Auf eine Tasse mit Michael Bloss
Ohne Öl steht die Welt still: Kein Flugzeug am Himmel, kein Auto auf der Straße und letztendlich keine Lebensmittel im Supermarkt. Auch wenn in der westlichen Welt nach Alternativen gesucht wird, bleibt Öl in den nächsten Jahrzehnten besonders in den Entwicklungs- und Schwellenländern weiterhin wichtigste Triebfeder für die Entwicklung. Unser Experte berichtet von Ölsanden in Alberta, indischen Kleinwagen und dem ungebrochenen Hunger nach Öl.
Von Michael Bloss, Europäisches Institut für Financial Engineering und Derivateforschung (EIFD), Frankfurt am Main
Gewiss hat der Untergang der Ölbohrplattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko die Weltöffentlichkeit aufhören lassen, dennoch bleibt die Nachfrage nach dem schwarzen Gold weltweit ungebrochen. Das spiegelt sich auch im Ölpreis wieder, der in den nächsten Jahren ganz sicher weitere Höhenrekorde brechen wird. Der Anreiz für die Erdölproduzenten bleibt folglich groß, auch mit mehr Aufwand und mehr Risiko Öl aus der Tiefe an die Oberfläche zu befördern - aber die Produzenten werden zudem alternative Verfahren zur Gewinnung von Erdöl in wachsendem Maße nutzen.
Denn: Ab einem Ölpreis von rund 100 US-Dollar pro Barrel ist es für sie auch lukrativ, Rohöl aus so genannten Ölsanden herzustellen. Die Kosten liegen hier pro Barrel bei rund 40 US-Dollar. Öldsande sind ein Gemisch aus Ton, Silikaten, Wasser und Kohlenwasserstoffen. Im Durchschnitt werden zwei Tonnen Ölsand benötigt um ein Barrel Rohöl zu gewinnen. Die größten Vorkommen finden sich im kanadischen Alberta und im südamerikanischen Venezuela. Allein die in Alberta lagernde Menge an Ölsand entspricht in etwa einer Fördermenge von sagenhaften 180 Milliarden Barrel Erdöl.
Während in der entwickelten Welt das Umweltbewusstsein zwar weiter wächst, mit fossilen Brennstoffen sparsam umzugehen, steigt der Hunger nach Öl besonders in den Entwicklungs- und Schwellenländer. Ein gutes Beispiel hierfür ist Indien: Der Kleinwagen Tata Nano ist dort seit 2008 bereits für umgerechnet 1.700 Euro zu haben und stellt für eine wachsende Zahl der Inder eine attraktive Alternative zum Moped und Fahrrad dar. Eine Revolution auf dem Subkontinent, die allerdings nur mit Öl funktioniert.
Kommen in den USA derzeit auf 100 Einwohner rund 80 Autos, so steht im Vergleich dazu nur bei vier von 100 Indern ein Wagen vor der Tür. Aber auch in China nimmt der Wunsch nach einem Auto explosionsartig zu: Während 2001 noch nicht einmal eine Millionen Autos in China verkauft wurden, waren dies 2009 rund 7 Millionen Fahrzeuge. Und das ist erst der Anfang. Der Trend, von dem besonders auch deutsche Hersteller profitieren, scheint weiter ungebrochen.
Dass der Ölpreis in den kommenden Jahren deutlich steigen wird, ist die sichere Konsequenz aus den sich global wandelnden Konsum- und Lebensstilen - besonders in den Entwicklungs- und Schwellenländern. Die Alternative zum Öl, die zum Beispiel in der Sonnen- und Windenergie liegen kann, wird allerdings bis dato nur in der westlichen Welt perfektioniert und eingesetzt. Im Rest der Welt wird diese Technik erst viel später Einzug halten. Fossile Brennstoffe werden besonders dort auch in den nächsten Jahren weiterhin der Antrieb für die Entwicklung und Mobilität sein.
Michael Bloss ist Abteilungsdirektor im Wealth Management der Commerzbank AG und Direktor des Europäischen Instituts für Financial Engineering und Derivateforschung (EIFD). Er lehrt als Associate Professor und Director for Derivatives am Lehrstuhl für International Finance der European School of Finance an der HfWU und unterrichtet als Lehrbeauftragter an weiteren namhaften Universitäten und Hochschulen.