Ein Kessel Buntes
Apple revolutioniert den Markt: Durch das pfiffige Unternehmen aus dem Silicon Valley rücken neben glänzenden und schicken Smartphones auch so genannte Apps in den Mittelpunkt. Mit letzteren schreibt das Unternehmen wachsende Gewinne und lehrt die Konkurrenz das fürchten. Unser Experte aus Stuttgart erklärt, was hinter diesem Geschäftsmodell steckt.
Von Professor Dr. Thomas Kessel, Duale Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart
Ein Handy erscheint im Fernsehen, auf dem mehrere Anwendungen, im Folgenden Apps[1] genannt, stilvoll aneinander gereiht erscheinen. Eine sympathische Stimme erklärt bei fröhlicher Hintergrundmusik, wie jede dieser Apps unser tägliches Leben nicht nur erleichtert, sondern auch bereichert.
So werden beispielsweise die Titel und Interpreten von Musikstücken aus dem Radio in wenigen Sekunden erkannt, Dateien jeglicher Art bearbeitet und versandt, das nächstgelegene indische Restaurant auf einer virtuellen Landkarte gefunden oder der niedrigste Preis für ein bestimmtes Produkt im World Wide Web blitzschnell ausgemacht.
Die Botschaft ist klar und eindeutig: für jede Lebenssituation und jedes Bedürfnis gibt es die passende App und es ist ganz einfach, sie herunterzuladen, zu installieren und zu bedienen. Dem faszinierten Zuschauer wird suggeriert, dass die Lösung des einen oder anderen drängenden Alltagsproblems nur einen Fingerdruck entfernt liegt.
Haben Sie es erkannt? Es handelt sich um einen typischen Ausschnitt aus der iPhone Werbung, wobei auffällig ist, dass hier nicht das übliche Technik-Blabla über verbesserte Handy- oder Mobilfunktechnik verbreitet wird, sondern die einfache Lösung für ein konkretes Problem im Vordergrund steht. Ermöglicht wird dies vor allem durch die unzähligen Apps, die die Hardware des Handys erst richtig ausreizen.
Man wirbt so letztlich nicht mehr nur für die Hardware, sondern für eine leistungsfähige Software, was im deutlichen Gegensatz zu der Werbung für die meisten anderen Handys steht, bei denen einzelne Aspekte, wie beispielsweise eine leistungsfähige Kamera oder ein großer Bildschirm, betont werden.
Apps sind kleine Anwendungsprogramme, zum Beispiel für die Organisation der persönlichen Informationen (Notizen, Adressen, Termine etc.), zum Abrufen aktueller Wetter- oder Börseninformationen, zur Navigation oder zum Spielen. Sie erlauben ein Handy flexibel mit der benötigten Software nachzurüsten und so auf die spezifischen Bedürfnisse des Benutzers einzustellen. Analog zu austauschbaren Handyschalen oder den persönlichen Klingeltönen, können Handys so noch viel stärker individualisiert werden.
Für den Handy-Hersteller selbst ergibt sich somit eine sehr gute Möglichkeit zur Differenzierung von Wettbewerbern. Die Preise einzelner Apps bleiben in der Regel überschaubar, was natürlich den Anreiz zum Kauf erhöht. Ein hoher Umsatz bei den Anbietern wird deshalb vor allem durch die Masse, also eine große Anzahl von verkauften Apps, erzielt.
Wo findet man nun alle diese Apps? Analog zum iTunes Store, Apples Angebot an legalen Musikdateien, Filmen, TV Sendungen, Hörbüchern usw. für iPods und künftig auch iPads, bietet der so genannte App Store ein Portal für alle möglichen Apps. Dieses Portal von Apple hat sich aufgrund der sehr guten Anbindung ans iPhone, der unkomplizierten Installation der Apps und des vielfältigen Angebots rasant weiter entwickelt. Dies hat zur Konsequenz, dass er selbst auch zu einem sehr wichtigen Umsatzträger für den erfolgreichen Hersteller aus dem Silicon Valley geworden ist, da dieser mit einer Provision an den Umsätzen beteiligt ist.
Mittlerweile haben natürlich auch die anderen großen Hersteller von Handy-Plattformen, wie Nokia (Symbian), RIM (Blackberry) oder Google (Android) reagiert und ihre Versionen eines App Stores vorgestellt, wobei jedoch noch immer deutliche Unterschiede bestehen, was die Benutzerfreundlichkeit, Anbindung und Installation von Apps auf Handys betrifft.
In diesem Zusammenhang sei hier beispielhaft das Ovi-Portal von Nokia (www.ovi.com) genannt, dessen Angebot und Attraktivität deutlich unter dem des App Stores von Apple liegt.
Mit der zunehmenden Beliebtheit von Apps tritt nicht nur die Bedeutung der Handy-Hardware in den Hintergrund, sondern auch die angestammte Aufgabenverteilung zwischen Mobilfunkbetreibern und Handy-Herstellern löst sich auf.
Während sich die Handy-Hersteller bislang darauf beschränkten die Geräte zu liefern, die dann in der Regel über die Mobilfunkbetreiber an den Endkunden verkauft wurden, zeichnet sich nun eine dramatische Änderung des bisherigen Geschäftsmodells ab.
Durch den Verkauf der Apps treten die Handy-Hersteller mehr oder weniger in direkten Wettbewerb zu den Portalen oder Mehrwertdiensten der Mobilfunkbetreiber, die dort ähnliche Services anbieten.
Nachdem sich die Apps nun allgemein etabliert haben, ist die Breite und die Tiefe des Softwareangebots zum (mit)entscheidenden Kaufkriterium für Smartphones geworden, was wiederum stark durch die Unterstützung der Entwicklergemeinschaft beeinflusst wird. Wie wichtig das Vorhandensein einer großen Anzahl von Anwendungsprogrammen ist, zeigte sich bei der Markteinführung des iPads, welches auf den zahlreichen vorhandenen Apps für das iPhone aufbaute.
Der wesentliche ökonomische Motivator für die Softwareentwickler der Apps ist eine große Verbreitung der Handy-Plattform, wie sie etwa bei Apple, Google oder Microsoft gewährleistet ist.
An dieser Hürde scheitert momentan zum Beispiel noch das WebOS von Palm trotz guter technischer Leistungsdaten. Weiterhin sind der Aufbau und die Versorgung einer großen Entwicklergemeinschaft mit den nötigen Werkzeugen und den technischen Dokumentationen erforderlich, was wiederum Firmen wie Apple oder Microsoft bevorzugen, die über eine jahrzehntelange Erfahrung in der Betreuung von Anwendungsentwicklern verfügen.
Analog zu den aktuellen Tendenzen der Softentwicklung für PCs lässt sich jetzt schon ableiten, dass sich zukünftig vor allem offene, plattformübergreifende Programmiersprachen sowie Entwicklungswerkzeuge durchsetzen dürften und sich somit letztlich die Anzahl der existierenden Handy-Plattformen (analog zu den Betriebssystemen bei PCs) konsolidieren dürfte.
Insbesondere von der Open Source-Bewegung ist in dieser Hinsicht noch Einiges zu erwarten.
Professor Dr. Thomas Kessel studierte Informatik an der Universität Karlsruhe (TH) und dem Institut National des Sciences Appliquées (INSA; ehemals ENSAIS) in Straßburg. Er promovierte im Rahmen eines dt.-frz. Instituts in Straßburg und arbeitete ab 1996 bei Hewlett-Packard in den Bereichen Forschung und Entwicklung, sowie dem technischen Consulting. Er lehrt seit 2002 an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart (www.dhbw-stuttgart.de; ehemals Berufsakademie Stuttgart) im Studiengang Wirtschaftsinformatik, wo er Studiengangsleiter für das englisch-sprachige Studienangebot „International Business Information Management" (IBIM) ist und hat dort die wissenschaftliche Leitung des Zentrums für Angewandtes Software-Management ( ZAS; www.dhbw-stuttgart.de/zas ) inne. Weiterhin ist er Gründer und Leiter des Steinbeis-Beratungszentrums für angewandte Wirtschaftsinformatik, das die Umsetzung aktueller Forschungsergebnisse in die betriebliche Praxis unterstützt. Er ist Autor des Buchs „Einführung in Linux" und Ko-Autor von „Java leicht verständlich", sowie eine Reihe weiterer Veröffentlichungen und unter kessel@dhbw-stuttgart.de erreichbar.
[1] App ist die Abkürzung des englischen Worts appliction und beschreibt Anwendungsprogramme jeder Art.