Titelthema
Ich bin kein Tourist - dieser Slogan ziert T-Shirts, Taschen und Kappen, die von einem Onlineshop angeboten werden. Die Artikel sind wohl vor allem für die Bewohner von Ferienregionen gedacht, die sich auf diese Weise als echte Einheimische outen wollen. Doch eigentlich könnten wir uns alle entsprechend ausstatten, denn im Urlaub wollen wir Entdecker, Abenteurer oder Flaneure sein - auf keinen Fall aber Touristen, denn die gelten einfach nur als unsensibel, aufdringlich und peinlich.
Von Professor Dr. Albrecht Steinecke, Universität Paderborn
Sich von den übrigen Urlaubern zu distanzieren und als etwas Besseres zu fühlen - diese Grundeinstellung ist untrennbar mit der Geschichte des modernen Tourismus verbunden. Bereits im Jahr 1806 mokierten sich englische Adelige darüber, dass das florierende Seebad Scarborough nun zunehmend von Textilfabrikanten, Tuchhändlern und sonstigen Personen geringerer Qualität bevölkert wurde. Da schwingt deutlich die Klage über den Verlust einstiger Privilegien mit, denn bis dahin waren die schicken Seaside Resorts mit ihren Piers, Promenaden und Konversationshäusern ausschließlich dem blaublütigen Publikum vorbehalten gewesen.
Touristen wurden von den Mitreisenden also schon kritisiert, als es den Begriff noch gar nicht gab - denn dieser tauchte erst im Jahr 1811 in englischen Wörterbüchern auf. Die Tour im Sinne von Umgang oder Rundgang war zunächst ein Spaziergang um den eigenen Besitz (tour de propriétaire). Zusätzlich zu dieser kleinen Tour entwickelte sich später die mehrjährige Grand Tour zu einem festen Bestandteil des adeligen Erziehungs- und Ausbildungsprogramms. Sie führte von England über Frankreich zu den klassischen Stätten in Italien, wo die jungen Edelleute nicht nur Kunstwerke und Denkmäler besichtigten, sondern vor allem den letzten gesellschaftlichen Schliff erhielten.
Doch selbst diese frühen Bildungs- und Kulturtouristen, die sicherlich gute Manieren besaßen und keine Hawaiihemden, weiße Socken und Sandalen trugen, wurden zum Gegenstand harscher Kritik. So empörte sich der Dichter Lord Byron Anfang des 19. Jahrhunderts darüber, dass Rom von Engländern verseucht sei, und verglich seine Landsleute mit einer Menge glotzender Tölpel.
Seitdem scheint es Intellektuellen und sogar Politikern ein besonderes Vergnügen zu bereiten, Touristen zu diskriminieren und lächerlich zu machen - hier nur zwei Beispiele:
Bei so viel Häme ist es verständlich, dass kein Urlauber ernsthaft daran interessiert ist, sich als Tourist bezeichnen zu lassen. Touristen sind immer die Anderen - diese Denkweise schimmert in vielen persönlichen Urlaubserzählungen durch. Mit dem Klischee des hässlichen Touristen, der anscheinend nur in Horden auftritt, will niemand etwas zu tun haben. Bei Urlaubsfotos wird die Perspektive deshalb auch immer so gewählt, dass außer der lieben Familie, den imposanten Bauwerken und/oder der schönen Landschaft möglichst keine Mitreisenden zu sehen sind. Auch in Reiseführern finden sich nahezu keine Fotos von Touristen.
Hinter der Distanzierung von anderen Touristen steckt jedoch nicht nur die snobistische Trauer über den Verlust eigener Privilegien, sondern ebenso eine Kritik an krassen Fehlentwicklungen des Tourismus. Nach bescheidenen Anfängen hat in Deutschland seit den 1950er-Jahren eine explosionsartige Entwicklung der touristischen Nachfrage stattgefunden. Innerhalb dieser Demokratisierung des Reisens stieg die Zahl der bundesdeutschen Touristen im Zeitraum 1954-1966 rasch von 9,3 auf 18,7 Millionen. Für dieses massenhafte Reisepublikum mussten in den Zielgebieten innerhalb kürzester Zeit Flughäfen, Schnellstraßen, Hotels und Vergnügungseinrichtungen gebaut werden. Die negativen Folgen des unkontrollierten Booms wurden spätestens in den 1970er-Jahren offenkundig: Landschaftsverbrauch, Landschaftszerstörung, Luft- und Wasserverschmutzung sowie Tier- und Pflanzengefährdung zählen seitdem zu den touristischen Todsünden.
Billiger Urlaub in Bettenburgen - für Menschen mit geringem Einkommen war das die populäre Form des Glücks (und ist es bis heute). Was blieb ihnen auch anderes übrig, als diese touristische Wirklichkeit zu akzeptieren - selbst wenn sie ihren Vorstellungen von einem Traumurlaub nicht entsprach? Doch parallel zu diesem Pauschalreise-Universum entwickelte sich damals eine touristische Subkultur: Nun hatten die Alternativtouristen ihren Auftritt auf der internationalen Reisebühne.
On the road again - der populäre Titel der Bluesrockband Canned Heat brachte das Lebensgefühl dieser Generation von Driftern auf den Punkt. Sie wollten ausgetretene Touristenpfade verlassen, einfach nur unterwegs sein, neue Freunde finden, Musik machen, in andere Kulturen eintauchen - und häufig auch einen Joint rauchen. Die Reise war ein langer Trip auf der Suche nach sich selbst - unabhängig davon, ob sie mit einem VW-Bulli oder per Anhalter gemacht wurde, oder ob sie nach Griechenland oder Indonesien führte. Für die Neckermänner, die sich in ihrem 14-tägigen Pauschalurlaub überwiegend an Hotelpools sonnten und höchstens einmal eine Jeep-Safari buchten, hatten die Alternativtouristen nur verächtliche Blicke übrig (wie einst die englischen Adeligen für das bürgerliche Reisepublikum). Koffer böse, Rucksack gut - auf diese einfache Formel ließ sich das simple Weltbild der Alternativtouristen bringen.
Allerdings erwies sich der schöne Traum vom besseren Reisen bald als Schimäre, denn immer mehr Globetrotter berichteten in Handbüchern über ihre tollen Reiseerfahrungen (Der billigste Trip nach Indien, Afghanistan und Nepal etc.). Diese alternativen Reiseführer lösten rasch einen massenhaften Strom von Nachahmern aus, die sich strikt an den Routenvorschlägen und Übernachtungstipps orientierten. Dadurch entwickelten sich z.B. in Südostasien wahre Highways für Alternativtouristen. An beliebten Knotenpunkten wie Kuta (auf Bali) stieß man mit ziemlicher Sicherheit wieder auf andere Globetrotter aus Deutschland, Australien oder den USA, mit denen man schon einige gemeinsame Urlaubstage in Jakarta (auf Java) oder am Tobasee (auf Sumatra) verbracht hatte.
Die Alternativtouristen waren zwar auf der Suche nach neuen Erfahrungen in der Fremde, doch so ganz wollten sie auch nicht auf das Vertraute verzichten. Wie alle anderen Urlauber exportierten sie deshalb ihre Konsum- und speziell ihre Essgewohnheiten in die Zielgebiete. Selbst in abgelegenen indonesischen Bergdörfern standen nun Bircher Müsli und Spaghetti Bolognese auf der Speisekarte der kleinen Lokale. Weil die Drifter mit wenig Geld möglichst lange unterwegs sein wollten, hatte auch diese Form des Reisens ihre negativen Seiten: Häufig wurde die naive Gastfreundschaft der Einheimischen ausgenutzt; Schnorren und selbst Diebstähle von Opfergaben in Tempeln waren keine Seltenheit.
Zum legendären Treffpunkt der internationalen Backpacker-Szene wurde in den 1970er-Jahren die Khao San Road in der thailändischen Hauptstadt Bangkok; hier reihten sich billige Unterkünfte und einfache Restaurants aneinander - und der Drogenhandel blühte. Literarisch wurde dieser Schauplatz durch den Bestsellerroman von Alex Garland The Beach verewigt; die Verfilmung mit Leonardo di Caprio in der Hauptrolle sorgte schließlich dafür, dass die Straße auch für ein breites Publikum zu einem festen Begriff wurde.
Damit geriet die Khao San Road aber zu einem Waterloo des Alternativtourismus. Die wachsende Popularität löste einen Anstieg der Bodenpreise aus. Von einer alternativen Gegenwelt ist inzwischen kaum noch etwas zu spüren. Neben den Billighotels haben sich Boutiquen und Szenelokale angesiedelt. Auch das Reisepublikum hat sich grundlegend geändert: Anstelle der anspruchslosen drifter kommen nun überwiegend Traveller, die größeren Wert auf Komfort, Spaß und Unterhaltung legen. Für sie ist die Reise durch Südostasien nicht mehr die lange Suche nach sich selbst, sondern einfach nur ein toller Urlaub. Da erweist es sich nur als konsequent, dass die Straße auf ihrer deutschsprachigen (!) Homepage mit dem Slogan wirbt:
Die Rucksack- oder Alternativreisenden als gute Touristen, die sich ernsthaft für die Kultur eines fremden Landes interessieren und sensibel mit den Einheimischen umgehen - diesen idealistischen Traum hat der Kommerz also längst unter seine stählernen Fittiche genommen. Alle individuellen Dünkel und Abgrenzungen sind vergeblich: Im 20. Jahrhundert hat sich der Tourismus zu einem Massenphänomen entwickelt und wer eine Reise unternimmt, ist ein Tourist. Die bittere Einsicht in diese unveränderliche Tatsache fällt sicherlich leichter, wenn man einmal einen Blick in die Tourismusstatistik wirft, denn dort zählen nur die harten Fakten.
Bislang haben sich Wissenschaftler, aber auch Statistische Ämter recht schwer damit getan, den Begriff Tourismus präzise abzugrenzen. Zum akademischen Forschungsobjekt wurde das Reisen bereits Anfang des 20. Jahrhunderts, als vor allem Volkswirte die ökonomischen Wirkungen dieses Phänomens analysierten. Doch der Tourismus ist mehr als nur ein Wirtschaftszweig; aus wissenschaftlicher Sicht wirft der Drang in die Ferne zahlreiche Fragen auf:
Mehrere Wissenschaftsdisziplinen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten bemüht, Antworten auf diese Fragen zu finden - von der Betriebswirtschaftslehre über die Geographie bis hin zur Psychologie. Angesichts unterschiedlicher Forschungstraditionen und Untersuchungsmethoden herrschte lange Zeit eine babylonische Sprachverwirrung hinsichtlich der Kernfrage: Was ist Tourismus?
Die Frage der richtigen Terminologie ist noch nicht abschließend gelöst, doch hinsichtlich drei zentraler Merkmale der Touristen besteht weitgehend Einigkeit:
Auf internationaler Ebene hat sich inzwischen ein breiter Tourismus-Begriff durchgesetzt, der von der World Tourism Organization (UNWTO) formuliert worden ist.
Bei der Frage nach der richtigen Definition geht es nicht um akademische Spitzfindigkeiten, sondern vielmehr um handfeste Interessen, denn statistische Daten werden z.B. von Interessengruppen im Rahmen ihrer Lobbyarbeit genutzt oder von Politikern für die Beantragung von Fördermitteln verwendet. Auch bei der Lektüre von Schlagzeilen über die angeblich neuesten touristischen Trends (Wellness-Urlaub, Deutschland-Urlaub etc.) ist immer ein gewisses Maß an Wachsamkeit notwendig: Welcher Tourismus-Begriff liegt den Daten zugrunde? Wer hat die Ergebnisse erarbeitet und wer war der Auftraggeber?
Unabhängig von diesen methodischen Problemen macht der Blick auf die offizielle Tourismus-Definition der UNWTO aber deutlich, dass alle Versuche vergeblich sind, sich als Tourist von den Mitreisenden abzugrenzen. Ganz egal, ob man individuell oder pauschal verreist, ob man mit Rucksack oder Koffer unterwegs ist, ob man eine Ich bin kein Tourist-Kappe trägt - für die amtliche Statistik ist man einfach nur ein Tourist.
Professor Dr. Albrecht Steinecke hat den Lehrstuhl für Wirtschafts- und Fremdenverkehrsgeographie an der Universität Paderborn inne. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Trendforschung in Freizeit und Konsum, Erlebnis- und Konsumwelten, Kulturtourismus und Destinationsmanagement. Er ist Autor zahlreicher Publikationen und Lehrbücher - u. a. "Tourismus - eine geographische Einführung" (Braunschweig 2006), "Kulturtourismus" (München/Wien 2007), "Themenwelten im Tourismus" (München 2009). Bei dem vorliegenden Beitrag handelt es sich um ein stark gekürztes Kapitel aus seinem Buch "Populäre Irrtümer über Reisen und Tourismus" (München 2010).