken.  

 

Im Wandel der Zeit

Ab den 1960er Jahren setzt im Bereich der Kunstsoziologie eine Entwicklung ein, die aus heutiger Sicht durchaus als Paradigmenwechsel anzusehen ist. Dem liegen neben zahlreichen die gesamte gesellschaftliche Entwicklung betreffenden Phänomenen (Konsumgesellschaft, Wohlfahrtsstaat) vor allem zwei Faktoren zugrunde, die das Fach im engeren Sinne betreffen: Zunächst einmal ist auf die Einbeziehung strukturalistischer, semiotischer und  kommunikationstheoretischer Konzepte in die Kunstsoziologie hinzuweisen. Für diese Ansätze, zum Beispiel Rolande Barthes, Umberto Eco, Marshall McLuhan, sind künstlerische Phänomene nur ein Teil des Universums von symbolisch-expressiven Zeichen. Damit findet gleichsam en passant eine deutliche Ausweitung des Gegenstandsbereiches - hin zur Populärkultur - statt. Zum anderen ist eine deutliche Zunahme von WissenschaftlerInnen zu konstatieren, die aus den zumeist mittleren Gesellschaftsschichten stammen. Diese bringen nunmehr ihre spezifischen Erfahrungen im Umgang mit künstlerisch-ästhetischen Phänomenen, die eben sehr oft der Populärkultur zuzurechnen sind, in ihre wissenschaftlichen Ansätze mit ein.

Die Ernennung zur Kunst

Spätestens seit der breiteren Rezeption der kunst- und kultursoziologischen Analysen Pierre Bourdieus, aber auch im Anschluss an zahlreiche Arbeiten, die im Rahmen der Cultural Studies,  des Poststrukturalismus beziehungsweise der Postmoderne oder des ‘Production of Culture'-Ansatzes  entstanden sind, ist unumstritten, dass die Konzeption von Kunstsoziologie im traditionellen Sinne genauso wenig aufrechtzuhalten ist wie die (hegemoniale) Konzeption des traditionellen, also des sich seit dem 18. Jahrhundert etablierenden bürgerlich-romantischen Kunstbegriffs. Dieser ist charakterisierbar durch Produktorientierung wie Originalität, universelle Gültigkeit des Werks, durch Medien der Vermittlung, die lebendige Teilhabe abverlangen wie Konzert- und Opernhäuser, Theater, Museen, Buchlektüre, sowie durch kontemplative Rezeptionshaltung. Nicht zuletzt wird er gerne mit dem Geniebegriff und mit Hochkultur assoziiert. Entsprechend den genannten neueren Ansätzen gilt es als zumindest soziologische Selbstverständlichkeit, davon auszugehen, dass Kunst ein Ergebnis gesellschaftlicher Auseinandersetzungen beziehungsweise - in der Begrifflichkeit der Cultural Studies - gesellschaftlicher Verhandlungen ist. Das heißt, alles und jedes kann als Kunst, als künstlerisch wertvoll angesehen werden, wenn sich nur eine gesellschaftliche Gruppierung findet, die mächtig genug ist, eine entsprechende Werthaltung gesellschaftlich durchzusetzen, zu einer gesellschaftlich legitimen Werthaltung zu machen.

Gestalt und Positionierung der Wissenschaft

Vor diesem Hintergrund können nunmehr für die aktuelle Situation des Faches in Bezug auf den Gegenstandsbereich und das Erkenntnisinteresse folgende Sachverhalte zusammengefasst werden:

  1. Kunst ist in zweifacher Hinsicht als formbestimmt zu begreifen.
    Sie ist historisch formbestimmt: Kunst ist eine historische Kategorie, nicht nur die Kunst - etwa als Abfolge von Stilen - ändert sich, sondern auch das, was als Kunst gilt. Die historische Entwicklung legt nahe, keinesfalls von einem ungebrochenen Verständnis von Kunst auszugehen. Im Gegenteil: Der Kunstbegriff ist auch heute umstritten und er hat sich auch historisch verändert. Und die  gesellschaftlichen Faktoren, die diese Dynamik betreiben, sind in kunstsoziologischen Überlegungen immer mit zu bedenken. Damit ist der zweite Punkt angesprochen:
    Kunst ist sozial formbestimmt: Was in einer Gesellschaft zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt als Kunst angesehen wird, ist das Ergebnis von Auseinandersetzungen konkurrierender Gruppierungen nicht nur im künstlerischen Feld sondern in der Gesellschaft - also von Schichten, Klassen, Teilkulturen.
    In unterschiedlichen Gesellschaftsformationen und in verschiedenen Epochen gelingt es jeweils unterschiedlichen Gruppierungen ihre Vorstellungen davon, wie mit künstlerisch-ästhetischen Phänomenen richtig umzugehen ist, durchzusetzen. Sie erlangen die Definitionsmacht über die Regeln der Kunst.
    Kunstsoziologie beschäftigt sich demnach mit denjenigen Phänomenen, die in einer gegebenen Gesellschaft zu einem gegebenen Zeitpunkt von bestimmten Gruppierungen dieser Gesellschaft als Kunst bezeichnet werden, damit, warum dies so ist und - wenn Änderungen zu konstatieren sind - warum diese stattfinden.
  2. Weiterhin ist festzuhalten, dass sich Kunstsoziologie mit allen relevanten Akteuren, Phänomenen (Artefakten, Texten) und Beziehungen (Praktiken, Prozessen), die im Zusammenhang mit Kunst beziehungsweise im künstlerischen Feld identifizierbar sind, zu beschäftigen hat. Hier lassen sich direkt auf die Aktion (Produktion/Kreation, Distribution und  Rezeption/Konsumtion) oder auf die Akteure (AuftraggeberInnen, KünstlerInnen, vermittelnde Instanzen/Kritik und Publikum) bezogene Sichtweisen unterscheiden. Zudem sind - aus kommunikationstheoretischer Sicht - auch die Botschaft des künstlerischen Phänomens oder der künstlerischen Prozesse selbst, so etwa das Werk, Formen und Inhalte, Repräsentation, zu berücksichtigen.  
    Bei einer Strukturierung, die akteurs-, handlungs- und kommunikationsbezogene Aspekte gleichermaßen umfasst, unterscheidet man folgende drei Sphären:
    >> der Entstehungszusammenhang künstlerisch-ästhetischer Phänomene (Kreation, KünstlerInnen, Nachfrage, Werkcharakter etc.),
    >> der Aneignungszusammenhang derselben (Rezeption, Publikum, Angebot etc.),
    >> der Vermittlungszusammenhang (Medien, Kulturmanagement, Märkte, Programme etc.), der sich zwischen den beiden erstgenannten Sphären befindet.
  3. Des Weiteren ist auf eine Vielzahl von Dimensionen zu verweisen, die zunächst und in erster Linie mit Kunst nichts zu tun haben müssen. Nichtsdestotrotz spielen sie aber für den Bereich der Kunst eine wesentliche Rolle. Dabei handelt es sich vor allem um  Religion, Politik, Recht (Urheberrecht, Zensur etc.) sowie Technik (Medien) und Ökonomie.
  4. Die Berücksichtigung von vordergründig kunstfremden Faktoren verweist auf die enorme Bedeutung interdisziplinären Arbeitens für die Kunstsoziologie. Die naheliegendsten Fächer sind wohl die Kulturwissenschaften im engeren Sinne, die Ästhetik, die Geschichtswissenschaft und die Kommunikations- und Medienwissenschaft.
  5. Entsprechend der breiten Fächerung möglicher kunstsoziologischer Forschung ist auch das Spektrum der möglichen Forschungsmethoden sehr umfassend. Je nach Fragestellung können tiefenhermeneutische Analysen von Erfahrungsberichten von Kunstschaffenden oder RezipientInnen, aber auch groß angelegte Survey-Forschung mittels standardisierter Fragebögen zielführend sein. Ebenso können qualitative oder auch quantitative Inhaltsanalysen von künstlerisch relevanten Artefakten oder Prozessen erfolgen.
  6. Bei der näheren Bestimmung des Erkenntnisinteresses der Kunstsoziologie können schließlich zwei Perspektiven unterschieden werden:
    >> Ein erstes zentrales Forschungsinteresse kann darin ausgemacht werden, dass Beziehungsgefüge der Akteure im künstlerischen Feld, also die Struktur des künstlerischen Feldes, in Abhängigkeit von gesamtgesellschaftlichen Rahmenbedingungen und deren Veränderungen zu untersuchen.
    >> Ein weiterer Aspekt der Beziehung zwischen Kunst und Gesellschaft betrifft die Auswirkungen beziehungsweise Rückwirkungen des künstlerischen Feldes auf die Gesellschaft. Künstlerisch-ästhetische Phänomene werden rezipiert. Das heißt, sie werden wahrgenommen, nachgefragt, konsumiert, bewertet, zum Zweck der Selbstdarstellung benutzt. Das zweite zentrale Erkenntnisinteresse der Kunstsoziologie, neben der und aufbauend auf die Analyse der Struktur des künstlerischen Feldes, stellt also die Analyse der gesellschaftlichen Funktion von künstlerisch-ästhetischen Phänomenen dar.

Soziologie der Ästhetik

Bei der Kunstsoziologie handelt es sich nicht um Bemühungen, das Wesen der Kunst abzuklären, gleichsam die allgemein gültigste Funktion von Kunst schlechthin zu finden. Es geht vielmehr darum, auf der Basis einer gründlichen, empirisch fundierten Analyse der jeweils herrschenden strukturellen Bedingungen im künstlerischen Feld, die gesellschaftliche Nutzung und Bewertung der Hervorbringungen aus dem künstlerischen Feld zu untersuchen und zu fragen, welche gesellschaftlichen Gruppierungen zu einem gegebenen historischen Zeitpunkt welche Interessen in dieser Hinsicht verfolgen bzw. in welcher Weise sie Kunst instrumentalisieren. Für eine zeitgemäße Kunstsoziologie ist dabei, wie eingangs gesagt, ein möglichst offenes Verständnis von Kunst unabdingbare Voraussetzung. Folglich wäre vielleicht besser von einer Soziologie der Ästhetik zu sprechen.

 

Autor

Professor Dr. Alfred Smudits lehrt an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien.

 

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