Volkswirtschaftslehre
Kann Beschäftigung durch Inflation erkauft werden? Dieser Zusammenhang drängte sich in der Vergangenheit nach empirischen Untersuchungen des Ökonomen Phillips tatsächlich auf. Unser Arbeitsmarktexperte beleuchtet die Philips-Kurven im Detail und spricht über scheinbare Trade-offs und irrende Politiker.
Von Professor Dr. rer. pol. Heinz-J. Bontrup, Fachhochschule Gelsenkirchen
Auch Ökonomen streiten sich. Das passiert meist dann, wenn Vertreter unterschiedlicher Theorien - etwa der angebotsorientierten, der neoklassisch-monetaristischen oder der nachfrageorientierten-keynesianischen Theorie - über den möglichen Zusammenhang zwischen Preisniveau und Beschäftigung sprechen.
Unabhängig von dem bis heute schwelenden ökonomischen Theorienstreit veröffentlichte 1958 der britische Ökonom Alban William Housego Phillips (1914-1975) einen Aufsatz über den statistischen Zusammenhang zwischen der Entwicklung der Nominallöhne und der Arbeitslosenrate in Großbritannien für den Zeitraum von 1861 bis 1913 und von 1948 bis 1957. Dabei stellte er in seiner originären Phillips-Kurve einen relativ stabilen inversen nicht-linearen Zusammenhang fest.
(1) Δ LN = f (A)
Das heißt, bei hoher Arbeitslosigkeit (A) stiegen die Nominallöhne (LN) nur wenig (vice versa). Dies ist im Grunde wenig erstaunlich, sind doch die abhängig Beschäftigten und die Gewerkschaften bei vorliegender Arbeitslosigkeit in den Lohnverhandlungen geschwächt. Bei einem Überschussangebot an Arbeit sinkt eben, wie an jedem anderen Markt auch, der Preis für Arbeit (Lohn).

Unter Berücksichtigung der Produktivitätsentwicklung (π) wurde dann eine modifizierte Phillips-Kurve für empirische Untersuchungen in den 1960er Jahren zur Grundlage gemacht. Dies deshalb, weil damit auf Basis unternehmerischer Preiskalkulationen (hier besteht ein enger Zusammenhang zwischen Lohn- und Preisentwicklung) eine Überleitung von der Veränderungsrate der Nominallöhne (Δ LN) zur Preissteigerungs- oder Inflationsrate (Δ P) möglich ist. So können die Nominallöhne verteilungsneutral bezogen auf die Lohn- und Gewinnquote in Höhe der Produktivitäts- und der Inflationsrate steigen.
(2) Δ P = Δ LN - Δ π
Demnach gilt in Anbetracht der originären Phillips-Kurve in Gleichung (1) für die modifizierte Phillips-Kurve die Gleichung:
(3) P = f (A) - π
Damit wurde ein scheinbar stabiles Austauschverhältnis (ein Trade-off) zwischen Inflation und Arbeitslosenquote abgeleitet. Mehr Beschäftigung oder weniger Arbeitslosigkeit könne zu Lasten einer Preisniveaustabilität wirtschaftspolitisch wie auf einer Menükarte erkauft werden. Dieses Denken hat durchaus kurzfristig die Wirtschaftspolitik geprägt. Sichtbarer Ausdruck hierfür ist der bekannte (später von ihm zurückgenommene) Ausspruch des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt, lieber 5 Prozent Inflation als 5 Prozent Arbeitslosigkeit zu akzeptieren.
In den 1970er und 1980er Jahren wurde die Trade-off-Theorie durch das gleichzeitige Auftreten von Stagnation und Inflation (Stagflation) empirisch widerlegt. Auch kritisierte vor allen Dingen der US-amerikanische Ökonom Milton Friedman (1912-2007), dass zwar kurzfristig als Folge der Geldillusion bei den Arbeitnehmern ein Trade-off bestehen könnte, nicht aber in längerfristiger Sicht. Beispielsweise könne ein in der Rezession aufgelegtes Konjunkturprogramm zwar zu positiven Wachstums- und Beschäftigungseffekten führen, gleichzeitig entstünde aber durch die höhere Nachfrage eine Tendenz zu Preissteigerungen.
Diese würden wiederum in den Lohnverhandlungen zum Anlass genommen, höhere Löhne zu fordern. Deren Durchsetzung setze eine Preis-Lohn-Preis-Spirale in Gang, die letztlich zu inflationären Effekten führe und die Beschäftigung würde wieder auf das Normalmaß zurückgehen, das durch eine natürliche Arbeitslosigkeit (Friedman) bestimmt sei. Am Ende hätte nur die Inflationsrate (P) ein höheres Niveau erreicht, so dass die Phillips-Kurve langfristig als Vertikale (vgl. Abb. 2) verlaufen würde, die der „natürlichen Arbeitslosenrate" entspricht und die mit jeder erwarteten Inflation (PE) vereinbar sei.
Hieraus wurde die um Erwartungen erweiterte Phillips-Kurve als langfristige Phillips-Kurve abgeleitet, bei der keine „Arbeitnehmer-Geldillusion" (P = PE) vorliegt.
(4) P = f (A) + PE - π

Damit wurde gleichzeitig einer keynesianischen Nachfragepolitik von Neoklassikern und Monetaristen der Nutzen abgesprochen. Allenfalls kurzfristig könne sie wirken, langfristig treibe sie nur die Inflation, ohne die natürliche Arbeitslosenrate wirklich zu beseitigen. Diese sei ein reales Phänomen, bestimmt durch die Arbeitsproduktivität und die Höhe der realen Nachfrage, aber auch beeinflusst von staatlichen Alimentierungen der Arbeitslosen. Zu jeder Zeit gäbe es Arbeitslose infolge struktureller Änderungen in der Wirtschaft und damit verbundenen Friktionen, womit Friedman aber nichts über das Problem von konjunktureller Arbeitslosigkeit sagt. Selbst wenn man einen langfristig vertikalen Verlauf der Phillips-Kurve anerkennt, so bleibt nach dem US-amerikanischen Ökonomen Paul Samuelson (1915-2009) dennoch die kurzfristige Phillips-Kurve lange genug stabil, um gezielte nachfrageorientierte (konjunkturelle) keynesianische Wirtschaftspolitik erfolgreich zu betreiben. Denn im konjunkturellen Abschwung gibt es auf Grund nicht ausgelasteter Produktionskapazitäten eher eine deflatorische als denn eine inflatorische Tendenz.
Prof. Dr. Heinz-J. Bontrup ist Professor an der FH Gelsenkirchen, Abteilung Recklinghausen, Fachbereich Wirtschaftsrecht. Sein Lehrgebiet ist Betriebswirtschaftslehre mit volkswirtschaftlichen Bezügen, insbesondere Arbeitsökonomik.