Titelthema
Reisen bildet. Bildung ist aber nur eines von vielen Motiven, die Menschen in die Ferne treiben. Was steckt hinter dem menschlichen Drang, sich pünktlich zu Ferienbeginn mit vielen anderen Mitreisenden auf dem Flughafen zu drängeln, um schließlich an vollen Stränden wie Dosensardinen nebeneinander zu liegen? Unsere Tourismusexperten aus Dresden gehen dem Phänomen Fernweh nach und skizzieren ausgewählte Erklärungsversuche sowie ein wissenschaftliches Modell der Tourismus-Nachfrage.
Von Univ.-Professor Dr. Walter Freyer und Philipp Röder, Lehrstuhl für Tourismuswirtschaft, TU Dresden
Die Palette der Erklärungsversuche für die touristische Nachfrage ist vielfältig. All diese Erklärungen fokussieren auf verschiedene Aspekte des menschlichen Lebens und der menschlichen Bedürfnisse und setzen sie in Bezug zum Reisen.
Doch keiner der nachfolgenden Ansätze hat sich entscheidend durchgesetzt. Das mag mit der Natur des Tourismus zusammenhängen: So vielfältig wie der Tourismus ist, so vielfältig sind folglich auch die individuellen Nachfragefaktoren oder Gründe, Motive und Motivationen des Reisens: sie sind multi-motivational.
Eine zentrale Frage bei den verschiedenen Erklärungsversuchen für das menschliche Reisen ist, inwieweit Reisen freiwillig oder aus Zwang erfolgt. Im historischen Kontext ergaben sich Reisen oft aus Zwängen heraus - zum Beispiel einem Krieg, der Suche nach Nahrung, der Flucht vor Krankheiten oder der Religion. Das Reisen war damals lediglich Mittel zum Zweck.
Nur selten haben sich Menschen freiwillig für diese Reiseformen entschieden. Reisen hat weder Spaß noch Freude bereitet, es war außenbestimmt und weitgehend unfreiwillig. Zudem waren Reisen oft nur einem kleinem, privilegiertem Kreis von Personen vorbehalten.
Von Tourismus als moderner Form des Reisens wird erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts gesprochen. Hier wurde das Reisen zu einer freien oder freiwilligen Beschäftigung breiter Bevölkerungskreise mit Vergnügungscharakter, für die sich ein eigener Wirtschaftsbereich, die Freizeit- und Tourismuswirtschaft, entwickelt hat.
Diese moderne Form des Tourismus ist durch Freiwilligkeit geprägt. Touristische Reisen müssen nicht zwangsläufig durchgeführt werden, auch wenn sie bestimmten Zwecken dienen oder auf psychologische und soziologische Faktoren zurückgeführt werden können.
Neben Spaß und Freude als bekannte Motive dienen Reisen allerdings auch der Erholung und Regeneration für den Arbeitsprozess, der Bildung und Kommunikation sowie dem Beruf. So gesehen sind sie nicht immer reiner Selbstzweck.
Der moderne Tourismus berücksichtigt als Reisemotive neben Spaß, Freude und Erholung auch
und viele andere mehr. Ferner dienen Motivationen auch zur Bildung von Touristentypen und Marktsegmenten (zum Beispiel A-Typ als Abenteuerurlauber, B-Typ als Bildungsurlauber etc. (vgl. genauer Freyer 2009 (Tourismus-Marketing), S. 176 ff.)).
Genauso wie Motive von Reisenden untersucht werden können, ist es ebenso interessant zu fragen, warum Menschen eigentlich nicht reisen können, dürfen oder wollen. Die Gruppe der Nichtreisenden ist bisher nur wenig erforscht. Mögliche Gründe für (un)freiwilliges oder gezwungenes Zuhausebleiben können beispielsweise Bequemlichkeit („Home-Stayer"), Geldmangel, Verpflichtungen, aber ebenso Behinderungen oder Einschränkungen der Mobilität oder Gesundheit sein.
Erklärungen für die Reisenachfrage als Naturgesetz oder biologisches Bedürfnis sind eng mit der Zwangsthese des Reisens verbunden. Letztendlich haben sie sich aber nicht durchgesetzt. Weder der Wandertrieb noch das Nomadentum sind die eigentlichen Ursachen des modernen Tourismus. Vielmehr ist Tourismus vor allem ein gesellschaftliches, soziales oder individuelles Phänomen.
Das weg-von-Reisen ist eines der am weitesten verbreiteten Erklärungsansätze für Urlaubsmotivationen und betont die Fluchtthese des Reisens. Der Mensch sieht hierbei den Alltag als ein System von Zwängen, in denen er die wahren Wünsche nicht ausreichend ausleben kann. Er ist fremdbestimmt, zum Beispiel durch den Arbeitsprozess, und eingezwängt in den alltäglichen, zumeist immer gleichen, Ablauf des Tages und der Wochen, Monate, Jahre.
Diesen Alltagsprozessen will der Tourist entfliehen. Er will Tapetenwechsel, raus aus dem Alltag, rein in den Urlaub.
Fast zwei Drittel der Deutschen wollen im Urlaub einfach viel Zeit haben (vgl. Reiseanalyse 2008). Der Urlaub soll sich folglich vom normalen Alltag grundlegend unterscheiden. Diese Motivationen werden auch als Push-Faktoren des Reisens bezeichnet, da sie den Reisenden von etwas wegstoßen oder wegtreiben.
Doch die andere Seite des weg-von-Reisens, das vor allem negativ begründet wird, betrachtet bereits die positiven Aspekte dessen, was auf Reisen eigentlich gesucht wird: die Gegenwelt, das Neue, das Andere, das Außer-Gewöhnliche. Der Tourist verlässt mit der Reise die alltäglichen Zwänge - aber dabei ist er bereits auf der Reise hin-zu etwas.

Die Motivforschung des hin-zu-Reisens beschäftigt sich vor allem mit dem, was Touristen auf Reisen anders oder neu erleben wollen. Es ist der Gegenalltag, das freie Einteilen der Zeit, das Tun-und-lassen-was-man-will, beispielsweise Kultur erleben, Sport treiben oder einfach ausschlafen und relaxen - etwa mit einem Langschläferfrühstück im Hotel. Reisen ist nach dieser Auffassung vom Erforschen, vom Interesse und der Freude an anderen Ländern und Menschen geprägt:
Folglich sind neue Eindrücke, unterwegs sein und andere Länder kennen lernen auch häufig genannte Urlaubsmotive der Deutschen (vgl. Reiseanalyse 2008). Diese Motivationen werden auch als Pull-Faktoren oder Zug-/Sogfaktoren des Reisens bezeichnet, da sie Touristen anziehen oder zu etwas (zu Attraktionen oder Destinationen) hinziehen - quasi wie Magnete. Solche Anziehungsfaktoren können Klima, Flora, Fauna, aber auch die Gastfreundschaft der Menschen in den touristischen Destinationen sein.
Andere Erklärungen sehen Tourismus als Folge und Spiegelbild der gesellschaftlichen Entwicklung. Tendenzen zur
führen zu zunehmender Reiseerfahrung der Touristen und zur Internationalisierung oder Globalisierung des Tourismus. Heute gibt es kaum noch Orte ohne Touristen, gleichzeitig wird aber auch die Konkurrenz der touristischen Destinationen untereinander global.
Gerade der Tourismus ist durch Grenzen überwindende, multinationale und interkulturelle Aktivitäten Motor und Getriebe der Globalisierung: Tourismus ist und wird immer internationaler. Aber auch der Gegentrend zum Lokalen (go global, act local) ist nicht zu vernachlässigen. Das zeigt sich zum Beispiel am wachsenden Interesse der Menschen an regionalen Produkten oder authentischen Angeboten, Attraktionen und Sehenswürdigkeiten in Destinationen.
Als Teil des zielorientierten Reisens wird Tourismus gelegentlich mit Festen oder Events, Ritualen oder mit Spielen verglichen. Auch diese werden von Menschen freiwillig (ungezwungen) veranstaltet und erlebt. Sie richten sich an die höheren Werte und Luxusbedürfnisse des menschlichen Erlebens, weniger an die Grundbedürfnisse der Menschen.
Ferner wird die Auffassung vertreten, dass Reisen als Ersatz für religiöse Rituale anzusehen sind. Touristische Ausprägungsformen können hier beispielsweise Eventtourismus, Spiritueller Tourismus oder Abenteuertourismus (mit entsprechendem Kick, wie zum Beispiel Bungeejumping oder Rafting) oder der Besuch von Freizeitattraktionen oder Freizeitparks (mit entsprechendem Spielecharakter, wie etwa Labyrinth im Maisfeld oder Garten-Großschachspiel) sein.
So interessant die dargestellten Erklärungsversuche für die Reisenachfrage sind, sie zeigen stets nur einzelne Aspekte der möglichen Erklärungen für das Reisen auf. Letztlich hat sich keiner von ihnen wirklich durchgesetzt.
Reisen wird sehr eng mit individuellen Kalkülen und Bedürfnissen verbunden. Die Psyche des Menschen, seine Suche nach Werte- und Bedürfnisbefriedung, aber auch die sozialen Einflüsse des Verhaltens anderer Menschen, sind wesentliche Bestimmungsfaktoren für den modernen Tourismus.
In Anlehnung an das ganzheitliche oder modulare Modell der Tourismuslehre lässt sich für die touristische Nachfrage die Vielfalt der Einflussgrößen darstellen (vgl. Freyer 2011 (Tourismus-Einführung), S. 45ff. und Abb. 2). 
Es sind vor allem sechs große Erklärungsbereiche, die das Reiseverhalten und die Reisenachfrage beeinflussen: Staat, Individuum, Gesellschaft, Umwelt, Wirtschaft (allgemein) und Tourismusbetriebe (als Anbieter).
Dabei sind ökonomische Einflussfaktoren - als Konsum- oder Investitionsnachfrage - gerade für den modernen Tourismus von besonderer Bedeutung. Wichtig für die ökonomische Tourismusanalyse ist die Betrachtung der Nachfrageseite. Daher haben sich Ökonomen auch intensiv mit dem speziellen Thema Reisenachfrage beschäftigt.
Sie versuchen analog zur allgemeinen BWL und VWL Ansätze und Modelle auf den Tourismus und die Tourismusnachfrage im Speziellen zu übertragen (siehe dazu auch Freyer 2009 (Tourismus-Marketing) oder Swarbrooke/Horner 2006).
Doch auch damit können wiederum nicht alle Erklärungs- und Einflussmöglichkeiten aufgezeigt werden. So fehlen beispielsweise die medizinischen, juristischen sowie weitere Einflussbereiche. Aber dieses ganzheitliche Modell gibt einen durchaus geeigneten Ansatzpunkt für die Annäherung an die Vielfalt der Erklärungen für die Reisenachfrage.
Durch stetige Veränderungen in den Eigenschaften, Motiven und Bedürfnissen der Touristen ergeben sich weiterhin große Herausforderungen für den Tourismus und das Tourismus-Marketing sowie das Destinationsmanagement.
Eine viel genauere Kenntnis der hybriden und multioptionalen Touristen wird notwendig, denn Touristen werden immer reiseerfahrener, anspruchsvoller, spontaner und undurchschaubarer. Sie erwarten stets aktivere, erlebnis- und abenteuerreichere Urlaubsformen. Es bleibt abzuwarten wie sich die Tourismusnachfrage zukünftig (weiter)entwickeln wird.
Doch das ist letztendlich eine andere Geschichte, mit der sich die touristische Zukunftsforschung beschäftigt (vgl. economag Nr. 2/2009 „Mit dem Raumschiff ins All? Touristische Zukunftsforschung liegt im Trend").
Prof. Dr. Walter Freyer ist Inhaber des Lehrstuhls für Tourismuswirtschaft an der TU Dresden und Autor verschiedener Publikationen zu den Themen Tourismus-Marketing und Tourismus-Ökonomie. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Grundlagen und Motiven des Tourismus. Praktische Erfahrungen im Tourismus erwarb er unter anderem als Geschäftsführer eines Reisebüros und -veranstalters in Berlin und Hamburg.
Diplom-Kaufmann (FH) Philipp Röder M.A. ist seit 2007 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Tourismuswirtschaft an der TU Dresden. Er studierte Tourismuswirtschaft an der Hochschule Harz und International Tourism Management an der Hochschule Heilbronn. Praktische Erfahrungen im Tourismus erwarb er unter anderem bei Reiseveranstaltern, Reisebüros, Destinationen und Hotels.
Freyer, W.: Tourismus - Einführung in die Fremdenverkehrsökonomie, 10. Aufl., München 2011
Freyer, W.: Tourismus-Marketing - Marktorientiertes Management im Mikro- und Makrobereich der Tourismuswirtschaft, 6. Aufl., München 2009
F.U.R.-Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (Hrsg.): Reiseanalyse 2010 - Die Urlaubsreisen der Deutschen, Kiel 2010
F.U.R.-Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (Hrsg.): Urlaubsmotive, Sonderauswertung Reiseanalyse 2008, Kiel 2009
Hanich, F.M.: Destinationsmarken im Special Interest Tourismus, 2007
Seitz, E./Meyer, W.: Tourismusmarktforschung - Ein praxisorientierter Leitfaden für Touristik und Fremdenverkehr, 2. Aufl., München 2006
Swarbrooke, J./Horner, S.: Consumer Behaviour in Tourism, 2. Aufl., Oxford: Butterworth Heinemann 2006
UNWTO-Welttourismusorganisation: Tourism 2020 Vision, Madrid 2003