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The next big thing

Hype-Technologien in der IT

Wer spricht heute eigentlich noch vom papierlosen Büro? Was einst visionär klang und Unternehmen auf große Einsparungen hoffen lies, ist heute bereits Schnee von gestern. Dennoch sorgen vergleichbare IT-Trends Jahr für Jahr wieder für Furore. Unser IT-Experte aus Stuttgart berichtet über Hype-Technologien und das Tal der Enttäuschung.

Von Professor Dr. Thomas Kessel, Duale Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart

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Jedes Jahr beginnt sie von neuem: die Suche nach technologischen Trends und innovativen Produkten in der IT-Industrie. Anlass ist meist eine Messe, wie zum Beispiel die Consumer Electronics Show (CES), die regelmäßig Anfang Januar in Las Vegas stattfindet, oder die CeBIT in Hannover.

IT-Analysten und Beratungsunternehmen veröffentlichen dann emsig ihre Prognosen für die künftigen, zu erwartenden Entwicklungen. Diese Zahlen werden nur allzu gerne von den Medien aufgegriffen.

Hinter diesem jährlichen Ritual steckt zum einen der sportliche Ehrgeiz, die Zukunft korrekt vorherzusagen und auf diese Weise die eigene technische Kompetenz zu betonen. Zum anderen wird natürlich so indirekt ein Bedarf für neue zu erwartende Informations- und Beratungsdienstleistungen geweckt.

Im englischen Sprachraum redet man in diesem Kontext auch gerne von der Suche nach The Next Big Thing, also dem nächsten technologischen Durchbruch für den IT-Markt.

Im Gegensatz zu den oft großen, allumfassenden Technikvisionen der Vergangenheit (es sei nur an das papierlose Büro erinnert) werden heutzutage pragmatische, leicht umzusetzende Lösungen gesucht, die sich innerhalb kurzer Zeit lohnen und somit zu spürbaren Kostenreduzierungen im Unternehmen führen.

Aus diesem Grunde dominieren auf der Agenda von CIOs (Chief Information Officer = Leiter Informationstechnologie) seit geraumer Zeit wichtige Themenbereiche wie beispielsweise Virtualisierung, Green IT oder energieeffiziente Rechenzentren, Konsolidierung der IT-Infrastruktur, Offshoring oder Business Intelligence.

Neben diesen klassischen und langfristigen Aufgabenstellungen gibt es aber auch immer wieder das Phänomen von Hype-Technologien, die aufgrund ihrer Medienpräsenz oft mit messianischen Erwartungen überladen werden und anscheinend typisch für die IT-Industrie sind.

Hype: Diskrepanz zwischen Schein und Sein

Als Hype bezeichnet man ein übermäßiges Medieninteresse für ein Produkt, eine Dienstleistung oder eine Technik, das oft durch die kommerziellen Interessen des Anbieters motiviert ist. Ein Hype-Thema wird in der Regel intensiv in den Medien diskutiert, dabei häufig mit zu hohen Erwartungen aufgeladen und zum Schluss wieder fallen gelassen.

Die Gründe des Scheiterns liegen dabei weniger in den Technologien selbst, sondern häufig in den ersten unausgereiften Produkten, die auf diesen Technologien aufbauen, da diese zumeist unter großem Zeitdruck entwickelt werden und der Diskrepanz zu den völlig übertriebenen Annahmen, die durch Marketingkampagnen geweckt werden.

Von dem IT-Analyse- und Beratungsunternehmen Gartner Inc. gibt es sogar die Beschreibung eines Hype-Zyklus, in dem der erste Anstoß durch einen technologischen Auslöser erfolgt, danach führt dies aufgrund großer Medienaufmerksamkeit zu völlig überzogenen Erwartungen.

Die typische Konsequenz ist, dass das allgemeine Interesse stark nachlässt, man durchschreitet so folgerichtig das Tal der Enttäuschungen und erreicht erst nach geraumer Zeit wieder die ursprüngliche Aufmerksamkeit.

Ein typisches Beispiel hierfür sind die so genannten serviceorientierten Architekturen (SOA) oder Web Services, die in den letzten Jahren, immer wieder als kurz vor dem Durchbruch stehend, beschrieben wurden.

Die ersten Implementierungen von SOA-basierten Anwendungen konnten die hoch gesteckten Erwartungen bezüglich Funktionalität, Sicherheit und Leistung oft nicht erfüllen. Erst in den letzten Jahren gelang es aufgrund einer kontinuierlichen Weiterentwicklung der Werkzeuge und zugrunde liegender Technologien, die erforderliche Reife zu erreichen, um diese erfolgreich anwenden zu können.

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich allerdings das allgemeine Interesse schon wieder weitgehend abgewendet und war auf der Suche nach der nächsten großen technologischen Innovation.

Eine bodenständige Wunschliste

Nun soll nicht versucht werden eine Top Ten-Liste der künftigen Technologie-Trendsetter dieses Jahres zusammen zu stellen, denn dies ist - wie schon eingangs festgestellt - die Aufgabe diverser IT-Analyse- und Beratungsunternehmen.

Es geht vielmehr um eine Wunschliste der bodenständigen Art, auf der die Verbesserung aktueller Produkte in Bezug auf Dokumentation, Benutzbarkeit, Ausgereiftheit und Herstellerunterstützung im Vordergrund stehen sollte.

Der Nutzen für den Kunden ergibt sich meines Erachtens in der Regel nicht aus immer neuen Funktionalitäten, die oft nicht benötigt werden, sondern in der Zuverlässigkeit der zugesicherten Eigenschaften des Produkts.

Für viele IT-Produkte scheint es aber zum Beispiel mittlerweile keine Selbstverständlichkeit mehr zu sein, dass ein verständliches, deutsches Handbuch in ausgedruckter Form vorliegt. Weiterhin werden besonders im Software-Umfeld Produkte ausgeliefert, die offensichtlich nicht intensiv getestet wurden und somit nicht die nötige Stabilität aufweisen.

Bei Problemen sind die Benutzer häufig auf sich allein gestellt oder werden nur lapidar auf eine Website verwiesen. All diese Begleitumstände tragen aber wesentlich zum Erfolg eines Produkts bei und sind auch für die Kundenbindung entscheidend.

In diesem Sinne bleibt nur zu hoffen, dass im nächsten Jahr alles besser wird.

 

Autor

Professor Dr. Thomas Kessel studierte Informatik an der Universität Karlsruhe (TH) und dem Institut National des Sciences Appliquées (ehemals ENSAIS) in Straßburg. Er promovierte im Rahmen eines deutsch-französischen Instituts in Straßburg und arbeitete ab 1996 bei Hewlett-Packard in den Bereichen Forschung und Entwicklung, sowie dem technischen Consulting. Er lehrt seit 2002 an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart (ehemals Berufsakademie Stuttgart) im Studiengang Wirtschaftsinformatik und hat dort die wissenschaftliche Leitung des Zentrums für Angewandtes Software-Management inne. Er ist Autor des Buchs Einführung in Linux und Ko-Autor von Java leicht gemacht, sowie eine Reihe weiterer Veröffentlichungen.

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