William Potter/shutterstock.com
Gesellschaft

Kaufzwang und Kaufsucht: Wenn man den Verlockungen verfällt

Kaufen kann einen Suchcharakter aufweisen und äußert sich dann durch einen Zwang, die Kaufhandlung ständig zu wiederholen, ohne dass die Anschaffungen überhaupt gebraucht werden. Die Übergänge hin zu einem krankhaften, also pathologischen Kaufverhalten können fließend sein, sich über Jahre entwickeln und nach außen hin auch nicht direkt erkennbar. Außerdem ist es für den Kaufsüchtigen auch selbst nicht klar, dass ein ernsthaftes Problem vorliegt. Kaufsucht ist mittlerweile eine medizinische Diagnose, kann also auch psychiatrisch und psychotherapeutisch behandelt werden. Beim Kaufzwang werden die gleichen Charakteristika zu Grunde gelegt, wie sie auch andere Süchte aufweisen. Dazu gehören beispielsweise ein Kontrollverlust, der Zwang immer mehr Dinge kaufen zu müssen, also eine Dosis Steigerung aber auch ein Wiederholungszwang.

Kaufsucht entwickelt sich oft über Jahre und hat die Tendenz zur Verschlimmerung

Es ist das Wesen einer Sucht Erkrankung, dass im Verlauf auch körperliche Symptome auftreten können, aber nicht müssen. Bei den meisten von Kaufsucht Betroffenen ist dies jedoch der Fall. Typisch sind beispielsweise eine zunehmende innere Unruhe, häufig begleitet von Zittern und Schweißausbrüchen. Erst, nachdem wieder ein Kauf getätigt wurde, lassen die Symptome allmählich wieder nach. Spätestens jetzt ist ein Punkt erreicht, an dem eine professionelle Therapie ins Auge gefasst werden sollte. Die Betroffenen leiden häufig auch an depressiven Verstimmungen und sind darüber hinaus auch von Schuldgefühlen geplagt aufgrund der Erkenntnis, die Sache selbst nicht mehr in den Griff zu bekommen.

Gegenüber nahestehenden Personen wird der Kaufzwang häufig so lange verschwiegen, bis sich durch die immer schlimmere Entwicklung gewisse Dinge nicht mehr nach außen hin verstecken lassen. In den meist vielen Jahren einer Kaufsucht können sich beträchtliche Summen an Schulden anhäufen, was zwangsläufig früher oder später zu Problemen am Arbeitsplatz oder in der Partnerschaft führt.

Kaufen führt zur kurzfristigen Ausschüttung von Glückshormonen

Nachdem eine Kaufsucht diagnostiziert und hohe Schulden dabei festgestellt wurden, bleibt den Betroffenen oft nichts anderes übrig, als Privatinsolvenz zu beantragen, um überhaupt eine Chance zu haben, den Schuldenberg wieder abzubauen. Natürlich ist die Frage berechtigt, warum manche Menschen überhaupt einen Kaufzwang entwickeln. Untersuchungen zu diesem Phänomen haben eindeutig gezeigt, dass der Vorgang des Kaufens Glücksgefühle hervorruft, zumindest vorübergehend. Außerdem lebt der Kaufsüchtige ab einem gewissen Punkt in seiner eigenen Welt und findet durch den Kauf Anerkennung und Wertschätzung. Außerdem, so die Erfahrungen, äußern Kaufsüchtige immer wieder, dass der Kaufvorgang mit Gefühlen von Wichtigkeit und einem gesteigerten Ego einhergehen.

In späteren Phasen des Kaufzwangs können diese positiven Gefühle aber auch ganz schnell wieder kippen, dann überwiegen also negative Emotionen wie depressive Verstimmungen oder Gefühle von Schuld oder Scham. Auffallend ist auch, dass die Betroffenen ihre Sucht verleugnen, lügen und sich zunehmend von der Außenwelt abkapseln. Damit ein Kaufsüchtiger seine Bedürfnisse befriedigen kann, ist es noch nicht einmal notwendig ein Geschäft zu betreten, denn die Möglichkeit im Internet online zu bestellen ist für Menschen mit Kaufzwang die größte Verlockung.

Die tieferen Ursachen eines Kaufzwangs liegen meist in der Kindheit

Treten unangenehme Gefühle auf, so ist der Kauf für die Betroffenen eine Möglichkeit, diese Gefühle wenigstens vorübergehend zu betäuben. In der psychotherapeutischen Behandlung von Kaufsüchtigen wird versucht, die Wurzeln für ein solches Verhalten aufzudecken. Wie bei anderen Süchten auch, so spielt hier die Kindheit eine wichtige Rolle. Die Betroffenen haben als Kinder oft zu wenig Zuneigung, Aufmerksamkeit und Geborgenheit erfahren und konnten so kein gesundes Selbstwertgefühl ausprägen. Wenn also erwachsene Personen aufgrund der Erfahrungen in der Kindheit Minderwertigkeitskomplexe entwickeln und kein stabiles Selbstwertgefühl haben, ist die Neigung zu zwanghaftem Kaufen besonders stark ausgeprägt. Bei genauerem Hinschauen bedeutet zwanghaftes Kaufen also nichts anderes als den Versuch, mangelnde Zuwendung in der Kindheit zu kompensieren.

Auch die nicht gelernte Fähigkeit, sich mit Konflikten auseinanderzusetzen, kann bei Erwachsenen zur Kaufsucht führen. Kaufzwänge sind auch nicht bloß ein weibliches Problem, denn zunehmend leiden auch Männer darunter, allerdings ist deren Kaufverhalten in der Sucht dann abweichend.

Während Frauen ihre Unzufriedenheit mit dem äußeren Erscheinungsbild oft durch den übermäßigen Kauf von Schmuck, Make-up oder Kleidung kompensieren möchten, kaufen Männer übermäßig häufig technische Geräte wie beispielsweise Computer oder Kameras. Den Kaufsüchtigen kann allerdings nicht die alleinige Schuld an ihrem Verhalten gegeben werden, denn die heutigen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen machen es relativ einfach, einen Kaufzwang zu entwickeln. Im Internet können rund um die Uhr Bestellungen getätigt werden, Kreditkarten erleichtern das Geld ausgeben und Kaufen ganz allgemein wird nicht nur überall akzeptiert, sondern aktiv gefördert.

Ähnliche Beiträge

Bürokratie als Organisationsprinzip: Merkmale und Theorien

Heinrich Gellertshausen