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Titelbild zum Beitrag: Gegen Staat und Gesellschaft
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Gegen Staat und Gesellschaft

Zur Bandbreite der Extremismusforschung

Parolen, Aufmärsche und Gewalt - diese Bilder des Extremismus verzeichnen wir in Deutschland nicht selten. Die unterschiedlichen Lager solcher Bewegungen eint oberflächlich scheinbar nur, dass sie gegen den demokratischen Verfassungsstaat gerichtet sind. Wie viele Forschungszweige dieses Phänomen aber tatsächlich beschäftigt und letztlich miteinander vernetzt, zeigt unsere Expertin aus dem Ruhrgebiet.

Von Astrid Bötticher, Universität Witten/Herdecke

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Die Extremismusforschung wird in Deutschland häufig mit dem verfassungspolitischen Ansatz gleichgesetzt. Faktisch ist der Extremismus auch eines der Hauptarbeitsfelder des Bundesministeriums für Verfassungsschutz. Doch greift dieser Ansatz zu kurz. Die Extremismusforschung ist ein Forschungsfeld mit enormer theoretischer und methodischer Breite. So wird der Extremismus nicht nur durch die Politologie bearbeitet, sondern erfährt ebenso in der Soziologie, Geschichtswissenschaft und Psychologie Betrachtung. In der Konsequenz hat sich eine ertragreiche Forschungslandschaft entwickelt, die sich durch eine hohe Vernetzung der Konzepte auszeichnet.

Aus der Vogelperspektive

Der verfassungspolitische Ansatz, maßgeblich von Eckhard Jesse und Uwe Backes geprägt, sieht im Extremismus eine einstellungsmäßige Gegnerschaft zu den wichtigsten Spielregeln des demokratischen Verfassungsstaates und im engeren Sinn eine Fundamentalopposition gegen diesen, die sich in Gesinnung und/oder Handlung manifestiert. Der verfassungspolitische Ansatz zieht seine heuristische Qualität aus dem binären Code vom demokratischen Verfassungsstaat zur Verfassungsfeindlichkeit. Verfassungsfeindlichkeit impliziert dabei stets extremistische Ideologie und Aktivität.

Der verfassungspolitische Ansatz ist gekennzeichnet durch den Geist des „klassischen Institutionalismus". Dieser geht davon aus, dass formale Regelungen das spezifische Verhalten von Personen determinieren und beeinflussen. Der verfassungspolitische Ansatz strukturiert das Phänomen des Extremismus - Ursachen und Entstehungsbedingungen kann er jedoch nicht erklären. Damit ist dieser Ansatz ein klassifikatorischer und nicht Teil der Ursachenforschung. Gleichzeitig bleibt der Ansatz einer Vorstrukturierung des Untersuchungsfeldes dienbar, wie auch Backes und Jesse betonen[1].

Bei der Wurzel packen

Demgegenüber haben die aus der Politischen Soziologie oder aus der Politischen Psychologie entwickelten Methoden und theoretischen Konzepte zur Erforschung des Extremismus wenig Beachtung gefunden. Doch sind sie für die Extremismusforschung überaus wichtige Zweige:

  • Politische Sozialisationsforschung,
  • Konfliktlinienforschung,
  • Milieuforschung,
  • Biographieforschung,
  • Einstellungsforschung,
  • Organisationsforschung,
  • Genderforschung,
  • Kleingruppenforschung,
  • Bewegungsforschung (Soziale Bewegung und das darin neu entwickelte Konzept der extremen Zivilgesellschaft) und
  • die Diskurstheorie. 

Das soziale Umfeld

Im Allgemeinen befasst sich die politische Sozialisationsforschung „mit den Prozessen der Eingliederung von Individuen in die politische Gemeinschaft"[2]. Ihre Ergebnisse können im Rahmen des Instrumentariums zur Stabilisierung von demokratischer Ordnung genutzt werden, aber auch Erklärungsvariablen finden, warum Personen sich in den extremistischen Deutungsraum begeben und mittels Handeln formen. Ein wichtiger Faktor der Sozialisationsforschung ist die Übertragung von Überzeugungen durch Sozialisationsagenten auf das Subjekt. Die Politische Sozialisationsforschung findet eine Überschneidung in der Biographieforschung und zum Beispiel der Milieuforschung, die ein historisch-soziologisches Erkenntnisinteresse besitzt.

 

Zeitgeistperspektive

Besonders herauszuheben ist die in der Extremismusforschung fast untergegangene Milieuforschung, die der Politischen-Soziologie zugeordnet wird und enge Vernetzungen zu anderen Forschungszweigen aufweist. Dieter Claessens und Karin de Ahna[3] haben hierzu ein interessantes Forschungskonzept vorgelegt. Es können dabei drei Forschungsphasen unterschieden werden. Die historische Komponente, die soziologische Komponente und die strukturelle Beschreibung einer sich herausbildenden Szene. Dieser Ansatz der Extremismusforschung, der ohne Zweifel sehr hohe Anforderungen an den Forscher stellt, bettet den Extremismus in den „Zeitgeist", in historische und soziale Zusammenhänge ein und ist so ein wichtiger Teil der Ursachenforschung mit einem breiten Blickwinkel.

Individuelle Lebensläufe

Die Biographieforschung, die sich methodisch zum Beispiel auf das von Fritz Schütze entwickelte Instrumentarium des narrativen Interviews stützen kann, besitzt Bezüge zur Milieuforschung und zur Psychologie. Die biographisch angelegte Forschung bezieht sich hierbei zu allererst auf das Individuum und arbeitet so auf der mikrostrukturellen Ebene. Im Rahmen der Forschung werden biographische Strukturen erarbeitet und Informationen über Transformationsprozesse von Individuen gewonnen. Ihre Verbindung zur Politischen Psychologie findet sich beispielsweise in der Nutzung des Thomas-Theorems. Im Bereich dieses Forschungszweiges zu nennen ist die herausragende Studie „Sich in die Geschichte hineinreden" von Lena Inowlocki, die sich mit biographischen Fallanalysen im Bereich des Rechtsextremismus beschäftigt.[4] Das Bundeskriminalamt hat die Studie Extremismen in biographischer Perspektive in Auftrag gegeben.[5] Biographien sind auch das Thema psychologischer Forschungsarbeiten.

Kopfsache

Im Bereich der Psychologie haben sich insbesondere die Gruppen-, Organisations- und Sozialpsychologie hervorgetan. Harald Welzer hat mit seiner Studie Täter - wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden die so wichtigen Aspekte der Sinnzuschreibung und der moralischen Verschiebung beschrieben. Günter Hole beschäftigte sich im Rahmen der Psychoanalyse mit dem Fanatismus. Jerrold Post hat wie Walter Reich eine Vielzahl sozialpsychologischer Studien veröffentlicht, die allesamt zu einem höheren Verständnis wichtiger psychologischer Prozesse innerhalb des Extremismus beitragen.

Für eine bessere Welt...

Im Bereich der Extremismusforschung wird auch der Ansatz Neue Soziale Bewegungen genutzt, um bestimmte Erscheinungen des Phänomens angemessen beschreiben zu können. Eine Soziale Bewegung wird heute nicht auf eine einzelne Gruppe oder Partei zurückgeführt. Vielmehr besteht eine Soziale Bewegung aus verschiedenen Elementen der gesellschaftlichen Partizipation. Im Allgemeinen bilden sich Soziale Bewegungen um gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen und dienen der Bündelung der einzelnen Elemente. „Als System bezeichnet soziale Bewegung einen regelgeleiteten Interaktions- und Funktionszusammenhang einzelner Elemente, in diesem Fall von Individuen, Gruppen und Organisationen."[6]

...zum Außenseiter des Systems

Soziale Bewegungen sind in der Regel Außenseiter des politischen Systems. Sie verfügen über eine beschränkte Ressourcenbasis und haben oft keinen Zugang zu Entscheidungsträgern oder der Medienöffentlichkeit. Soziale Bewegungen können inhaltliche Positionen vertreten, die vom akzeptierten gesellschaftlichen Diskurs abweichen, oder gar menschenfeindliche Positionen einnehmen.[7] „Eine soziale Bewegung ist ein auf gewisser Dauer gestelltes und durch kollektive Identität abgestütztes Handlungssystem mobilisierter Netzwerke von Gruppen und Organisationen, welche sozialen Wandel mit Mitteln des Protestes- notfalls bis hin zur Gewaltanwendung- herbeiführen, verhindern oder rückgängig machen wollen."[8] Dabei steht nicht mehr die Organisation als Zurechnungskriterium im Zentrum der Aufmerksamkeit, sondern die kollektive Identität: Dabei wird mit diesem Instrument die heterogene Erscheinungsform extremistischer Spektren in das Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Ruud Koopmanns, Cas Mudde und Simon Teune sind, erweitert man das Forschungsspektrum auch auf die extreme Zivilgesellschaft, Vertreter dieses Ansatzes zu Erforschung des Extremismus. 

Sprachdiskurs

Die Diskurstheorie beschäftigt sich mit den Folgen von Äußerungen. Das Duisburger Institut für Sprach-und Sozialforschung, das insbesondere für die Erforschung des Extremismus bekannt ist, arbeitet im Rahmen linguistischer Theoriebildung, wenngleich die Diskurstheorie auch andere Rahmensetzungen kennt. Hier stehen Diskurse im Vordergrund der Analysen, die zur Erforschung sprachlicher Konstruktionen dienen und somit der Entwicklung extremistischer Einstellungen auf der Spur sind. Hier ist insbesondere die Interaktion Auch die Genderforschung hat einiges zu dem Forschungsfeld des Extremismus beigetragen - hier sind etwa Renate Bitzan und Gertrud Siller zu nennen. Renate Bitzan erforschte so die Selbstbilder rechter Frauen[9] und Gertrud Siller erforschte den Zusammenhang von politischer Orientierung und geschlechtsspezifischen Erfahrungen[10].

Ein weites Feld

Etliche wichtige Forschungsarbeiten könnten an dieser Stelle noch genannt werden, weitere Theoriebezüge und Methoden wären sicher zu erwähnen. Dennoch zeigt schon dieser sehr kurze Überblick, wie vielgestaltig die Szene der Extremismusforschung ist und welch hohen Vernetzungsgrad sie konzeptionell aufweist. Der gedankliche Bezug auf lediglich einen Forschungsansatz verfehlt diesen Forschungszweig und seine Wissenschaftler vollkommen. Eine realistische Sichtweise auf den Extremismus zu gewinnen, kann nur im Zusammenspiel der einzelnen Forschungsparadigmen gelingen.

Würde man sich lediglich auf den verfassungspolitischen Ansatz beziehen, läuft man Gefahr, dass bestimmte Phänomene des Extremismus, die für die praktisch-politische Bewältigung des Problems wichtig sind, einfach unter den Tisch fallen. Eine Verschiebung der Aufmerksamkeit hin zu den genannten, nicht so populär diskutierten Konzepten der Extremismusforschung ist dementsprechend unbedingt notwendig. Hier sind nun die Forscher am Zug: Eine gemeinsame Tagung mit Vertretern der verschiedenen Zweige steht noch aus. Auch eine personelle Vernetzung ist bisher nicht versucht worden. Nicht zuletzt fehlt auch der Austausch über konzeptionelle Schwierigkeiten des einen oder anderen Ansatzes und gemeinsame Lösungswege wurden in dieser Dimension noch nicht unternommen.

 

Autor

Astrid Bötticher ist Politologin und arbeitet als Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Witten/Herdecke an der Fakultät für Kulturreflexion am Lehrstuhl für Politikwissenschaft.

 


 

[1]Backes, Uwe/Jesse, Eckhard: Politischer Extremismus in der Bundesrepublik Deutschland. Berlin 1993, S 260f

 

[2] Rattinger, Hans: Einführung in die Politische Soziologie, München 2009, S 129.

[3] Cleassens, Dieter/ de Ahna, Karin: Das Milieu der Westberliner „Scene" und die „Bewegung 2. Juni". In: Cleassens, Dieter et.al.: Gruppenprozesse. Analysen zum Terrorismus. Bd. 3. Opladen 1982, 20-174.

[4] Einen kurzen und guten Überblick bietet: Wiezorek, Christine: Rechtsextremismusforschung und Biographieanalyse. In: Klärner,Andreas/ Kohlstruck, Michael: Moderner Rechtsextremismus in Deutschland. Hamburg 2006. Wiezorek veröffentlichte in „Fremdenfeindliche Gewalttäter" auch selbst eine biographische Analyse: „Fallbeispiele zur biographischen Genese von Gewalt und Fremdenfeindlichkeit".

[5] http://www.bka.de/kriminalwissenschaften/veroeff/band/band40/band40_die_sicht_der_anderen.pdf

[6] Rucht, D: Moderisierung und neue soziale Bewegungen Deutschland, Frankreich und USA im Vergleich, Frankfurt am Main, New York, Campus Verlag 1994, 79

[7] Vgl. Koopmanns, R.: Rechtsextremismus, fremdenfeindliche Mobilisierung und Einwanderungspolitik Bewegungsanalyse unter dem Gesichtspunkt politischer Gelegenheitsstrukturen In: Hellman, K.U., Koopmann, R: Paradigmen der Bewegungsforschung, Wiebaden 1998, 198 f.

[8] Rucht, D: Moderisierung und neue soziale Bewegungen Deutschland - Frankreich und USA im Vergleich. Frankfurt am Main/ New York 1994, 77.

[9] Bitzan, R: Selbstbilder rechter Frauen - zwischen Antisexismus und völkischem Denken. Tübingen 2000.

[10] Siller, G.: Rechtsextremismus bei Frauen - Zusammenhänge zwischen geschlechtsspezifischen Erfahrungen und politischen Orientierungen. Opladen 1997. Sowie: G. Siller: Junge Frauen und Rechtsextremismus - zum Zusammenhang von weiblichen Lebenserfahrungen und rechtsextremistischem Gedankengut. In: Deutsche Jugend 1991/1. Siehe auch: Geden, O.: Die Thematisierung von Männlichkeit in der Freiheitlichen Partei Österreichs. In: Klärner, A./ Kohlstruck, M.: Moderner Rechtsextremismus in Deutschland. Hamburg 2006.

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