Betriebswirtschaftslehre
Moderne Flughäfen bestehen nicht nur aus einer Landebahn und Abfertigungshalle. Sie bieten dem Einzelhandel, Hotels und Restaurants einen guten Platz für florierende Geschäfte. Reisende und Besucher treffen dort überdies auf Konferenzzentren, Wellnessoasen und in München sogar auf eine Brauerei. Unser Tourismusfachmann aus dem Allgäu verrät am Beispiel München und Frankfurt am Main, was genau hinter den so genannten Airport Cities steckt.
Von Professor Dr. Axel Schulz, Hochschule Kempten
Eine einfache, baum- und strauchlose Grasfläche - genau das reichte für einen Flughafen früher aus. Heute ist das anders. Flughäfen wie Frankfurt am Main oder München sind weit mehr als nur Ankunfts-, Abflugs- oder Umsteigeorte. Sie sind funktionsfähige Städte, so genannte Airport Cities. Sie werden auch als Sky City (Flughafen Arlanda in Stockholm), Aviopolis (Flughafen Vantaa in Helsinki), Aeroworld (Flughafen Wien) oder auch Aéroville (Flughafen Paris) bezeichnet.
Das europäische Vorbild und der Vorreiter aller Airport Cities in Europa ist der Flughafen Schiphol in Amsterdam, der bereits in den 1980er Jahren das Potenzial von Kundengruppen abseits der Passagiere erkannte, dementsprechend investierte und aus einem Verkehrsknotenpunkt städteähnliche Bauten mit entsprechenden Funktionen entstehen ließ.
Gründe für die Entwicklung von einem einfachen Flughafen zu einer Airport City gibt es zahlreiche: Das stetige Welthandelswachstum und die Intensivierung weltumspannender Geschäftsbeziehungen sowie der logistische Vorsprung, vor allem dann, wenn es sich um intermodale Verkehrsknotenpunkte handelt. Dies sind nur einige Vorteile, die sich für Frachtunternehmen, Logistikanbieter, Kliniken, Hotel-, Gastronomie- und Kongressbetriebe im Rahmen einer Airport City ergeben könnten.
Der Flughafen wird zum interkulturellen Hub, zum Jobmotor, zum Imageträger und ist ein idealer Treffpunkt für Führungskräfte zur Vernetzung internationaler Partner in den Metropolen. Eine Airport City kann demzufolge auch als eine Form der regionalen Wirtschaftsentwicklung betrachtet werden, die sich auf dem Flughafengelände auf den landseitigen Verkehr konzentriert und dabei von den Vorteilen eines Flughafens profitiert.

Flughäfen bieten eine Vielzahl von Infrastruktureinrichtungen und Servicedienstleistungen an. Die weitreichenden Aktivitäten werden in die drei wesentlichen Geschäftsfelder Aviation, Bodenverkehrsdienste (Ground Handling) und Non-Aviation untergliedert. Eine Airport City lebt besonders von den Einnahmen des Non-Aviation-Bereichs (Betrieb, Verkauf oder Vermietung von Bestandteilen der Airport City) und der sich daraus ergebenden höheren Nachfrage nach Flugverbindungen (Aviation-Bereich) seitens der ansässigen Unternehmen. Ziel des Ausbaus zur Airport City ist es, ein wirtschaftliches Standbein außerhalb des eigentlichen Luftverkehrs zu stärken und die Einnahmen aus dem Non-Aviation-Bereich zu erhöhen. Statt einer Fokussierung auf Passagiere, Besucher und Mitarbeiter erstreckt sich die Planung bewusst auf Kunden- und Nutzergruppen, die von Flughafenbetreibern bislang allenfalls am Rande berücksichtigt wurden.
Und statt einer Beschränkung auf die luftverkehrsbezogene Flächennutzung und Infrastrukturentwicklung ist ein umfassendes Immobilienmanagement mit dem Ziel implementiert, die vorhandenen Flächen zu optimieren und den Gesamtstandort durch Neuansiedlung weiter zu stärken und zu erweitern.
Flughafenstädte bieten zahlreiche Chancen und Herausforderungen für den Einzelhandel, die Gastronomiebetriebe und für Freizeit- und Unterhaltungseinrichtungen, so dass auch ab und zu von Einkaufszentren mit angeschlossener Landebahn die Rede ist.
Vorreiter hierfür sind asiatische Flughäfen, die in Form von modernen Konsum- und Erlebniswelten die Airport Cities des 21. Jahrhunderts darstellen. Ein gutes Beispiel hierfür ist der 2006 eröffnete Suvarnabhumi International Airport in Bangkok, dessen Funktion weit über die eines Flughafens hinausreicht. Das Terminal bietet neben Shopping-, Restaurant- und Wellnessangeboten sogar einen Meditationspark - eine Oase der Ruhe.
Einen weiteren Schritt wagen die Betreiber des Flughafens in Dubai. Hier wird in Etappen in den nächsten Jahrzehnten der weltweit größte Flughafen für rund acht Milliarden Dollar errichtet. Dieser umfasst neben einem einzigartigen Shopping- und Freizeitangebot unter anderem einen Golfplatz und eine Universität. Der Flughafen wird somit zum attraktiven Reiseziel und wächst infolgedessen über seine eigentliche Verkehrsfunktion hinaus.
Die Unterschiede zwischen europäischen und asiatischen Bauten sind jedoch gravierend. Neben der Akzeptanz in der Bevölkerung sowie bürokratischen Hürden spielen vor allem die Flächenbegrenzungen in Europa eine wichtige Rolle für die Entwicklung der Flughäfen.

Mit 54 Millionen internationalen Passagieren, 15 Millionen Besuchern und Abholern sowie 35 Millionen kaufkräftigen Konsumenten im Einzugsgebiet von 200 km zählt der Flughafen Frankfurt am Main zu dieser Kategorie. Zudem sind hier rund 70.000 Menschen und 500 Unternehmen tätig. Der Flughafen ist somit der wichtigste Wirtschaftsfaktor für die Region.
Die neue Airport City wird dort aus drei großen Komplexen bestehen, dem Airrail Center, Airport City West sowie Gateway Gardens. Insgesamt wird die künstliche Stadt eine Fläche von 2.000 Hektar umfassen. Dafür werden in den nächsten Jahren zirka zehn Milliarden Euro investiert.
Das Herzstück ist das Airrail Center, das direkt über dem ICE-Fernbahnhof gebaut wird. Mit einer Länge von 660 Meter und einer Breite von 65 Meter wird das Gebäude über eine Gesamtfläche von 14 Hektar, verteilt auf neun Ebenen, verfügen. Der Großteil der Fläche wird für Gewerberäume genutzt, aber auch die Hotelgruppe Hilton sowie Einrichtungen aus Einzelhandel und Gastronomie werden einziehen.
Das Gebäude ist als Deutschlands erste Mobilitätsimmobilie konzipiert, da das Center über eine optimale Vernetzung von Flugzeug, Bahn und Straße verfügt. Auf der anderen Seite des Flughafen soll Gateway Gardens 2016 in Betrieb gehen. Wie auch das Airrail Center wird hier ein Nutzungsmix aus Büro und Dienstleistung, drei Hotels verschiedener Kategorien und Gastronomie, Messen und Ausstellungen, Tagungen und Kongresse, Wissenschaft und Forschung, International Trade Center, Einzelhandel sowie Freizeit und Entertainment angesiedelt. Der dritte große Komplex ist ein noch zu entwickelndes Gewerbegebiet in der Rhein-Main-Region, dessen Fertigstellung bis Ende 2017 geplant ist.
Der Flughafen München entwickelt sich immer mehr zu einer Erlebniswelt und bietet zahlreiche Einrichtungen an, um Reisenden, Besuchern, Anwohnern, Abholern und Bringern ein Erlebnis bieten zu können. Dabei setzt der Flughafen auf die Bereiche Einzelhandel, Gastronomie, Information und Unterhaltung, Veranstaltungen sowie Sport und Wellness.
Das Angebot variiert wie bei allen großen internationalen Flughäfen von Designerware über Markenartikel und lokalen Geschäften bis hin zu den Travel-Value-Geschäften. Ebenso sind Banken, Apotheken sowie Supermärkte vertreten. Außerdem verfügt der Flughafen über eine Vielzahl gastronomischer Betriebe (z. B. Sushibar, Hofbräuhaus) und mit dem Airbräu sogar über eine eigene Brauerei.
Insgesamt verfügt der Flughafen über 32.000 Quadratmeter Verkaufs- und Gastronomiefläche, verteilt auf Terminal 1 (4.000 Quadratmeter), Terminal 2 (18.000 Quadratmeter) und das Munich Airport Center (MAC) mit rund 10.000 Quadratmeter, das die Verbindung zwischen Terminal 1 und Terminal 2 herstellt. Diese Fläche bietet Platz für über 200 Geschäfte und Gastronomiebetriebe, wovon sich zirka 50 Prozent im nicht öffentlichen Bereich und 50 Prozent im öffentlichen Bereich befinden.
Darüber hinaus präsentiert sich der Flughafen als Veranstaltungsort. Das Konferenzzentrum municon verfügt über 38 Konferenzräume von 18 bis 210 Quadratmetern, die bis zu 554 Personen Platz bieten und für Tagungen, Konferenzen, Produktpräsentationen und andere Veranstaltungen genutzt werden können. Ebenso finden im MAC zahlreiche Veranstaltungen wie ein Weihnachtsmarkt, Konzerte, Kunst- und Kulturausstellungen, Beachvolleyballturniere oder Kinoveranstaltungen statt. Für Erholung und Entspannung sollen zum einen Massagen im Asia Wellness Spa im Terminal 1 sorgen und zum anderen das im Juli 2008 eröffnete Cosmetic Institut Munich Airport in der Lufthansa-Lounge im Terminal 2, in dem gestresste Vielflieger zwischen 15 verschiedenen Behandlungen wählen können.
Die Faszination des Flughafens und Fliegens soll den Besuchern über einen Besucherpark näher gebracht werden. Dieser hält unter anderem einen Besucherhügel bereit, von dem die beiden Start- und Landebahnen sowie das westliche Vorfeld eingesehen werden können, außerdem drei historische Flugzeuge, eine Multimediashow mit Filmen und Erklärungen zum Flughafen, eine Besucherrundfahrt, einen Souvenirshop sowie einen Flugsimulator und einen Kinderspielplatz. Als beliebteste Einrichtung gilt hierbei der Besucherhügel.
Der Bau einer Airport City ist aber kein Erfolgskonzept, welches auf alle Flughäfen übertragen werden kann. Grundvoraussetzungen, die ein Flughafen erfüllen sollte, sind neben einer großen Stadt im Hintergrund auch eine gewisse Anzahl an Flugbewegungen. Zudem benötigen potenzielle Mieter und angesiedelte Unternehmen weltweite Direktflugangebote und einen möglichst guten Verkehrsanschluss an die Innenstadt.
Nur so können internationale Geschäftsbeziehungen aufrechterhalten werden und der Flughafen den Unternehmen einen Standortvorteil verschaffen. Die kritische Größe für eine Airport City liegt bei mindestens zehn Mill. Passagieren im Jahr.
Dr. Axel Schulz ist Professor für Tourismus- und Informationsmanagement an der Fachhochschule Kempten. Weitere Informationen zu Verkehrsträgern unter www.flughafen-management.de
Autor, Airrail Center Frankfurt