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Titelbild zum Beitrag: Rucksack, Koffer und Kinderwagen
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Rucksack, Koffer und Kinderwagen

Jugendherbergen unter der Lupe

Große schmucklose Schlafsäle, nüchterne Waschräume und Gemeinschaftsverpflegung gehören schon längst der Vergangenheit an. Viele Jugendherbergen bieten heute weitaus mehr: Servicequalität, attraktive Ausstattung und ein schönes Ambiente. Unser Tourismusexperte aus Ravensburg berichtet über 100 Jahre Jugendherberge und die wachsende Konkurrenz durch Hostels.

Von Professor Dr. Wolfgang Fuchs, Duale Hochschule Baden-Württemberg Ravensburg

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Während einer Klassenfahrt entwarf der Lehrer Richard Schirrmann im Jahr 1909 die Idee einer günstigen Unterkunftsmöglichkeit für Jugendliche - besonders für Volksschüler.

Bereits drei Jahre später wurde die erste Jugendherberge der Welt auf der malerischen Burg Altena im Sauerland errichtet. Die Gründung des internationalen Jugendherbergsverbands, der International Youth Hostel Federation, folgte 1932. Zum Präsidenten wurde Richard Schirrmann gewählt. Ein Jahr später wurden die Jugendherbergen in die Jugendorganisationen der Nationalsozialisten eingebunden und 1949 gründete sich der Dachverband neu. Nach der Wiedervereinigung traten die Landesverbände der Neuen Bundesländer diesem Verband bei (www.jugendherberge.de). 

Das Deutsche Jugendherbergswerk ist die größte nationale Jugendherbergsorganisation der Welt. Es ist ein gewichtiger, aber dennoch oft unterschätzter touristischer Akteur, schließlich verantwortet es 548 Jugendherbergen, über 75.000 Betten und mehr als zehn Millionen Übernachtungen pro Jahr.[1] Auf der Basis der Übernachtungszahlen ist der Landesverband Bayern mit rund 1,3 Millionen der größte. Das wichtigste Gästesegment[2] sind Schulklassen (41 Prozent), gefolgt von Freizeitgruppen (19 Prozent), Familien (16 Prozent) und Seminargruppen (13 Prozent). Die Mitgliederzahl beläuft sich auf knapp 2 Millionen (DJH 2009a, S. 24 ff.).

Nur für Mitglieder

Die Zentrale der deutschen Jugendherbergen sitzt in Detmold. Das DJH[3] ist ein rechtsfähiger, gemeinnütziger und eingetragener Verein. Der Vereinszweck besteht laut Satzung in der Förderung der Jugendhilfe, der Völkerverständigung sowie des Umwelt- und Landschaftsschutzes (§ 5). Hierzu unterstützt der Verband besonders die Einrichtung und Führung von Jugendherbergen. Träger des DJH sind neben dem Hauptverband 14 Landesverbände, die selbständig agieren und ebenfalls eingetragene, gemeinnützige Vereine sind.

Die einzelnen Jugendherbergen befinden sich meist im Eigentum der Landesverbände und werden von diesen betrieben. Darüber hinaus werden beispielsweise auch Immobilien, die kirchlichen Trägern oder der öffentlichen Hand gehören, gepachtet und von den Landesverbänden geführt. Das DJH finanziert sich über Mitgliedsbeiträge, Zuschüsse Dritter (insbesondere Zuwendungen der öffentlichen Hand) und aus sonstigen Einnahmen, zum Beispiel zweckgebundene Spenden (DJH 2008, S. 1 ff.).

Um in einer Jugendherberge übernachten zu können, ist die Mitgliedschaft in einem Jugendherbergsverband Voraussetzung. Diese kostet in Deutschland für Jugendliche bis 26 Jahren 12,50 Euro pro Jahr, für ältere Personen (27 plus) und Familien 21 Euro (DJH 2007, o.S.).

Jugendherberge keine Marke

Der Begriff Jugendherberge war früher eine rechtlich geschützte Bezeichnung, die das DJH im Jahr 2000 beim Deutschen Patent- und Markenamt eintragen ließ. Klagen von Wettbewerbern, die argumentierten, dass es sich bei der Bezeichnung um einen abstrakten Gattungsbegriff handle, wurden zunächst abgewiesen. Kommerzielle Anbieter durften den Begriff daher nicht nutzen. (DJH 2005, o.S.).

Die Klage von Hostel-Anbietern vor dem Bundespatentgericht hatte hingegen Erfolg. Das Bundespatentgericht ordnete 2008 an, dass die Marke Jugendherberge aus dem Markenregister zu löschen sei (Benad 2009, S. 19). Das DJH legte gegen die Entscheidung des Bundespatentgerichts Beschwerde vor dem Bundesgerichtshof ein. Der I. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs wies allerdings die Rechtsbeschwerde zurück (Az I ZB 7/09).

In der Konsequenz haben nun auch kommerzielle Anbieter das Recht, die Bezeichnung Jugendherberge zu tragen (Benad 2009, S. 19; BGH 2009, S. 2 f.; DJH 2009b, o.S.).

Raues Wettbewerbsumfeld

Die deutschen Jugendherbergen verspüren seit Jahren Konkurrenzdruck von so genannten Hostels[4], deren Produktkomponenten in Teilen Jugendherbergen ähneln. Auch sie bieten günstig Übernachtungen in Mehrbettzimmern mit Gemeinschaftsbädern an.

Eine Abgrenzung gelingt am ehesten über den Organisationszweck und die Zugangsmöglichkeiten: Jugendherbergen sind gemeinnützige Einrichtungen des Deutschen Jugendherbergswerks, das mit diesen gesellschaftlich wertvollen Zielen wie Völkerverständigung, Fortbildung oder Umweltschutz verfolgt. Hostels hingegen sind privatwirtschaftliche, nach Gewinn strebende Marktteilnehmer. Gemeinnützige Ziele verfolgen sie nicht. Und: Während Jugendherbergen in Deutschland von ihren Gästen eine Mitgliedschaft fordern, tun dies Hostels nicht.

Die in der Regel in Großstädten liegenden Hostels zeichnen sich neben einem niedrigen Preisniveau[5] durch eine ungezwungene Atmosphäre aus. Der Informationsaustausch mit anderen über Erlebtes und Reisetipps sind Teil des Unternehmenskonzepts.

Waren die Unterkünfte in ihren Anfängen - vor allem in Australien, Neuseeland und Südostasien - eine günstige Übernachtungsmöglichkeit für individuell reisende Rucksacktouristen (so genannte backpacker), gehören inzwischen auch Gruppenreisende in Form von Schulklassen, Familien mit Kleinkindern oder sogar Geschäftsreisende zum Kundenkreis. Dennoch ist das Durchschnittsalter der Gäste relativ niedrig (Hotelverband Deutschland 2009, S. 77; Quandt 2007, S. 18, Stiftung Warentest 2009, S. 79).

In Deutschland expandieren Hostels stark. Aufgrund der bei Hostels günstigen Personalkostenstrukturen und Vertriebswege (Internet) sind sie zu einem ernstzunehmenden Wettbewerber auf dem Beherbergungsmarkt geworden, der inzwischen auch mit Budget-Hotels konkurriert.

Fließende Grenzen zwischen Jugendherbergen, Hostels und Budget-Hotels

Hostels übernehmen mittlerweile ähnliche Dienstleistungsangebote wie Hotels, die Grenzen zwischen den unterschiedlichen Beherbergungstypen verwischen (Hotelverband Deutschland 2009, S. 77; Rieppel 2009, S. 27; Stiftung Warentest 2009, S. 78 ff.). Anbieter wie A&O oder Meininger integrieren Hostels und Hotels sogar in einem Gebäude, um unterschiedliche Zielgruppen anzusprechen und gleichzeitig Synergieeffekte realisieren zu können. So greifen sie beispielsweise auf die gemeinsame Nutzung von öffentlichen Flächen wie Empfang, Bar oder Garage zurück.

Inzwischen bieten einige Hostel-Anbieter auch Einzelzimmer mit Bad und WC sowie Kabel-TV, Frühstücksbüfett, durchgehend geöffnete Rezeption, kostenlosen Gepäcktransport und individuelle Programmplanung an (Quandt 2007, S. 18 f.; www.aohostels.com; www.meininger-hostels.com).

Jugendherbergen positionieren sich neu

Auch vor dem Hintergrund des zunehmenden Wettbewerbs erfahren Jugendherbergen in Deutschland eine Modernisierung. Unter Beibehaltung der ursprünglichen Ideale verfolgt das DJH das Ziel, den Begriff positiv aufzuladen und als das Original auf dem Markt zu positionieren.

Beispiele hierfür sind Jugendherbergen, die

  • kulturelle Projekte anbieten (zum Beispiel im Rahmen von Theaterwerkstätten),
  • sich als sozialökologisches Modell verstehen (zum Beispiel Nutzung umweltverträglicher Baumaterialien mit pädagogisch geleiteter Architektur) oder
  • jugendgemäße Lebenskonzepte weiterentwickeln (zum Beispiel über gesunde und gleichzeitig attraktive Ernährung mit Bewegungsangeboten).

Über die Qualitätsmanagement-Offensive Jugendherbergen 2009 wurden Mindeststandards in allen Jugendherbergen eingeführt. Die Anforderungen zielen auf das Management vor Ort, die Servicequalität, und Ausstattung sowie attraktive Außenanlagen ab (DJH 2006, S. 1 ff.; DJH 2007, S. 2 ff.). Das DJH beabsichtigt eine Fortschreibung des Qualitätskonzepts.

Das gegenwärtige Marktumfeld, unter anderem gekennzeichnet durch sinkende Realeinkommen in weiten Bevölkerungsschichten, knapper werdende Reisebudgets und restriktivere Reiserichtlinien der Unternehmen verheißen für Jugendherbergen, aber auch für Hostels und Budget-Hotels eine grundsätzlich positive Zukunft.

Gleichzeitig zieht die Attraktivität des Budget-Markts neue Anbieter an. Der Wettbewerb wird sich in der Folge verschärfen und Marktbereinigungen eintreten.

 

Autor

Professor Dr. Wolfgang Fuchs ist Studiengangsleiter des Studiengangs BWL - Tourismus, Hotellerie und Gastronomie II an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Ravensburg.

 

Literatur

Benad, Jürgen 2009: Jugendherberge ist frei. In: Allgemeine Hotel- und Gastronomie-Zeitung (AHGZ), Nr. 8 vom 21. Februar, S. 19

BGH 2009: Beschluss vom 17. September 2009 - Az I ZB 7/09

DJH (Hrsg.) 2005: Voller Erfolg für das Deutsche Jugendherbergswerk: Bezeichnung „Jugendherberge" bleibt weiterhin geschützt. Pressemitteilung. Detmold

DJH (Hrsg.) 2006: Jugendherbergen 2009. Qualitätskonzept des Deutschen Jugendherbergswerkes. Detmold

DJH (Hrsg.) 2007: Jugendherbergen für jede Gelegenheit. Selbstdarstellung des Deutschen Jugendherbergswerkes. Detmold

DJH (Hrsg.) 2008: Satzung des Deutschen Jugendherbergswerkes, Hauptverband für Jugendwandern und Jugendherbergen e.V. Neufassung. Detmold: Bösmann

DJH (Hrsg.) 2009a: Die Jugendherbergen. Jahresbericht 2008. Detmold

DJH (Hrsg.) 2009b: Jugendherberge bleibt eine Qualitätsbezeichnung. Pressemitteilung. Detmold

Hotelverband Deutschland (IHA) (Hrsg.) 2009: Hotelmarkt Deutschland. Berlin: IHA-Service

Quandt, Birgit 2007: Angriff auf die Budget-Hotellerie. In: fvw international, Spezial: Hotel, 41. Jg., Heft 12, S. 18-19

Rieppel, Karin 2009: Hauptstadt ist Hostel-Eldorado. In: Allgemeine Hotel- und Gastronomie-Zeitung (AHGZ), Nr. 48 vom 28. November, S. 27

Stiftung Warentest (Hrsg.) 2009: Billig geht auch stilvoll. In: test, 44. Jg., Nr. 5, S. 78 - 81

www.aohostels.com

www.jugendherberge.de/de/ueberuns/1909bisheute/index.jsp (Zugriff: 16.12.2009)

www.meininger-hostels.com

 

Buchtipp

Reulecke, Jürgen; Stambolis, Barbara (Hrsg.) 2009: 100 Jahre Jugendherbergen 1909-2009: Anfänge - Wandlungen - Rück- und Ausblicke. Essen

 

 

 


 

 

[1] Stand 31.12.2008.

[2] In Prozent der Übernachtungen.

[3] Deutsches Jugendherbergswerk, Hauptverband für Jugendwandern und Jugendherbergen e.V.

[4] Hostel [engl.] Gästehaus, Wohnheim; hospitium [lat.] Bewirtung, Gastfreundschaft, Herberge.

[5] In Deutschland zwischen 10 und 40 Euro je Bett in Abhängigkeit von Saison und Zimmertyp.

 

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