Was sind Prognosemärkte genau und welches Potenzial steckt in ihnen? Wo werden sie bereits täglich genutzt und warum müssen sie sich immer noch mit einer Menge Kritik und Herausforderungen auseinandersetzen? stock.adobe.com © Deemerwha studio (DATEI-NR.: 473340676)
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Prognosemärkte: Hintergründe, Einsatzgebiete und Potenziale

Prognosemärkte sind Systeme im Rahmen virtueller Marktplattformen, mit deren Hilfe sich die Wahrscheinlichkeit bestimmter Ereignisse vorhersagen lässt. Viele Menschen nutzen Prognosemärkte, zu denen etwa auch Wettbörsen im Internet gehören, um Geld zu verdienen. Den meisten ist allerdings nicht bewusst, was Prognosemärkte auch für die Forschung oder etwa die Politik so interessant macht. Nicht immer scheint es den Partizipierenden außerdem ums Geld zu gehen. Aber wo liegt dann die Motivation?

Welche Arten von Prognosemärkten gibt es?

Die meisten und regelmäßig genutzten Prognosemärkte sind virtuelle Wertpapiermärkte und Wettbörsen. Bei ersteren geht es, anders als der Name vielleicht vermuten ließe, nicht um signifikante Geldbeträge. Wettbörsen dagegen bieten den Teilnehmenden die Möglichkeit, mitunter auch große reale Geldbeträge zu gewinnen.

Virtuelle Wertpapiermärkte sind Plattformen, auf denen virtuelle Aktien zukünftige Ereignisse oder bestimmte Marktzustände repräsentieren. Das können zum Beispiel die Absatzzahlen bestimmter Produkte eines Unternehmens sein. Der tatsächliche Ausgang eines vorhergesagten Ereignisses entscheidet jeweils über den entsprechenden Wert einer der hier verfügbaren Aktien. Pro verkauften Einheiten von beispielsweise 10 Stück, gibt es dann mitunter einen virtuellen Cent.

Börsenspiele, bei denen der Kurs realer Börsen übernommen wird, unterscheiden sich von diesem Prinzip deutlich. Denn Kauf- und Verkaufsaufträge bei virtuellen Wertpapiermärkten werden über eigene Handelsmechanismen ausgeführt. Entscheidend ist bei ihnen das Anreizsystem, dass jeder Teilnehmende die beste Prognose abgeben möchte. Das Prinzip virtueller Wertpapiermärkte lässt sich dementsprechend im weitesten Sinne auch dem Bereich der Gamification zuordnen.

Wettbörsen (im Internet) sind wiederum Plattformen, die Teilnehmenden die Möglichkeit bieten, Wetten in oft beliebiger Höhe auf den Ausgang diverser Ereignisse zu setzen und damit reales Geld zu verdienen. Die bekanntesten Wettbörsen stellen dabei solche dar, die sich ausschließlich sportlichen Ereignissen widmen. Besonders auf Fußballspiele, aber auch auf Pferderennen oder andere bekannte Sportarten wird gerne gesetzt. Zudem gibt es aber auch Wettbörsen, auf denen sich auf den Ausgang diverser gesellschaftlicher oder auch politischer Ereignisse setzen lässt.

Bei traditionellen Wetten setzen Teilnehmende ihre Wetten gegen einen Buchmacher. Wettbörsen und Buchmacher unterscheiden sich jedoch nicht nur hinsichtlich der Quoten voneinander, zu denen sich Tipper gut informieren sollten. Das Grundprinzip der beiden Wettsysteme ist ein ganz anderes. Denn bei Wettbörsen treten die Teilnehmenden gegeneinander an.

Jeder Wetter kann bei einer Wettbörse seine eigene Quote auf ein Wettereignis anbieten. Sehen andere Teilnehmende eine Quote im Hinblick auf ihre Eintrittswahrscheinlichkeit als zu hoch an, wird sie verstärkt angespielt. Die Quote reguliert sich damit im weiteren Verlauf der Wetteinsätze hinsichtlich ihrer Eintrittswahrscheinlichkeit. Gerade, wenn viele fähige Teilnehmende eine gute Quote auf ein Ereignis anspielen, spiegelt sie sich nach und nach im Verhalten anderer Tipper wider. Im Laufe der Zeit bildet sich dann eine sogenannte „wahre Quote“: Die Quote kommt der Eintrittswahrscheinlichkeit des Ereignisses, basierend auf dem gesamten Marktverhalten, am nächsten.

Die Grundidee von Prognosemärkten

Anhand der obigen Beschreibung des Prinzips von Wettbörsen dürfte die Grundidee von Prognosemärkten im Allgemeinen bereits halbwegs klargeworden sein. Prognosemärkte sind stets Systeme, die verschiedene Ereignisse vorhersagen. Dabei wird sich in der Regel auf einen allgemeinen Bereich von Vorhersagen konzentriert. Politik, Filme, Sport, Technologie und anderes sind typische Bereiche.

Bekannte Prognosemärkte sind beispielsweise:

  • Betfair
  • TradeSports
  • Popular Science Predictions Exchange
  • Iowa Electronic Markets
  • Hollywood Stock Exchange

Aus der Wettaktivität des Kollektivs, das sich auf derlei Märkten versammelt, sollen genauere Vorhersagen entstehen. Genaue Vorhersagen sollen dabei mit Gewinnen belohnt und ungenaue Vorhersagen durch Verluste bestraft werden. Es gibt bislang keine Belege dafür, dass Prognosemärkte, die echtes Geld verwenden, genauere Prognosen erstellen können als solche, die mit imaginärem Geld funktionieren.

Wettbörsen etwa für Sportwetten sind die bekanntesten und vermutlich auch weitverbreitetsten Prognosemärkten. Geld ist ein großer Anreiz, auf das Eintreffen bestimmter Ereignisse zu setzen – wenn auch nicht der einzige. stock.adobe.com © vectorfusionart (DATEI-NR.: 87506906)

Anders als man annehmen könnte, gibt es Prognosemärkte schon seit vielen Jahrzehnten. In den 1940er Jahren etwa wetteten Menschen in verschiedenen Ländern schon darauf, welche Politiker bestimmte Kampagnen gewannen. Der erste offizielle Markt für Unternehmensvorhersagen wurde allerdings erst 1990 gegründet. Der US-amerikanische Ökonom Robert Hanson entwickelte den Markt während der Arbeit für das Softwareunternehmen „Project Xanadu“. Der Prognosemarkt hatte die Funktion, auf aktuelle wissenschaftliche Kontroversen zu setzen.

Im Laufe der 90er Jahre sowie in den frühen 2000er Jahren kamen schließlich weitere Prognosemärkte auf. Die Verbreitung des Internets sowie die allgemein bekannter werdende Idee von Prognosemärkten trugen zu dieser Entwicklung maßgeblich bei. Umstritten ist einerseits nach wie vor, wie effektiv Prognosemärkte sind und wie einwandfrei sie in ethischer Hinsicht sind. Gerade deshalb aber sind sie auch ein spannendes Forschungsfeld und Thema für viele wissenschaftliche und philosophische Auseinandersetzungen.

Einsatzgebiete der Prognosemärkte und diverse Versuche

Die Wissenschaftszeitung „Spektrum“ berichtete Ende 2016 in einem Beitrag zu Prognosemärkten mit dem Titel „Die Wahrsager von heute“ in interessanter Weise über die Faszination für die offenbar noch stark forschungsrelevante Thematik. Hier wird deutlich, wie breit die Einsatzgebiete von Vorhersagemärkten sein können und welche wissenschaftlichen Versuche mit ihnen auch schon durchgeführt wurden.

So wollte eine internationale Gruppe von Psycholog:innen etwa versuchen, ob sich ein Nutzen aus den Vorhersagen zur Reproduzierbarkeit von Studien ziehen lasse. Anfangs schätzten die beteiligten Psycholog:innen allein für sich ein, wie gut reproduzierbar Ergebnisse bestimmter wissenschaftlicher Studien seien. Im Anschluss daran richtete Anna Dreber, Ökonomin an der „Stockholm School of Economics“, Prognosemärkte für jede einzelne der Studien ein. Die Psycholog:innen sollten dann einen bestimmten, dafür bereitgestellten Betrag für die Studien investieren. Dreber stellte fest, dass die Schätzungen der Teilnehmenden über die Reproduzierbarkeit der Studien nicht besser als der reine Zufall war. Agierten die Beteiligten aber im Kollektiv an einem Prognosemarkt, konnte das richtige Ergebnis in 71 Prozent aller Studien vorhergesagt werden.

Experimente wie ebenjenes zeigen das Potenzial, das Prognosemärkte mit sich bringen und wie genau Gesamtprognosen mit Hilfe der kollektiven Einschätzung Einzelner werden können. Gerade in den USA sind bereits viele Menschen von diesem Effekt fasziniert. Zu jeder Präsidentschaftswahl sind Prognosemärkte, auf denen sich das Ranking bevorzugter Kandidat:innen verfolgen lässt, mehr als überfüllt. Die Vorhersagen von „Betfair“ beispielsweise werden dann von Hunderttausenden ernstgenommen und für Berichte, Diskussionen und mitunter diverse Entscheidungen genutzt.

Die auf Prognosemärkten gesammelten Ergebnisse sind für viele Befürworter auch deshalb so attraktiv, weil sie Informationen beinhalten, die sich im Rahmen herkömmlicher Umfragen nicht herausbilden würden. Außerdem seien sie weniger durch Verfälschungen belastet als ebenjene Umfragen sowie die Meinung verschiedener Expert:innen zu einem Thema.

Die Motivation für die Teilnahme

Viele Menschen nutzen Prognosemärkte, um bestenfalls eine Menge Geld zu gewinnen. Doch Geld ist ganz offensichtlich nicht die einzige Motivation zur Teilnahme an Prognosemärkten. Man nehme etwa das Beispiel „Metaculus“. Schwerpunkt der amerikanischen Plattform ist die Vorhersage des Zeitpunkts, der Art und der Auswirkungen wissenschaftlicher und technologischer Fortschritte und Durchbrüche. Mit Hilfe eines einfachen Schiebebalkens können Teilnehmende auf dem Prognosemarkt bestimmten, wie hoch ihrer Meinung nach die Wahrscheinlichkeit einer bestimmten Antwort ist.

Prognosemärkte könnten zukünftig etwa auch für Kapitalgeber immer interessanter werden. Denn die Vorhersagen des Kollektivs bezüglich bestimmter Ereignisse können echte Entscheidungshilfen in Finanzierungsprozessen darstellen. stock.adobe.com © SFIO CRACHO (DATEI-NR.: 141426532)

Wie richtig man liegt, erfährt man schließlich nach Eintreffen des entsprechenden Ereignisses. Geld allerdings bekam mehrere Jahre lang niemand der Teilnehmenden. Offenbar scheint es hier also rein um Prestige zu gehen. Als Motivation für die Teilnahme reicht die Genugtuung aus, im Falle einer korrekten Schätzung, richtiggelegen zu haben und sich damit bestenfalls von vielen anderen abzuheben. Erst seit 2020 vergibt Metaculus an die genausten Nutzervorhersagen monetäre Preise – allerdings reichen diese nicht aus, um reich zu werden und sind somit eher symbolisch zu verstehen. Gerade Prognosemärkte wie Metaculus sind auch für die Wirtschaft mehr als interessant. So könnten beispielsweise Finanzgeber mit Hilfe der Ergebnisse diverser Vorhersagen aus gut geführten Prognosemärkten Entscheidungshilfen für mitunter förderungswürdige Projekte bekommen.

Wichtig wäre nur, dass beispielsweise Manipulationsmöglichkeiten eingeschränkt, bzw. ausgeschlossen würden und dass die Prognosen durch unterschiedlichste Faktoren möglichst wenig verzerrt würden. Außerdem müssen sich Prognosemärkten weiterhin mit der Kritik auseinandersetzen, dass sie sich oftmals am Rande des Ethischen bewegen. Nach dem Terroranschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001 etwa, versuchte der bereits erwähnte Robin Hanson einen Prognosemarkt einzurichten, der die Wahrscheinlichkeit von Terroranschlägen beurteilen sollte. Hansons Idee wurde schnell von Leuten vereitelt, die die ganze Vorstellung als sehr unethisch betrachteten.

Außerdem argumentieren viele Wissenschaftler, dass Vorhersagemärkte nur dann nützlich sind, wenn die Wahrscheinlichkeit des Ereignisses nahe 1 oder 0 liegt.  Es bleibt also abzuwarten, ob diese Probleme überhaupt beseitigt werden können und inwieweit Prognosemärkte sich noch stärker durchsetzen können.

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