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Titelbild zum Beitrag: Just learn it
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Just learn it

Im Fokus: Freizeitpädagogik

Viel Stress, wenig Freizeit. Insbesondere beruflich sehr eingespannte Menschen wägen ganz genau ab, wie sie ihre schwer verdiente Freizeit verbringen. Dabei verschwenden wahrscheinlich die wenigsten auch nur einen Gedanken an Lernen. Doch tun wir sehr oft genau das, wenn wir an Führungen durch Museen teilnehmen, Erlebniswelten erkunden und der Reiseleitung auf Stadtrundfahrten lauschen. Unsere Experten aus Bremen wissen dieses Phänomen einzuordnen und stellen die junge Wissenschaft rund um das Freizeitlernen vor.

Von Professor Dr. Renate Freericks und Dr. Dieter Brinkmann, Hochschule Bremen

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Der Begriff Freizeitpädagogik oder Pädagogik der Freizeit bezeichnet einen in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts breiter entwickelten Ansatz der Erziehungswissenschaft. Er nimmt Bezug auf die quantitativ und qualitativ steigende Bedeutung der Freizeit in den westlichen Industrieländern und versucht, die sich entwickelnden Freiräume jenseits der Erwerbsarbeit für Bildungsprozesse, selbstbestimmtes Lernen und Emanzipation zu nutzen. Aus heutiger Sicht ist sie als eine Spezialisierungsrichtung innerhalb einer plural gedachten Erziehungswissenschaft anzusehen (vgl. Fromme 2001).

Frei von Zwängen

Erfunden wurde der Begriff Freizeitpädagogik beziehungsweise Freizeiterziehung durch den Reformpädagogen Fritz Klatt (1929). Für Klatt war der Ansatz verbunden mit dem Konzept einer Heimvolkshochschule an der Ostsee (Prerow). Diese leitete er selbst  über mehrere Jahre und ermöglichte hierdurch insbesondere jüngeren berufstätigen Menschen ein Lernen fern von Berufszwängen und in neuen Zeitstrukturen.

Die Freizeit bietet einen besonderen Rahmen für pädagogische Angebote. Dies wird in Überlegungen zur Freizeitdidaktik reflektiert (vgl. Opaschowski 1990). Kennzeichnend sind zum Beispiel folgende Strukturmerkmale:

  • Freiwilligkeit der Teilnahme
  • Offenheit
  • Erreichbarkeit
  • Aufforderungscharakter der Freizeitsituation und
  • freie Zeiteinteilung.

Attraktive Bildung

Dies unterscheidet freizeitpädagogische Kontexte von schulischen Rahmenbedingungen mit relativ starren Lehrplänen und Zeitabläufen. Gleichwohl sind hier Übergänge erkennbar, wie bei einem organisierten Angebot der freizeitorientierten Weiterbildung. Typisch bleibt jedoch: Die Entscheidungen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer über Lernzeiten, Lerninhalte und Lernformen bekommen ein höheres Gewicht. Im besten Fall findet ein Aushandlungsprozess zwischen Lernenden und Lehrenden statt.

Hinzu kommt, dass freizeitpädagogische Angebote heute auch mit vielen anderen Optionen auf einem breiten Freizeitmarkt konkurrieren. Sie müssen attraktiv gestaltet sein und niedrigschwellige Möglichkeiten für eine Beteiligung eröffnen.

Zeitkompetenz

Die Freizeit selbst stellt an die Menschen eigene Herausforderungen und fordert zu einem Lernen für die Freizeit heraus. Dies kann beispielsweise bestimmte Fähigkeiten und mentale Dispositionen für eine als sinnvoll erlebte Freizeitgestaltung umfassen (künstlerisch-kulturelle Techniken, sportliche Betätigung, Medienkompetenz etc.).

In einem weiteren Sinne kann die Fähigkeit, seine Freizeit selbstbestimmt zu gestalten, als ein grundlegendes Lernziel in enger Verbindung mit der Zunahme der individuellen Freizeit bestimmt werden. Diese als Freizeitkompetenz (vgl. Nahrstedt 1990) bezeichnete Zielvorstellung lässt sich durch Bezug auf den strukturellen Kern Zeit noch verallgemeinern und als Zeitkompetenz zur eigenverantwortlich gestalteten Lebenszeit fassen (vgl. Freericks 1996). Freizeitpädagogik stärkt in diesem Sinne die Bereitschaft und Fähigkeit von Menschen, die Anforderungen verschiedener Zeitsysteme auszubalancieren und für sich Freiräume der Eigenzeit zu erhalten.

Das richtige Umfeld

Freizeitpädagogik bedient sich der grundlegenden pädagogischen Handlungsformen Unterrichten, Informieren, Beraten, Arrangieren, Animieren (vgl. Giesecke 1997) und passt sie den spezifischen Kontexten im Wohnumfeld, in Einrichtungen der Kultur- und Jugendarbeit oder den Lernsituationen auf Reisen an.

Ein besonderes Gewicht gegenüber anderen pädagogischen Situationen erhält durch die Strukturbedingungen der Freizeit das Arrangieren oder Inszenieren von Lernumgebungen. Hiermit ist im Sinne eines Lernens in der Freizeit eine Aufwertung des Selbstlernens und des informellen Lernens an der Grenze zur Freizeitsozialisation verbunden. Der Raum als stimulierende, anregende Lernumgebung wird stärker gewichtet und entwickelt als in schulischen Zusammenhängen.

Neues entdecken

Zum anderen bekommt die Handlungsform der (soziokulturellen) Animation in Freizeitkontexten eine besondere Bedeutung, wenn es darum geht, aus offenen Situationen heraus Beteiligungsmöglichkeiten zu entwickeln und Menschen für Lern- und Bildungsangebote zu gewinnen.

Die animative Aufforderung, Lernchancen für sich zu nutzen, nimmt dabei auch Bezug auf gemischte Motivkomplexe in Freizeitsituationen. Interesse an neuen Erfahrungen und Erkenntnissen treten nicht selten zusammen mit Bedürfnissen nach einem geselligen Freizeiterlebnis, Spaß und Unterhaltung auf. Freizeitpädagogik in diesem Sinne erfordert spezielle methodische Fähigkeiten einer animativen Didaktik.

Teile des Ganzen

Freizeitpädagogik hat sich in Deutschland als ein eigenständiges Berufsfeld mit eigenem Berufsbild nicht durchsetzen können. Als Pädagogik der Freizeit im Sinne eines von bestimmten Grundsätzen und didaktischen Möglichkeiten geleiteten pädagogischen Handels hat sie aber Eingang in verschiedene pädagogische Praxisfelder gefunden, und es lassen sich Bezüge zu zahlreichen pädagogischen Teildisziplinen herstellen (vgl. Popp/Schwab 2003):

  • Sozialpädagogik/Soziale Arbeit: insbesondere in einer präventiven Arbeit mit Jugendlichen und MigrantInnen sowie der soziokulturellen Arbeit im Gemeinwesen;
  • Sportpädagogik, Bewegung und Gesundheit: mit Blick auf eine niedrigschwellige Gesundheitsbildung und die Entwicklung neuer Alltagskulturen (Wellness);
  • Kultur- und Medienpädagogik: Förderung des aktiven Tuns und einer ästhetischen Praxis wie etwa Theaterpädagogik, aber auch Relativierung des pädagogischen Handelns durch Prozesse der Freizeitsozialisation;
  • Erlebnispädagogik: Nutzung von Erfahrungen für pädagogische Prozesse wie Teambildung und Entwicklung einer erfahrungsbasierten Bildungsdynamik in offenen Situationen.
  • Aktuell zeichnet sich die Entwicklung einer „Experience Economie" mit Arrangements für ein erlebnisorientiertes Lernen und eine Freizeitbildung neuer Art ab.

Auf dem Vormarsch

Erkennbar ist, dass sich in der entwickelnden Wissensgesellschaft außerhalb von Schule und Weiterbildung neue Lernorte und Strukturen für die Auseinandersetzung mit Zukunftsfragen und die Wissensvermittlung etablieren und weiter entwickeln (vgl. Nahrstedt et al. 2002). Hierzu gehören beispielsweise auch Einrichtungen wie Zoos, Science Center, Themenwelten, Freizeitparks mit Lernarrangements und erlebnisorientierte Museen.

Insgesamt stellen sie eine postmoderne Infrastruktur für eine Pädagogik der Freizeit bezogen auf ein breites Spektrum an Zielgruppen dar. In ihnen realisieren sich Ansätze eines lernanregenden Arrangements und einer Begegnung mit Lernhelfern neuer Art: Workshopleiter, Berater für das Lern-Erlebnisarrangement (Scouts) oder Akteure einer Wissenschaftsshow.

 

Autoren

Professor Dr. Renate Freericks ist Studiengangsleiterin des „Internationalen Studiengangs Angewandte Freizeitwissenschaft" (ISAF) an der Hochschule Bremen und Vorsitzende des Instituts für Freizeitwissenschaft und Kulturarbeit  (IFKA) e.V. .

Dr. Dieter Brinkmann ist Dozent im Internationalen Studiengang Angewandte Freizeitwissenschaft" (ISAF) an der Hochschule Bremen und wiss. Mitarbeiter im Institut für Freizeitwissenschaft und Kulturarbeit  (IFKA) e.V.

 

Literatur

Freericks, R.; Hartmann, R.; Stecker, B (2010): Freizeitwissenschaft. Handbuch für Pädagogik, Management und nachhaltige Entwicklung. München: Oldenbourg.

Freericks, R. (2010): Freizeitpädagogik. In: Jordan/Schlüter (Hrsg.): Lexikon Pädagogik. Hundert Grundbegriffe. Stuttgart: Reclam, S. 105-106.

Freericks, R. (1996): Zeitkompetenz. Ein Beitrag zur theoretischen Grundlegung der Freizeitpädagogik. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren.

Fromme, J. (2001): Freizeitpädagogik. In: Otto, H.W.; Thiersch, W. (Hrsg.): Handbuch Sozialarbeit/Sozialpädagogik. 2. völlig neu überarbeitete Auflage. Neuwied/Kriftel: Luchterhand, S. 610-629.

Giesecke, H. (1997): Pädagogik als Beruf. Grundformen pädagogischen Handelns. 6. Auflage. Weinheim, München: Juventa Verlag.

Klatt, F. (1929): Freizeitgestaltung. Stuttgart.

Klatt, F. (1971): Gestaltung der freien Zeit des arbeitenden Menschen (1929). In: Giesecke, H. (Hrsg.): Freizeit- und Konsumerziehung. 2.Aufl. Göttingen: Vandenhoek & Ruprecht, S. 178-187.

Nahrstedt, W. (1990): Leben in Freier Zeit. Darmstadt: Wiss. Buchgesellschaft.

Nahrstedt, W. et al. (2002): Lernort Erlebniswelt. Neue Formen informeller Bildung in der Wissensgesellschaft. Bielefeld: IFKA.

Opaschowski, H.W. (1990): Pädagogik und Didaktik der Freizeit. 2. Auflage Opladen: Leske + Budrich.

 

 

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