Auf eine Tasse mit Michael Bloss
Auch wenn in Deutschland künftig die Bevölkerung schrumpft, ist weltweit mit einer wahren Bevölkerungsexplosion zu rechnen. Die Folge wird vor allem eine weltweite Nahrungsmittel- und Frischwasserknappheit sein. Unser Experte wirft einen ernüchternden Blick in die Zukunft und zeigt, weshalb sich auch Investoren auf Terminbörsen künftig verstärkt mit Agrarprodukten beschäftigen werden.
Von Michael Bloss, Europäisches Institut für Financial Engineering und Derivateforschung (EIFD), Frankfurt am Main
Bis zum Jahr 2030 wird die Weltbevölkerung nach Schätzungen der OECD um unglaubliche 40 Prozent wachsen. Die Produktion und die Verteilung von Lebensmitteln werden dann weltweit zu einem Problem.
Bereits heute stehen nicht allen Menschen auf der Erde in ausreichendem Maße Nahrungsmittel zur Verfügung. Die Ursache liegt gegenwärtig darin begründet, dass für diese Menschen selbst Grundnahrungsmittel zu teuer sind. Die Weltbank und der IWF warnen deswegen bereits vor der Gefahr von so genannten Hungerkriegen in der Zukunft.
Selbst wenn die Bevölkerung nicht in dem skizzierten Ausmaß explodiert, wird es ernst: Nach Angaben der Food and Agriculture Organization (FAO) der Vereinten Nationen wäre selbst dann eine Angebotsausdehnung an Nahrungsmitteln um rund 70 Prozent bis 2050 notwendig.
Die Ausweitung von entsprechenden Ackerflächen in den Regionen südlich der Sahara und in Südamerika wären grundsätzlich möglich, allerdings nicht in Südasien, Nahost und Nordafrika.
Durch eine solche Ausweitung kann dem Problem der Nahrungsmittelknappheit also nur zum Teil begegnet werden. Auch die Intensivierung der Bewirtschaftung der bereits bestehenden und neuen Ackerflächen ist keine Lösung (Abb. 1), denn sie ist in hohem Maße von klimatischen Bedingungen sowie der Beschaffenheit der Böden in den einzelnen Regionen beschränkt.


Nahrungsmittel- und Wasserknappheit sind indes zwei Seiten einer Medaille. Deshalb muss besonders die Nutzung von Frischwasser künftig global deutlich effizienter werden.[1] Schließlich wird etwa ein Fünftel der Anbaufläche in den Entwicklungsländern künstlich bewässert.
In Süd- und Südostasien liegt die künstliche Bewässerung sogar bei rund einem Drittel - mit steigender Tendenz. Große Staaten wie China und Indien vereinen beispielsweise bereits heute die Hälfte der künstlich bewässerten Anbauflächen auf sich.
In Summe werden etwa 70 Prozent der Frischwasserentnahmen weltweit in der Landwirtschaft verwendet.
Steigender Wohlstand in einigen Teilen der Erde, der in der Regel auch mit einem steigenden Fleischkonsum einhergeht, und eine wachsende Weltbevölkerung werden, in den kommenden Jahren die Situation verschärfen. Gleiches gilt für die künftig zunehmende Nutzung von Mais und Soja für Biosprit. Auch dies wird einen großen Anteil von Wasservorräten aber auch von Ackerflächen binden.

Um einer wachsenden Weltbevölkerung, besonders in den armen und sich entwickelnden Staaten, gerecht zu werden, muss sich das Bewusstsein für Agrarprodukte aber auch für die effiziente Verwendung von Wasser deutlich verändern.
Nachwachsende Rohstoffe sind schon heute bedeutende Investitionsgüter. Sie werden bereits von spekulativen Investoren gehandelt. Ein Großteil dieser Rohstoffe wird noch in den USA an Terminbörsen gehandelt. In den kommenden Jahren - also mit zunehmender Knappheit von Nahrungsmitteln - wird sich dieser Markt deutlich verbreitern.
Es ist besonders mit einer verstärkten Nachfrage in Kontinentaleuropa zu rechnen und daher auch mit einem Listing dementsprechender Kontrakte an der EUREX. Erste Ansätze sind bereits zu erkennen.
Michael Bloss ist Abteilungsdirektor im Wealth Management der Commerzbank AG und Direktor des Europäischen Instituts für Financial Engineering und Derivateforschung (EIFD). Er lehrt als Associate Professor und Director for Derivatives am Lehrstuhl für "International Finance" der European School of Finance an der HfWU und unterrichtet als Lehrbeauftragter an weiteren namhaften Universitäten und Hochschulen. ![]()
[1] http://www.economag.de/magazin/2009/12/289+Quell+des+Lebens